Es ist kurz nach 15 Uhr an einem Werktag, in der Apotheke in der Bahnhofstraße Krumbach herrscht Hochbetrieb. Der vermutlich beliebteste Mitarbeiter ist der Kommisionierautomat im hinteren Bereich der Apotheke, der das Team unterstützt, den Überblick zu behalten. Keine 20 Sekunden dauert es, bis die Packung Aspirin, die Apotheker Mathias Müller vorn am Computer angefordert hat, in das Schubfach fällt und über die Verkaufstheke geht. Wo früher in einem riesigen Wandschrank unter vielen gleich aussehenden Schubladen die richtige gesucht werden musste, gibt es in der Bahnhof-Apotheke seit zehn Jahren einen Prozess, der komplett digital funktioniert.
Auf den ersten Blick wirkt die Maschine wie ein riesiger Glaskasten und nimmt so ziemlich den ganzen Raum ein. Rundherum stapeln sich blaue Kisten mit Arzneimitteln, die gleich nach und nach von einem Mitarbeiter in das System gefüllt werden. Was sich zwischen den einzelnen Regalen im Inneren des Kastens abspielt, ist ein automatisierter Prozess. Auf Anforderung geht ein Greifarm durch die Warenschränke und greift das richtige Produkt. Jeder Schritt ist im Warenwirtschaftssystem genau hinterlegt und nachvollziehbar. „Wir sind nicht die einzige Apotheke, die ein solches Kommissioniersystem nutzt“, erklärt Müller, der gemeinsam mit seiner Frau Kathrin Müller-Jedelhauser das Geschäft führt. Vor allem sie sei es, die den kompletten Logistikpark mit einem Team von rund 30 Leuten im Blick behält. In Krumbach dürfte seit 2014 einer der größten dieser Medikamentenautomaten Deutschlands stehen. Zweimal wurde dieser schon erweitert. „Wir wissen über jede Packung, die hier drin gelagert ist, genau Bescheid“, so der Apotheker. Über die digitale Anzeige kann man abrufen, wann welches Medikament eingelagert wurde, wann es abläuft und wie viel es davon noch gibt. Gerade letztere Information sei wichtiger denn je.
Lieferengpässe gehören für Apotheken im Kreis Günzburg zum Alltag
Laut dem aktuellen Apothekenklima-Index 2024, einer repräsentativen Umfrage unter 500 Apothekeninhaberinnen und -inhabern, gehören Lieferengpässe für vier von fünf Apotheken zu den größten Ärgernissen im Versorgungsalltag (82,8 Prozent). Und das nicht erst seit diesem Herbst. „Auch wenn Herr Lauterbach betont, dass es keine Lieferengpässe gibt, sieht die Realität anders aus“, so Müller. Die Mehrheit der Apothekenteams (77 Prozent) muss laut dieser Umfrage für die Bewältigung der Lieferengpässe zwischen zehn und 40 Stunden pro Woche aufwenden. Die Herausforderungen in den Apotheken bestehen vor allem in der Patientenkommunikation (80,4 Prozent), in der Rücksprache mit den Arztpraxen (76,0 Prozent) und in den Verfügbarkeitsanfragen beim Großhandel (75,8 Prozent).
Angesichts der Lieferengpässe hat die Hauptversammlung des Deutschen Apothekertags eine Stärkung der Apotheken vor Ort verlangt. Einstimmig wurde in der Versammlung ein Antrag des Apothekerverbandes Nordrhein unterstützt, in dem der Gesetzgeber aufgefordert wird, „die öffentlichen Apotheken so zu stärken, dass eine schnellere und effizientere Versorgung von Patientinnen und Patienten gewährleistet wird und so Therapieverzögerungen vermieden werden.“ Um die verordnenden Ärztinnen und Ärzte von bürokratischem und zeitlichem Aufwand zu entlasten, sollten die „Apothekerinnen und Apotheker mehr Handlungsspielraum beim Austausch von verordneten Arzneimitteln bekommen“. Es müsse verhindert werden, dass betroffene Patienten in ein „Karussell“ zwischen Arztpraxis und Apotheke kommen, wenn ein Arzneimittel nicht lieferbar sei, so der Antrag.
Genau dieses Karussell kennen die Apotheker in der Region. Auch die Ärzte müssen entlastet werden, findet Müller. Inzwischen sei es fast schon eine ethische Frage, an wen man die letzten Arzneimittel herausgibt, wenn man weiß, dass keine nachgeliefert werden können. Der Gesundheitsminister sagte kürzlich im ZDF-Interview: „Wir haben bei den Medikamenten, die sehr wichtig sind für Kinder, derzeit keine Lieferengpässe zu erwarten.“ Müller widerspricht: „Das ist eigentlich der schlimmste Bereich.“ Dass die schwierige Versorgungslage aufgrund der jahrelangen weltweiten Zentralisierung der Herstellung in China oder Indien nun auf Kosten der schwächsten im Glied, der Kinder, gehe, sei dramatisch.
Müller öffnet die Defizitliste auf seinem Rechner: 374 Medikamente, die die Bahnhof-Apotheke normalerweise im Bestand hat, sind aktuell nicht lieferbar. Erkennbar an einem unübersehbaren roten Kreuz im System. Die Liste reicht von Antibiotika, Augensalben, Asthmamitteln oder Antiepileptika bis hin zur Abnehmspritze Ozempic, die einen weltweiten Hype ausgelöst hat. Teils überlebenswichtig ist das Medikament allerdings für Diabetespatienten. Auch wenn der große Automat im Hinterzimmer der Bahnhof-Apotheke zuverlässig seine Dienste tut, kann er an der politischen Situation nichts ändern, bedauert der Apotheker. „Das Problem ist präsent. Doch wir als Apotheken vor Ort haben das Wissen dazu, für jeden immer eine Lösung zu finden.“
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