Die Pflege in Deutschland wird in großen Teilen von Verwandten, Freunden und anderen ehrenamtlichen Pflegepersonen geleistet. Von knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftigen werden laut dem Statistischen Bundesamt 85,9 Prozent zu Hause betreut, 54,5 Prozent werden allein von Angehörigen gepflegt – also ohne Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes.
Auch Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer, die als Mitglied der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ an der geplanten Pflegereform arbeitet, erklärt laut dem Bundesgesundheitsministerium (BMG), dass Angehörige den „Löwenanteil der Pflege in Deutschland“ leisten. Sie müssten besser unterstützt werden. „Dazu wollen wir bessere Rahmenbedingungen schaffen, um Pflege, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können“, sagt die SPD-Politikerin. Aber wollen Angehörige das überhaupt?
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag des Arbeitgeberverbandes Pflege (AGVP) zeigt: Für die Mehrheit der Deutschen ist die Pflege Angehöriger keine Option. Nur rund 44 Prozent der Befragten möchten und können Betroffene selbst versorgen. Für den AGVP ist dieses Ergebnis keine Überraschung. Der Verband fordert in puncto Pflegereform eine andere Richtung einzuschlagen.
Pflegebedürftige zu Hause versorgen: Wie häufig übernehmen Angehörige die Pflege?
Der aktuellen Pflegestatistik zufolge wurden im Jahr 2023 knapp 4,9 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt, also 85,9 Prozent. 3,1 Millionen Betroffene (54,5 Prozent) wurden alleine von Angehörigen gepflegt. So haben sich die Zahlen laut dem Statistischen Bundesamt ab 1999 entwickelt:
| Pflegestatistik | Pflegebedürftige gesamt | Pflege allein durch Angehörige | Pflege allein durch Angehörige |
|---|---|---|---|
| 2023 | 5.688.473 | 3.103.007 | 54,5 Prozent |
| 2021 | 4.961.146 | 2.553.921 | 51,5 Prozent |
| 2019 | 4.127.605 | 2.116.451 | 51,3 Prozent |
| 2017 | 3.414.378 | 1.764.904 | 51,7 Prozent |
| 2015 | 2.860.293 | 1.384.604 | 48,4 Prozent |
| 2013 | 2.626.206 | 1.245.929 | 47,4 Prozent |
| 2011 | 2.501.441 | 1.182.057 | 47,3 Prozent |
| 2009 | 2.369.651 | 1.065.564 | 45,0 Prozent |
| 2007 | 2.246.829 | 1.033.286 | 46,0 Prozent |
| 2005 | 2.128.550 | 980.425 | 46.1 Prozent |
| 2003 | 2.076.935 | 986.520 | 47,5 Prozent |
| 2001 | 2.039.780 | 1.000.736 | 49,1 Prozent |
| 1999 | 2.016.091 | 1.027.591 | 51,0 Prozent |
Der Verlauf zeigt, dass rund die Hälfte der Pflegebedürftigen schon seit Jahren von Angehörigen gepflegt wird. Im Jahr 2023 ist der Anteil aber sprunghaft angestiegen. Ob diese Entwicklung weiter fortgeführt werden kann, ist fraglich, denn der INSA-Umfrage des AGVP zufolge sind immer weniger Deutsche bereit oder in der Lage, die Pflege zu übernehmen.
Grundpfeiler des Pflegesystems wackelt: Mehrheit der Deutschen möchte Angehörige nicht pflegen
Mit 43,7 Prozent kann und möchte laut dem AGVP nicht einmal die Hälfte der Deutschen bedürftige Angehörige mit einem Pflegegrad von 1 bis 5 selbst versorgen. 34,4 Prozent – also etwa jeder Dritte – haben angegeben, sich aufgrund der eigenen Lebensumstände dazu nicht in der Lage zu fühlen. Etwa jeder Zehnte (10,7 Prozent) möchte sich nicht um Angehörige kümmern. Die Befragung wurde telefonisch von 7. bis 10. November 2025 mit einer Stichprobe von 2010 Personen ab 18 Jahren durchgeführt.
Dabei wurden in der Pflegebereitschaft kaum regionale Unterschiede festgestellt. Mit weniger als 35 Prozent war diese jedoch in Sachsen-Anhalt am niedrigsten und mit über 55 Prozent in Bremen am höchsten. Auch bei den verschiedenen Altersgruppen gab es kaum Abweichungen vom Bundesdurchschnitt. Während unter den 18- bis 39-Jährigen sowie 60- bis 69-Jährigen etwa 45,5 bis 46,2 Prozent bereit und in der Lage wären, Angehörige zu pflegen, fällt der Anteil bei den übrigen Altersgruppen etwas geringer aus. Die geringste Pflegebereitschaft wurde bei den 40- bis 49-Jährigen mit 39,9 Prozent festgestellt. Insgesamt gaben 43,8 Prozent der Frauen und 43,5 Prozent der Männer an, bereit zu sein, die Pflege Angehöriger zu übernehmen.
Den AGVP überraschen die Umfrageergebnisse eigenen Angaben zufolge nicht. Zum Zeitpunkt der Umfrage gaben 24,9 Prozent der Befragten an, pflegebedürftige Angehörige zu haben. Diese Zahl dürfte laut dem Verband in den nächsten Jahren immer größer werden. Aber auch Angehörige „haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben – und der Arbeitsmarkt kann auf sie nicht verzichten“, erklärt der AGVP. Deshalb fordert der Verband von der Bundesregierung einen Richtungswechsel.
Pflege durch Angehörige: AGVP fordert Umdenken bei der Pflegereform
Die Förderung der häuslichen Pflege ist ein Aspekt der geplanten Pflegereform – laut AGVP-Präsident Thomas Greiner allerdings der falsche Ansatz. Die Versorgung durch Angehörige sei veraltet und nicht mehr zeitgemäß. „Die Lösung der Pflegekrise durch eine Hausfrauen-Pflege ist eine Illusion von Leuten, die zu viele Heimatfilme aus den fünfziger Jahren geschaut haben“, macht Greiner seinen Standpunkt deutlich.
Auch AGVP-Geschäftsführerin Isabell Halletz kritisiert die Pläne der Bundesregierung, weiter auf eine Versorgung durch Angehörige zu setzen. Sie warnt insbesondere vor den Folgen für Frauen, die häufig die Care-Arbeit übernehmen.
Zudem warnt der Verband vor wirtschaftlichen Folgen, wenn immer mehr Menschen in die Pflegearbeit eingebunden sind. „Was macht eigentlich der Wirtschaftsflügel der Union beruflich?“, fragt Greiner provokativ und erklärt: „Wenn die Menschen, also vor allem die Frauen, zu Hause bleiben müssen, um ihre Angehörigen zu pflegen, dann fehlen diese wertvollen Fachkräfte dem Arbeitsmarkt. Man kann doch nicht jahrelang den Fachkräftemangel beklagen und dann die Fachkräfte lahmlegen mit einer Heim-und-Herd-Pflegepolitik.“
Greiner fordert mehr Pragmatismus und Lebensnähe für die geplante Pflegereform. Die Politik müsse Pflegebedürftigen die freie Wahl zwischen verschiedenen Pflegeformen ermöglichen. Die häusliche Pflege finanziell zu fördern und gleichzeitig in Pflegeheimen den „Geldhahn“ zuzudrehen, sei keine Lösung. Viel mehr müsse eine professionelle Pflege in allen Versorgungsformen sichergestellt werden.
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