Viele Rentner in Deutschland müssen ihre monatlichen Kosten genau kalkulieren: Die Miete steigt, Lebensmittel werden teurer, der Pflege-Eigenanteil wird höher, erklärt die Verbraucherzentrale. Statistisch scheint diese Sorge berechtigt. Jede fünfte Person im Ruhestand hat laut dem Statistischen Bundesamt höchstens 1400 Euro netto im Monat zur Verfügung.
Ob höhere Zuschüsse, neue Umverteilung oder Reformen der gesetzlichen Rentenversicherung – kaum eine rentenpolitische Debatte kommt derzeit ohne den Verweis auf Altersarmut aus, sagt die Deutsche Welle. Doch hinter den Zahlen verbirgt sich womöglich ein komplexeres Bild.
Viele Menschen im Ruhestand besitzen etwas, das in den klassischen Armutsstatistiken kaum auftaucht: Vermögen. Immobilien, Rücklagen, Wertpapiere oder Ersparnisse können die tatsächliche finanzielle Lage erheblich verändern. Genau darauf verweist eine im Mai 2026 erschienene Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) – und stellt damit die bisherige Debatte über Altersarmut infrage.
Warum gelten so viele Rentner statistisch als arm?
Die sogenannte Armutsgefährdungsquote orientiert sich in Deutschland am Einkommen. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens von 3200 Euro zur Verfügung hat, informiert das Statistische Bundesamt. Besonders ältere Menschen fallen deshalb häufig unter diese Definition.
Hinzu kommt: Immer mehr Menschen sind tatsächlich auf staatliche Unterstützung angewiesen. Ende 2025 erhielten laut Statistischem Bundesamt rund 1,28 Millionen Menschen Grundsicherung im Alter. Die Zahl der Empfänger ist damit innerhalb weniger Jahre deutlich gestiegen.
Warum kritisiert die IW-Studie die Armutsquote?
Das Institut der deutschen Wirtschaft kritisiert vor allem, dass die klassische Armutsmessung ausschließlich laufende Einkommen berücksichtigt, nicht jedoch vorhandenes Vermögen. Dadurch entstehe ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Lebenssituation vieler Rentnerhaushalte.
Wie das IW mitteilt, gilt nach herkömmlicher Berechnung fast jeder fünfte Altersrentner als armutsgefährdet, konkret 17,8 Prozent. Werden jedoch Immobilien, Ersparnisse oder andere Vermögenswerte einbezogen, sinke die Quote auf elf Prozent. Grundlage der Berechnungen sind dabei Mikrodaten der Deutschen Bundesbank.
Besonders groß sei der Effekt im Alter, weil ältere Haushalte im Laufe ihres Lebens häufiger Vermögen aufgebaut hätten. Im Durchschnitt verfügen Haushalte mit einem gesetzlichen Altersrentner als Hauptverdiener nach IW-Angaben über ein Nettovermögen von rund 313.000 Euro. Der Median liegt bei knapp 140.000 Euro.
Können Menschen mit kleiner Rente trotzdem wohlhabend sein?
Eine niedrige gesetzliche Rente bedeutet nicht automatisch materielle Not. Viele ältere Menschen leben dem IW zufolge in abbezahlten Immobilien, besitzen Rücklagen oder erzielen zusätzliche Einnahmen aus Vermögen.
Das zeigt sich auch in den Daten des Statistischen Bundesamtes. Demnach stammen bei reinen Rentnerhaushalten zwar durchschnittlich 92 Prozent des Einkommens aus Renten oder Pensionen. Weitere fünf Prozent kommen jedoch aus Vermögen. Hinzu kommen oft Immobilienwerte, die in der Einkommensstatistik nicht auftauchen.
Wird Altersarmut im Rentenalter überschätzt?
Die offiziellen Zahlen zeigen Probleme, die tatsächlich existieren: niedrige Einkommen, steigende Pflegekosten und wachsende Grundsicherungszahlen. Laut Statistischem Bundesamt liegen die Alterseinkünfte von Frauen dabei durchschnittlich deutlich unter denen von Männern.
Wer eine kleine Rente bezieht, aber mietfrei im eigenen Haus lebt oder über hohe Rücklagen verfügt, steht finanziell jedoch oft besser da als jemand mit höherer Rente und hohen Wohnkosten. Der IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz sagt deshalb: „Wir führen die Rentendebatte auf der Basis nicht überzeugender Befunde“. Wer ausschließlich auf die gesetzliche Rente schaue, blende aus, ob Haushalte zusätzlich erhebliche Vermögen aufgebaut hätten.
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