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Schönheit oder Gesundheit? Die Probleme der Rassehundezucht

Tierkolumne

„Wir brauchen wieder unreine Normalos“: Warum eine Tierärztin Hundezucht am liebsten abschaffen würde

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    Was ist des Pudels Kern? Tierschauen werden kritisch gesehen.
    Was ist des Pudels Kern? Tierschauen werden kritisch gesehen. Foto: Jacob King, dpa/PA Wire

    Ganz am Anfang, es war um das Jahr 1890 herum, dachte sich niemand etwas Böses. Damals wurde in England der erste Hundeclub gegründet. Und wie es sich für einen ordentlichen Club gehört, wurden Regeln und Statuten aufgeschrieben. Unter anderem legte man für Hunderassen erstmals sogenannte Rassestandards fest. Diese schreiben vor, wie ein Hund einer bestimmten Rasse auszusehen hat. Vorgaben wie „runder Kopf“ (Mops) oder „klar abgegrenzte Tupfen“ (Dalmatiner) sind beispielsweise zu finden. Seither geht es mit der Hundezucht in meinen Augen steil bergab.

    Heute stellt sich die Lage so dar: Am Beginn der Kette steht ein Mensch, der sich gern einen Hund anschaffen möchte. Viele Käufer vertrauen dabei auf seriöse Züchter. Diese sind meistens in Rassehundezuchtvereinen und diese wiederum im Verband für das deutsche Hundewesen organisiert. Für die Selektion der Hunde gibt es zwei Richtungen: Einerseits das Zuchtziel „Leistung“ (z.B. Fährten verfolgen oder Verschüttete finden), für das Wettbewerbe veranstaltet werden, bei denen am Ende immer Pokalsieger gekürt werden. Ob die Hunde Pokale wollen, ist unklar. Ihre Menschen aber wollen es sehr. Zumindest ist klar: Für Leistung müssen die Hunde fit und gesund sein.   

    Die Gene der Sieger von Hundeschauen werden wertvoll

    Das zweite Zuchtziel ist wesentlich komplizierter als die Leistung. Es geht ums Aussehen. Hunde müssen entsprechend der oben erwähnten Rassestandards schön sein. Verwaltet werden diese Rassestandards von einer internationalen Organisation namens FCI (Fédération Cynologique Internationale). Sie gibt vor, dass immer das Ursprungsland einer Rasse für die Standards und Zuchtziele zuständig ist. Über das Aussehen der Englischen Bulldogge entscheiden die Engländer, über den Deutschen Schäferhund die Deutschen und über die Tiroler Bracke die Österreicher und so weiter.

    Für die Präsentation müssen die Hunde bei Ausstellungen im „Show-Ring“ vorgeführt werden. Wer noch nie auf einer Hundeausstellung war: Vom Schaulaufen im Ring gibt es viele aufschlussreiche Youtube-Videos. Dieses Schaulaufen der Hunde ist der Selektionsprozess unserer Zeit. Wer hier gut abschneidet, bekommt einen Pokal für Schönheit – und seine Gene werden wertvoll. Wer will nicht gern Welpen vom Weltsieger haben!? Sperma kann heutzutage problemlos versendet und weit verbreite werden. Das Erbgut verteilt sich also rasend schnell – mit allen vererbbaren Krankheiten. So kommt es, dass in der Welt der Rassehunde heute „Inzucht“ nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist. Mit Details wie genauen Verwandtschaftsgraden und deren Risiken für jede Rasse könnte ich eine halbe Zeitung füllen.

    Rassehunde leiden unter Erbkrankheiten

    Die Gesundheit, das beteuern die Züchtervereinigungen immer wieder, sei für sie das Wichtigste. Die Realität: Ein internationales Forscherteam hat etwa in einer großangelegten Studie die 50 beliebtesten Rassen unter die Lupe genommen. Alle (!) waren von Erbkrankheiten betroffen, 84 Krankheiten waren nur Folge von Rassestandards. Solche Tiere leiden, aber Rückzüchtungen sind nahezu unmöglich. Verlorene genetische Vielfalt ist für immer weg.

    Um genetische Vielfalt wiederzubeleben, müsste man systematisch rassefremde Hunde einkreuzen. Dann aber wäre Schluss mit den reinrassigen, adeligen „von und zu“-Hunden. Wir hätten nur noch unreine, aber gesündere Normalos. Derzeit undenkbar in den einschlägigen Kreisen. Das ist (auch) ein Grund, warum so viele Tierärztinnen und Tierärzte die Hundezucht nach optischen Rassestandards am liebsten ein für alle Mal abschaffen würden. Ehrlich gesagt: Ich auch.

    Zur Person: Tanja Warter ist Tierärztin und verknüpft seit Jahren die Leidenschaft für die Tiermedizin mit dem Spaß am Schreiben.

    Sie haben Haustiere und wollen mehr über sie erfahren? Unsere Tierärtzin gibt in ihrer Kolumne Tipps:

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