Mit Souvenirs im Gepäck und Bildern im Kopf sind am Samstag die meisten der 144 Carnac-Fans nach Illertissen zurückgekehrt: Der große Kühltransporter schon davor, die Feuerwehrleute vormittags, da viel gastronomisches Zubehör zu verräumen sowie Uwe und Marco Kraus mit dem Doppeldecker der Firma Fromm mittags. Er war mehr beladen als hinwärts, da Sperriges wie Crêpes-Geräte mit nach Illertissen sollten. Und: Bis auf kleine Fahrradstürze erlebten alle während der schwäbisch-bayerischen Woche eitel Sonnenschein.
Die 52 Jahre bestehende Städtefreundschaft stützt sich auf Rituale. So stand auch dem neuen Bürgermeister Alexandre Lanoë der Fassanstich mit Bürgermeister Jürgen Eisen beim schwäbisch-bayerischen Schmankerl-Abend bevor. Es wurde wieder spektakulär, das Publikum klatschte, stand auf den Tischen und die 38 Personen starke Stadtkapelle Illertissen spielte auf. Zwischen fetzigen oder traditionellen Klängen mischte sich immer wieder „Ein Hoch auf die Gemütlichkeit“, und alle stießen an.
Illertisser besuchen Partnerstadt Carnac: Hier gibt es Impressionen
Illertissen, Carnac und Elbogen pflegen ihre Partnerschaft
Alexandre Lanoë betonte die beiden Aspekte der Städtepartnerschaft – l’héritage et l’avenir – also das Erbe und die Zukunft. Nun erwarte er „voller Ungeduld“ seinen Gegenbesuch in Illertissen 2028. Beim Maßkrugstemmen hingegen wurden Freundschaften auf die Probe gestellt. So hielt Bernard Beltz beachtliche sechs Minuten durch und die Deutschen bekamen mit Jaromir Ungr und Patrik Stangar aus Illertissens tschechischer Partnerstadt Elbogen unerwartet Verstärkung. Sie waren als achtköpfige Delegation mit Bürgermeister Zdeněk Bednář und Partnerschaftspräsidentin Jana Motliková in 16 Stunden im Kleinbus angereist. Auch Carnacs Partnerschaftspräsidentin Marie-Claire Ézan beteiligte sich am Kräftemessen mit den wassergefüllten Krügen und wurde in charmanter Weise von ihrer fünfeinhalbjährigen Enkelin Louisa angefeuert.
Ihre deutsche Kollegin Helga Sonntag hingegen richtete zusammen mit Sabine Bumiller und Ruth Du Hommet die Wettkämpfe aus. Die Anwesenheit der tschechischen Gäste wurde mit gegenseitigen Geschenken und Schnappschüssen gewürdigt, indem drei Bürgermeister sowie drei Partnerschaftspräsidentinnen auf ihre Städte und Nationen anstießen. Jana Motliková sagte: „Wir wollen beitragen zu einem geeinten Europa.“
Spezialitäten aus Schwaben in der Bretagne
Gewissermaßen als musikalische Botschafterin war auch die Stadtkapelle in Tracht unter dem Dirigat von Erhard Schneider oder Manuela Hartmann trotz Hitze die ganze Woche unterwegs. Etwa in zwei Nachbarorten, die sich mangels Kapazitäten in Carnac in den vergangenen Jahren der Städtepartnerschaft anschlossen. Östlich liegt das für seinen Yachthafen berühmte La Trinité-sur-Mer mit 1850 Einwohnern und Bürgermeister Yves Normand. Den Empfang im neuen Kultursaal La Vigie leitete Stellvertreter Christian Travert zusammen mit Jean-Claude Riou, Delegierter für die Städtepartnerschaft. Er sagte, die Kontakte hätten sich nach Covid intensiviert, nun gehörten sie gerne dazu. Nordwestlich liegt Plouharnel – berühmt für seine Dünen, aber auch die Reste des von Nazi-Deutschland errichteten Atlantikwalls – das ebenso mit Standkonzert begrüßt wurde. Auch Erwan Delsaut wurde in dem 2285-Personen-Ort neu zum Bürgermeister gewählt und ist auf einen Besuch in Illertissen sehr gespannt.
An die Bürgerschaft in Carnac wurde ebenfalls gedacht, indem an den Märkten Sonntag und Mittwoch Spezialitäten aus der Illertisser Region geboten waren. Das Bier gab es vom Fass und die Schupfnudeln mit Sauerkraut frisch aus der Pfanne. 120 Kilo hatte die Illertisser Feuerwehrjugend unter Martin Träger mitgebracht. In Dirndl gekleidete Illertisserinnen liefen mit Kostproben durch die Menge. Längst hatte sich der Besuch herumgesprochen, weswegen sich auch Pierre und Valerie Jond mit deutschen Produkten eindeckten. Als Luxemburger genießen sie ihren Zweitwohnsitz in Carnac.
Schöne, spannende und beklemmende Erfahrungen in Carnac
Den puren Ausgleich zum geschäftigen Treiben bot die Schifffahrt zur autofreien Île-d’Houat mit 200 Menschen, Rathaus, Schule und der Kirche St. Gildas. Ein Bewohner erzählt, dass er sich an 40 Fischer erinnert, von denen noch vier ihren Berufsstand ausüben. Wer auf der Insel einen Zweitwohnsitz hat, verlässt sie im Winter vor dem peitschenden Regen. Wer sich aber die Naturgewalten zum Freizeitvergnügen machen wollte, kam beim Strandsegeln auf seine Kosten: Mit der richtigen Windböe im Rücken ging es rasant voran, und es galt, mit den Füßen vorausschauend zu lenken. Sodann sollte heuer eine Rückkehr in die Geschichte, zu Hitlers Atlantikwall im Zweiten Weltkrieg, nicht fehlen. In der Bretagne ein sensibles Thema, das den Sinn der Städtepartnerschaft zu einstigen Besatzern deutlich macht. Die Führung durch Museum und Bunker war beklemmend und die in direkter Nachbarschaft aufgestellte französische Kanone mit dem Blick auf ein gemeinsames Erinnern regte Vergleiche zur Gegenwart an. Brigitte Gautier vom französischen Komitee nahm erstmals eine Deutsche bei sich auf, weil ihr an Versöhnung und Frieden gelegen sei, wie sie sagt. „Meinen Großeltern war Deutschland verhasst, ich will die Dinge ins Positive drehen“.
Möglichkeiten für individuelle Erlebnisse gab es während der bayerisch-schwäbischen Woche viele. So kamen Stefanie Tantello und Tochter Mirja in einer Ferienwohnung unter und lernten per Fahrrad „eine ganz neue Umgebung“ kennen. Die Mutter hatte nach dem Schüleraustausch ihrer Tochter Lust bekommen, ihr Schulfranzösisch aufzufrischen und ließ sich von ihrer Schwägerin zur Mitreise bewegen. Oder Heike Backe, die per Zufall im Nachbarhaus der ehemaligen Gastfamilie ihrer Tochter ihr Appartement mietete. Sie sagt: „Da konnte ich nicht widerstehen, an deren Türe zu läuten, und die Überraschung der bretonischen Familie war groß.“ Als Partnerschaftspräsidentinnen hatten Marie-Claire Ézan und Helga Sonntag in der Programmauswahl die Erreichbarkeit per Leih-Fahrrad oder zu Fuß im Blick behalten, sodass alle auf ihre Kosten gekommen sein dürften. Dies war beim Abschiedsessen zu spüren, zu dem in überwältigender Herzlichkeit geladen wurde. Entsprechend wehmütig fiel das eine oder andere Kenavo, wie die Bretonen „Auf Wiedersehen“ sagen, aus.
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