„Da ist eine extreme Kraftlosigkeit – so, als könnte ich meinen Kopf nicht mehr halten“, sagt Anke Gioia. Neben massiver Schwäche leidet sie seit sechs Jahren an Schwindel, Muskelschmerzen und Konzentrationsproblemen. Die Hoffnung, wieder als Lehrerin arbeiten zu können, hat sie vorerst aufgegeben. „Ich schaffe ja nicht mal den Schulweg“, erzählt sie mit bitterem Lachen. Ihre Diagnose lautet „Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS)“. Diese schwere Krankheit entwickelt sich typischerweise nach Infektionen mit bestimmten Erregern: neben dem Corona- ist es vor allem das Epstein-Barr-Virus.
Anke Gioia hoffte auf eine Genesung, doch es kamen immer neue Symptome hinzu
Bei Anke Gioia begannen die Beschwerden 2019. Immer wieder war sie erkältet und fühlte sich angeschlagen. Als sie wegen Halsschmerzen, Schwäche und wiederkehrendem Fieber zum Arzt ging, tippte er auf das Pfeiffersche Drüsenfieber: Tatsächlich zeigte ein Bluttest eine akute Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) an, dem Auslöser der Krankheit. Gioia war froh, dass sie nun wusste, was mit ihr los war. Geduldig wartete sie auf ihre Genesung - wochenlang, monatelang. Doch es wurde nicht besser, im Gegenteil: Neue Symptome kamen hinzu. Inzwischen leitet sie in Ludwigsburg eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit ME/CFS, von denen viele ebenfalls eine EBV-Infektion hatten.
„Das Pfeiffersche Drüsenfieber wird definitiv unterschätzt.“
Wolfgang Hammerschmidt, Virologe am Helmholtz Munich
In den meisten Fällen ist das Pfeiffersche Drüsenfieber eine harmlose Infektion. Doch je älter Menschen sind, wenn sie sich anstecken, desto schwerer verläuft die Krankheit. „Die Krankheit wird definitiv unterschätzt“, sagt Wolfgang Hammerschmidt, Virologe am Helmholtz Munich. Sie kann nicht nur langwierig sein, sondern auch schwere Folgen wie ME/CFS haben. Außerdem erhöht die Infektion das Risiko für Autoimmunerkrankungen und bestimmte Krebsarten.
Die Viren haben sich perfekt an den Menschen angepasst, man bekommt sie nicht mehr los
Wer einmal mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert ist, wird es nicht mehr los. Herpesviren, zu denen EBV gehört, haben sich so perfekt an den Menschen angepasst, dass sie lebenslang im Organismus bleiben. Der Erreger versteckt sich im Körper vor dem Immunsystem, kann aber – ähnlich wie Lippenherpes – wieder aktiv werden. Weltweit arbeiten mehrere Forschergruppen an einem Impfstoff, stehen aber angesichts der Komplexität des Virus vor großen Herausforderungen. Eine Alternative sind neue Therapieansätze. Bislang lässt sich eine EBV-Infektion nämlich kaum gezielt behandeln.
Den Erreger hatte der britische Virologe Anthony Epstein und seine Doktorandin Yvonne Barr 1964 in Tumorzellen identifiziert. Es handelte sich um eine bahnbrechende Entdeckung, da erstmals ein Virus gefunden wurde, das beim Menschen Krebs auslösen kann. EBV lässt sich oft bei Lymphomen, Nasenrachenkrebs und manchmal auch bei Magenkarzinomen nachweisen. Dass sich solche Tumore entwickeln, ist aber äußerst selten. In den allermeisten Fällen bleibt eine EBV-Infektion ohne jede Folge. Heute weiß man, dass etwa 95 Prozent der 50-Jährigen das Virus in sich tragen – meist ohne davon zu wissen. Denn der Großteil der Menschen steckt sich schon als Kind an, ohne nennenswerte Symptome zu entwickeln. Übertragen wird das Virus vor allem über Speichel-Tröpfchen.
„Zwischen EBV und Multiple Sklerorse gibt es einen starken Zusammenhang - so stark wie zwischen Rauchen und Lungenkarzinom.“
Henri-Jacques Delecluse , Virologe am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg
Der Erreger kann eine derart heftige Immunantwort auslösen, dass Autoimmunkrankheiten entstehen – etwa Multiple Sklerose (MS). „Zwischen EBV und Multipler Sklerose gibt es einen starken Zusammenhang – so stark wie zwischen Rauchen und Lungenkarzinom“, sagt der Virologe Henri-Jacques Delecluse vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Inzwischen wissen Forscher: Wer nicht mit EBV infiziert ist, kann nicht an MS erkranken – Ausnahmen sind extrem selten. Wer dafür das Pfeiffersche Drüsenfieber durchgemacht hat, hat ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Auch bei vielen anderen Autoimmunkrankheiten könnte das Virus eine Rolle spielen.
mRNA-Impstoffe sind vielversprechende Kandidaten
Vor diesem Hintergrund arbeiten Wissenschaftler seit Jahrzehnten an einer Impfung, die vor einer EBV-Infektion schützt oder sie zumindest abmildert. Vielversprechende Kandidaten sind unter anderem mRNA-Impfstoffe, wie sie das US-Pharmaunternehmen Moderna bereits in der zweiten klinischen Phase - also am Menschen - testet. Einer der Stoffe soll therapeutisch wirken und MS-Patienten vor neuen Krankheitsschüben bewahren. Eine entsprechende Studie wurde vor kurzem an der University of Edinburgh gestartet.
Doch angesichts der Einsparungen der US-Regierung bei der Impfstoffentwicklung ist die Zukunft der Projekte offen. Da der Impfstoffmarkt global eng miteinander verflochten ist, bekommen auch deutsche Forschende die Kürzungen zu spüren. „Wir sind derzeit auf der Suche nach Investoren, aber die Situation ist im Moment sehr, sehr schwierig“, sagt Hammerschmidt, der mit seinem Team einen innovativen Impfstoffkandidaten entwickelt hat.
Ziel ist es, das Pfeiffersche Drüsenfieber samt Folgen zu verhindern
Klar ist jetzt schon, dass es nicht darum gehen wird, die Infektion zu verhindern. „Der Impfstoff wird darauf abzielen, das Immunsystem so zu trainieren, dass es für den Fall einer Infektion präpariert ist und nicht überreagiert“, sagt Hammerschmidt. Gelingt das, ließe sich das Pfeiffersche Drüsenfieber samt seiner Folgen – allen voran ME/CFS – verhindern. Auch die Zahl neuer MS-Erkrankungen würde dadurch deutlich sinken, meint Hammerschmidt, sagt aber zugleich: „Die Entwicklung völlig neuer Impfstoffe ist sehr zeitaufwändig und teuer.“
Eine Alternative zur Impfung wäre eine gezielte Therapie, um EBV auszuschalten. Schon jetzt ist es möglich, EBV-Infektionen bei immungeschwächten Menschen durch T-Zellen von Stammzellspendern zu bekämpfen. In einer Studie sprachen fast 80 Prozent der Patienten auf eine für sie maßgeschneiderte Behandlung an. Abgesehen davon werden derzeit verschiedene Moleküle in klinischen Versuchen darauf getestet, ob sie das Virus inaktivieren können.
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