Rund 5,1 Millionen Menschen der Babyboomer-Generation könnten im Alter mit weniger als 800 Euro gesetzlicher Rente im Monat auskommen müssen. Besonders betroffen wären Mieterinnen und Mieter, weil steigende Wohnkosten für viele Senioren zum Armutsrisiko werden könnten. Das geht aus Berechnungen des Pestel-Instituts hervor, die im Auftrag der IG BAU erstellt wurden.
Niedrige Renten, hohe Mieten: Millionen Babyboomern droht Wohnarmut
Nach Angaben des Instituts würden rund 40 Prozent der Jahrgänge 1960 bis 1969 unter der Marke von 800 Euro gesetzlicher Bruttorente liegen. Grundlage sind Auswertungen bestehender Rentendaten. Weitere Alterseinkünfte wie Betriebsrenten, private Vorsorge, Wohneigentum oder Partnereinkommen wurden dabei nicht berücksichtigt. Gleichzeitig verweist das Pestel-Institut auf Anfrage unserer Redaktion darauf, dass Menschen mit niedrigen Einkommen oft kaum Möglichkeiten gehabt hätten, zusätzlich privat vorzusorgen.
Aktuelle Daten zeigen zudem, dass finanzielle Risiken im Alter tatsächlich zunehmen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren bereits 2024 rund 19,4 Prozent der Menschen über 65 Jahre armutsgefährdet. Bei Frauen lag die Quote mit 21,4 Prozent noch höher.
Wie aussagekräftig sind die 800 Euro?
Die Berechnung des Pestel-Instituts bezieht sich ausschließlich auf die gesetzliche Bruttorente. Weitere Einkünfte wurden nicht berücksichtigt. Deshalb bedeutet eine gesetzliche Rente von weniger als 800 Euro nicht automatisch, dass Betroffene tatsächlich arm sind.
Wissenschaftler weisen seit Jahren darauf hin, dass Altersarmut deutlich komplexer zu messen ist als allein über die Höhe der gesetzlichen Rente. Der DIW-Ökonom Johannes Geyer betonte in einem Papier, dass bei Prognosen zur Altersarmut auch Vermögen, Wohnkosten und Haushaltskonstellationen berücksichtigt werden müssten.
Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung lag der durchschnittliche Zahlbetrag bei Altersrenten Ende 2024 bei rund 1154 Euro monatlich. Frauen erhielten im Schnitt 955 Euro, Männer 1405 Euro.
Für viele Senioren dürfte im Alltag ohnehin weniger die reine Rentenhöhe entscheidend sein als die Entwicklung der Wohnkosten. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen, dass Mieten und Wohnkosten in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen sind als Renteneinkommen. Vor allem ältere Mieterhaushalte mit niedrigen Einkommen seien zunehmend belastet. Nach Einschätzung der IG BAU könnte sich die Entwicklung in den kommenden Jahren weiter verschärfen. „Spätestens die Miete drängt einen Großteil der Babyboomer dann in die Wohnarmut“, warnte IG-BAU-Chef Robert Feiger in einer Mitteilung zu dem Thema. Steigende Mieten sowie höhere Heiz- und Nebenkosten würden die ohnehin niedrigen Renten zunehmend aufzehren.
Altersarmut: Warum hohe Wohnkosten für Rentner zum Risiko werden
Besonders problematisch sei nach Einschätzung von Diplom-Ökonom Matthias Günther, Geschäftsführer des Pestel-Instituts, dass viele ältere Menschen nach dem Eintritt in den Ruhestand finanziell unter Druck gerieten. Hintergrund seien vor allem deutlich sinkende Einkommen bei gleichzeitig hohen Wohnkosten. Wer sich seine Wohnung während des Berufslebens noch leisten konnte, habe damit im Alter oft zunehmend Schwierigkeiten.
Gleichzeitig helfe selbst ein Umzug häufig nicht weiter. Wegen der großen Unterschiede zwischen älteren Bestandsmieten und aktuellen Angebotsmieten seien kleinere Wohnungen oft sogar teurer als die bisherige Wohnung. Über die Zahl der Grundsicherungsempfänger hinaus rechnet das Pestel-Institut deshalb mit weiteren Senioren, die erhebliche Probleme bekommen könnten, ihren laufenden Lebensunterhalt zu finanzieren.
Auch der Sozialverband VdK sieht erheblichen politischen Handlungsbedarf im Hinblick auf die Zahlen des Instituts. Entscheidend sei nicht allein die Höhe der gesetzlichen Rente, sondern was nach Abzug der Wohnkosten tatsächlich zum Leben bleibe, erklärte VdK-Präsidentin Verena Bentele auf Anfrage unserer Redaktion. Besonders Frauen seien gefährdet, weil sie häufiger in Teilzeit, in prekären Beschäftigungen oder in kleineren Betrieben ohne Betriebsrente gearbeitet hätten. Zudem beantragten viele Betroffene bestehende Ansprüche auf Grundsicherung gar nicht. Schätzungen zufolge verzichten rund 60 Prozent der Berechtigten auf staatliche Leistungen – etwa aus Scham, Unwissenheit oder Angst vor Bürokratie.
Für viele Babyboomer dürfte deshalb zunehmend nicht nur die Rentenhöhe entscheidend sein, sondern auch die Frage, ob sie sich ihre Wohnung im Alter noch leisten können.
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