Es sind berührende Schilderungen, Geschichten von Angst und Erschöpfung, aber auch von Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit. Leserinnen und Leser haben für uns aufgeschrieben, wie sie die Zeit der Hochwasserkatastrophe 2024 im Landkreis erlebt haben. Dies sind ihre Erinnerungen.
Dass ein Mensch, ein Retter, sein Leben verloren hat. Das hat mich tief betroffen gemacht. ALLES ist ersetzbar, aber ein Menschenleben eben nicht. Marion Mehlhorn, via Facebook
Überall müde Menschen. Vom Bangen, Hoffen, Kämpfen, Wachen, Arbeiten. Robert Hammerschmidt, via Facebook
Positiv war die Hilfsbereitschaft von ein paar Nachbarn. Ich habe mich auch über das wiederholte Nachfragen mancher Kollegen gefreut. Von einigen Leuten bin ich enttäuscht. Aus dem Spendentopf bekam ich leider nichts, obwohl mir eigentlich schon etwas zugestanden hätte. Mir gehen die Bilder von dem Hochwasser nicht mehr aus dem Kopf, weswegen ich in Psychotherapie bin. Eva Paul
Zwei Jahre nach der Flut sind die materiellen und sichtbaren Schäden langsam dabei zu verschwinden. Vieles wurde repariert, manches fehlt noch immer, aber Schritt für Schritt geht es voran. Mein Vater und ich waren Nachbarn, und unsere beiden Häuser wurden damals vom Hochwasser getroffen. In dieser Zeit haben wir sehr viel Stress und Belastung erlebt. Kurz nach der Flut habe ich meinen Vater dann völlig unerwartet durch einen Herzinfarkt verloren. Dieser Schmerz ist bis heute geblieben. Jedes Mal, wenn ich am Haus oder an der Butzengünz vorbeigehe, muss ich an ihn denken. Die Spuren der Flut werden irgendwann vielleicht verschwinden – die Erinnerung an meinen Vater aber bleibt. Şahin Korkmaz, Günzburg
Ich weiß noch, dass ich am Freitag gegen 19.30 ins Bett wollte, dann kam eine Einladung der Feuerwehr Offingen zum Sandsäcke schaufeln und ich habe dem Chef mitgeteilt, dass ich nicht komme. Bin dann bis 1 Uhr nachts im Bauhof zum Sandsäckeschaufeln gegangen. Gegen 8 Uhr früh am Samstag war ich auch wieder bis 14 Uhr dabei und da waren schon die Ersten beim Keller ausschöpfen.
Gegen 16 Uhr bin ich wieder im Bauhof dabei gewesen und gegen 18 Uhr wurde die Lage immer schlimmer. Gegen 22 Uhr fiel dann der Strom aus und man hat mit Notstrom weiter für Licht gesorgt. Kurz vor 22.30 sind wir noch zwei Häuser weiter mit mehreren Feuerwehrkameraden, um dort noch einen Kellerabgang mit mehreren Sandsäcken zu sichern, da dort eine Frau mit Beatmungsgerät war. Sie wurde durch die Feuerwehr noch in Sicherheit gebracht. Zurück am Bauhof sah ich auch Denis (den bei der Flut ums Leben gekommenen Feuerwehrmann aus Offingen, Anmerkung der Redaktion) zuletzt und kurz darauf kam vom Kommandanten die sofortige Evakuierung des Bauhofs.
Ich bin mit dem Fahrrad durch das knietiefe Wasser nach Hause gefahren und habe angefangen, die wichtigsten Sachen aus meinem eigenen Keller nach oben zu räumen. Gegen 1.30 bin ich dann völlig erschöpft eingeschlafen. Sonntagmorgen war anfangs nur eine kleine Pfütze am Bodenablauf im Keller, und dachte: Glück gehabt. Doch später stieg auch bei mir das Wasser dann bis auf ca. 20 Zentimeter an. Ich habe dann mit einer Gartenpumpe zumindest den Wasserstand halten können. Am Montag hat mich der Chef dann gegen 9.30 Uhr nach Hause geschickt. Da war noch nicht absehbar, dass auch von der Bahnlinie aus das Wasser langsam kam. Am Sonntag und Dienstag standen Freunde vor der Tür und haben geholfen, den Keller leerzuräumen. Als dann das Gröbste geschafft war, bin ich gelegentlich im stark betroffenen Wohngebiet beim Aufräumen dabei gewesen.
Ein Jahr danach: Das Hochwasser 2024 in Schwaben in Bildern
Persönlich hat mich das psychisch noch weit über ein Jahr begleitet. Sobald Regen an die Scheiben ging, bin ich aufgewacht und hatte die Bilder im Kopf. Es gibt hier und da noch Momente, die das alles in Erinnerung bringen. Zum Beispiel, wenn die NINA- oder Katwarn-App aufheulen. Der Bürgermeister hat angepackt, wo er konnte, obwohl seine Familie selbst betroffen war. Negativ ist nur aufgefallen, dass wo Leid herrscht, windige Leute das ausnutzen. Lars Thunig, Offingen
Leider waren auch wir in Burgau stark betroffen. Unser Keller war bis zur Decke vollgelaufen, das Grundstück überschwemmt. Einige Tage kein Strom und alles war sehr beängstigend. Viele persönliche Gegenstände sind leider für immer weg, andere Dinge konnten wieder ersetzt werden. Noch heute sind wir sehr beunruhigt, wenn Starkregen angesagt wird oder auch nur bei einem drohenden Gewitter. Überwältigend war der Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe der Nachbarn, Freunde, aber auch viele „unbekannte“ Helfer, die einfach vorbeigekommen sind und ihre Hilfe angeboten haben. Besonders dankbar sind wir natürlich den Organisationen wie Feuerwehr, Bundeswehr und dem THW. Was mich aber nach wie vor ärgert, sind die Reaktionen der Politik. Wie bei vielen anderen Katastrophen wird viel geredet, versprochen, auf Missstände hingewiesen und Taten sollten folgen. Unter anderem war die Rede von Elementarversicherung für alle, sogar von einer Pflichtversicherung im Solidaritätsprinzip war häufig die Rede. Nach wenigen Wochen ist diese Diskussion wieder abgeschwächt und heute hört man nichts mehr davon. In Burgau wurde nach jahrzehntelanger Planung und Genehmigungsverfahren endlich mit dem Hochwasserschutz begonnen. Das ist erfreulich. Allerdings bin ich der Meinung, das geht viel zu langsam. Jetzt sollte es doch schnell gehen, die Gelder sind bewilligt. Warum spielt hier die Zeit überhaupt keine Rolle? Hans-Peter Schaller, Burgau
Ich war an diesem 1. Juni-Wochenende 2024 hochschwanger und hatte echt Sorge, was ist, wenn es jetzt losgeht, wohin? Gefühlt wusste man ja nicht, was noch offen ist, denn die Situation hatte sich ja stündlich verändert. Unser jüngster kam dann zum Glück erst am 11. Juni. Mietze Eschner, via Facebook
Viele schlimme Erinnerungen, auch wenn ich selbst nicht betroffen war. Aber meine Mama in Burgau. Das Haus, in dem sie gelebt hat, stand von drei Seiten im Wasser. Und die Keller waren überflutet. In denen mein Kind und ich teilweise räumen mussten, da meine Mama selbst gesundheitlich nicht viel machen konnte. Und ich musste viele meine Sachen aus der Kindheit zurücklassen. „Hanni und Nanni“ oder „Tina und Tini“-Bücher. Kuscheltiere, Spielzeug, Kinderkleidung usw., die meine Mama für uns aufgehoben hatte. Eine Zeit, die mich noch mehr krank gemacht hat, als ich es ohnehin schon war. Claudia Gromes, via Facebook
Wir wohnen in Offingen an der Mindel, wenige Meter vom Flussufer entfernt. Am 1. Juni 2024 stieg zuerst nach dem vielen Regen das Grundwasser, dann die Flut der Mindel. Keller, Treppenhaus knapp bis zur Erdgeschosswohnung, Garten auf Zaunhöhe, alles war von dem ölhaltigen Wasser überschwemmt. Alle Elektrogeräte, Gefrierschrank, Lebensmittel, Pedelec: Alles, was im Keller gelagert war, war vernichtet, ein hoher Schaden. Die LEW hatte rechtzeitig den Strom abgeschaltet. Dank der Bundeswehr, BRK, Feuerwehr und allen Helfern, die uns am 2. Juni evakuierten, waren wir dann an einem sicheren Ort. Auch die Räumung danach dauerte wochenlang, mithilfe von Helfern der Vereine. Wir haben eine hilfsbereite Nachbarschaft. Das Helfen gegenseitig wird hier großgeschrieben und wir sind auch alle füreinander da und dankbar. Besonderer Dank gilt allen ehrenamtlichen Helfen, Vereinen, Hilfsorganisationen. Wir denken auch an den jungen Feuerwehrmann und alle, die das Hochwasser nicht überlebt haben, und hoffen, dass so etwas nicht wieder passiert. Marianne und Johann Maier, Offingen
Das Rauschen der Günz … ohne Strom klarzukommen … Angst, da ich schwer krank bin … kein warmes Wasser … abgeschnitten vom Umland … gesperrte Straßen und Brücken … Alexandra Rentsch, via Facebook
Ja, momentan kommen sehr stark die Erinnerungen hoch. Die Hilflosigkeit und die Angst in dieser Nacht. Ich hatte die Bilder vom Ahrtal im Kopf und man wusste nicht, wie schlimm es wird. Reicht es, dass wir uns ins erste Stockwerk retten konnten? Unsere Freunde in der Nachbarschaft bewohnen einen Bungalow, und ich hörte ihre Rufe nach Hilfe. Wir alle in unserer Straße wurden in dieser Nacht von der Feuerwehr rechtzeitig evakuiert und wir sind unendlich dankbar dafür! Was bleibt, ist auch die Erinnerung an die Unterstützung und den Einsatz der vielen Helfer und Helferinnen. Viele Stunden standen diese bei uns, in dem ölverseuchten Haus, schleppten Möbel und Schutt und achteten nicht auf ihre eigene Gesundheit. Auch den Helfern, die uns mit Essen und Getränke versorgten, ein herzliches Danke. Mir kommen bei diesen Zeilen immer wieder die Tränen. Was bleibt, ist aber auch die Angst, wenn es stark regnet, und der Blick in den Keller. Wann kommt das nächste Hochwasser und was wird dagegen gemacht? Die Antworten fehlen auch nach zwei Jahren. Ich hoffe, dass wir so etwas nie wieder erleben müssen und wenn ja, wird es bei uns in dieser Straße leer. Einen nochmaligen Aufbau werden wir nicht noch einmal schaffen. Ursula Maget
Die Seite mit den Schrebergärten auf der anderen Seite der Donau. Furchtbar, wie hoch das Wasser dort stand. Vom Kirschbaum war nur noch die Krone zu sehen. Und ich weiß, wie hoch ein bestimmter Kirschbaum dort ist. Ganze Gartenausstattungen in den Fluten der Donau, die Angst, dass das andere Ufer auch überflutet wird. Dass der Damm der Wasserversorgung in Günzburg bricht … Das Entsetzen, das sich einstellte, als klar wurde, viele Keller voll gelaufen sind und was die Menschen alles an die Straße rausgestellt haben. So viele schlechte Erinnerungen … was die Nacht noch bringt, wie man sich vor so einer Flut das nächste Mal schützen könnte … und und und … Beeindruckt war ich von der Solidarität der Menschen, von den vielen freiwilligen Helfern. Da war ich auf mein Günzburg richtig stolz, so viele tolle Menschen, die alle mitgewirkt haben. Jeder, wie er konnte, die wunderbare Empathie und Hilfsbereitschaft. Hätte ich so, ehrlich gesagt, nie vermutet. Lisa Louise, Günzburg, via Facebook
Auch via Instagram haben uns viele Nachrichten von Nutzerinnen und Nutzern erreicht auf die Frage, was vom Hochwasser 2024 bleibt: „Schulden“; „Kein Weg mehr nach Hause“; „Eigenbedarfskündigung der Vermieterin, da sie den Schaden am Haus nicht richten wollte“; „Denis, der von uns gegangen ist. Danke, dass Du immer für uns da warst“; „Die Angst - vor dem 1. Juni - bei Starkregen - bei Schneeschmelze...“; „Vier Monate nicht zu Hause wohnen können ewige Sanierung“; „Angst, aber auch ein tolles Gefühl des Zusammenhaltens!“; „Mit zwei Monate altem Baby mitten in der Nacht das eigene Haus verloren“; „Was mich noch immer sehr berührt, sind die Helfer.“; „Leider sind die Sanierungen in der Grundschule Auf der Bleiche noch nicht fertig“.
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