Oh, Allmächt! Was war das für eine Aufregung, als im Vorfeld der heute beginnenden großen Nürnberger Ausstellung „Der frühe Dürer“ die Ausleihe des Münchner Selbstbildnisses im Pelzrock (1500) von der Alten Pinakothek verweigert worden war! Es mangelte im Schlagabtausch unter Kunsthistorikern und Politikern nicht an Schärfe, an Drohung und Ankündigungen von Machtworten. Dann musste klein beigegeben werden.
Folglich war man gespannt, welche der zwei anderen bedeutenden Dürer-Selbstporträts in Öl den Weg in seine Geburtsstadt finden würden – jenes aus dem Louvre, jenes aus dem Prado (1498), oder gar beide? Und siehe: aus dem nämlichen konservatorischen Grund, wie er aus München angegeben worden war: keines davon. So leicht kleckert Ruhm nicht.
„Da hab ich ... mich selbst konterfeit ..., als ich noch ein Kind war“
Freilich wäre das Germanische Nationalmuseum in seiner Tradition nicht es selbst, wenn es nach jahrelangem Forschungsprojekt und mit soundso viel Dürer-Werken im Eigenbestand nicht dennoch eine gewichtige, fesselnde Schau zusammenstellen könnte – die umfangreichste überdies seit 40 Jahren, bestückt mit 197 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen, Drucken von 51 Leihgebern aus 12 Nationen – wie das Nationalmuseum nicht ohne Stolz listet. Davon sind 120 Dürer-Originale und unter diesen wiederum 17 in Öl.
Es geht auf 900 Quadratmetern und in vier Abteilungen um das Phänomen des „frühen Dürer“ – und das meint an der Pegnitz die Jahre zwischen 1484 und 1504, als sich einerseits der 13-Jährige mit dem Silberstift selbst gezeichnet hatte und altklug dazu notierte: „Da hab ich ... mich selbst konterfeit ..., als ich noch ein Kind war“ (Bild unten Mitte), und andererseits, als er kurz vor seiner zweiten italienischen Reise stand. Dazwischen wächst, gedeiht und reift das Jahrtausend-Talent. Und eben wie und wodurch es reift, das nun ist Gegenstand der Nürnberger 100-Tage-Schau.
Angereist aus Washington: die „Haller-Madonna“
Da werden die personellen Verflechtungen, die die Goldschmiede-Familie Dürer in der Burgstraße unterhielt, mit ihren Vorteilen für den jungen Albrecht offengelegt – dieses soziokulturelle Netzwerk mit Verbindungen und Freundschaften zu den Einflussreichen aus Stadtpolitik, Wissenschaft, Wirtschaft und Handwerk – also die unmittelbare Nachbarschaft Dürers, die den Knaben förderte: der Taufpate und Verleger-Drucker Anton Koberger, der Maler Michael Wolgemut als Lehrer, der Stadtarzt und Chronist Hartmann Schedel, der Kirchenpfleger Sebald Schreyer, der Dichter und Humanist Konrad Celtis, die Tuchers, der Patrizier Wolf III. Haller, der um 1498 bei AD die sogenannte „Haller-Madonna“ bestellen sollte – ein Glanzstück jetzt der Schau, frisch restauriert angereist aus Washington und auch Plakat und Katalogeinband zierend.
Vorne auf dem Tafelgemälde leuchtet das kostbare Ultramarin-Blau vom Mantel Marias; auf der Rückseite – und in dieser Exposition werden erfreulich viele Bildrückseiten vorgeführt – lernen wir einen anderen Dürer kennen, einen schwächelnden, formelhaften, unverfeinerten („Loths Flucht aus Sodom“).
Ästhetische Einflüsse auf den jungen Dürer
Weiter geht es mit den ästhetischen Einwirkungen auf den wissbegierigen, beobachtungsversessenen, untersuchungslustigen Werkstatt-Lehrling und den jungen Selbstständigen in der Folge. Hans Pleydenwurff, der die flämische Ars nova studiert hatte und nach Franken brachte, der Dürer sozusagen zu seinem Enkel-Schüler machte, tritt mit erstaunlichen Arbeiten vor Augen, dazu Martin Schongauer, den Albrecht nicht nur als Kupferstecher so verehrte, dass er Zeichnungen von ihm besaß und auf einer vermerkte: „das hat hubsch martin gemacht“. Hinzu kommen die vielen „Muster“-Motive, die Dürer kennenlernte, und die immer wieder neu als Versatzstücke verwendet und variiert wurden: Landschaftsmalereien im Hintergrund von Porträts und von Darstellungen des Evangeliums, Pflanzen, Tiere, Architektur.
Ja, und dann die erste Italien-Reise, wo AD die Renaissance nun auch vor Ort kennenlernte, wo er einen Kupferstich Andrea Mantegnas nicht nur abzeichnete, sondern gleichzeitig vitalisierend verbesserte, wo Giovanni Bellini enormen Eindruck auf ihn macht (– was sich eben auch von der „Haller-Madonna“ ablesen lässt).
Nachmachen, Lernen und Verfeinern
All das, das Nachmachen und Lernen und Verfeinern, die geradezu insistierende Erforschung von Lebenswelt, menschlicher Physiognomie und künstlerischer Gestaltung bei den Altvorderen, all das kulminiert im jüngsten Werk dieser Schau, in der „Anbetung der Könige“, 1504 wohl für Friedrich den Weisen entstanden, heute im Besitz der Uffizien. Hier ist beisammen, was Dürer überragend macht und zum seinerzeit schon – auch in Chroniken – bewunderten europäischen Meister: die Naturstudie im Vordergrund (Hirschkäfer, Blumen), die Architekturwiedergabe im Mittel- und Hintergrund (Burgberg) und dazwischen die Heilige Familie und die mimetisch ausgeführten teuren Stoffe und kostbaren Geschenke der drei Könige. Alles in unglaublich frischer, strahlender Farbigkeit – und ebenso betörend wie die elf präsentierten Aquarelle, ansonsten wie Augäpfel gehütet in Wien, Paris, London, Berlin. Feiner geht’s nimmer.
Bilder der Eltern Dürers erstmals seit 400 Jahren wieder gemeinsam ausgestellt
Neben den Studien zum Nürnberger Lebensumfeld des jungen Dürer (die über Lokalhistorie weit hinausgehen), gibt es weitere Erkenntnisse im Rahmen dieser Dürer-Schau. Dazu gehört die Neubewertung der Tiroler Landschaftsaquarelle durch Kurator Daniel Hess, der vorschlägt, die Blätter nicht mehr nur als autonome Kunstwerke zu betrachten, sondern auch als verdichtete, topografische Abbilder, wiederverwendbar als Buch-Illustration. Und frisch ist – nach Durchleuchtung – auch die Nachricht, dass Dürers Gemälde-Opus 1 das Porträt des Vaters ist und nicht das der Mutter, wie bislang angenommen wurde. Die Durchleuchtung des Farbauftrags ergab, dass der Sohn beim Vater-Porträt den ursprünglichen Bildhintergrund (Mauer mit Fenster) übermalte und dann an diese Konzeption das Mutter-Porträt anglich. Der Umstand erklärt nun auch, wieso sich der Vater beim Nebeneinanderhängen der Bilder, also als Diptychon, entgegen der Tradition rechts befindet und die Mutter links. Erstmals seit 400 Jahren sind beide Gemälde wieder in direkter Gegenüberstellung zu vergleichen (Abbildungen links).
Dicht bestückt ist die Nürnberger Ausstellung, von hoher Informationskonzentration, also bildungsvermittelnd, und durchaus didaktisch angelegt. Gleiches vermittelt der 600 Seiten starke, eng gedruckte Katalog. Beides: eine Fundgrube. Aber wo sonst, als in Nürnberg, der Vaterstadt, wäre die Pflicht zur Detailfülle und das Interesse des Löwenanteils der Besucher größer?
„Dies ist eine wunderbare Gabe Gottes“
Zum Finale der von heute an sicher überrannten Schau wird die Frage gestellt: Was ist Kunst? Welche Antwort gibt darauf der gealterte, erfahrene Albrecht Dürer, der sich mitunter pedantisch über Jahrzehnte hinweg höchstmögliche Naturtreue angeeignet hat? Er schrieb: „Mancher reißt mit der Feder in einem Tag etwas auf ein Blatt Papier, das kunstvoller und besser ist, als was ein anderer innerhalb eines ganzen Jahres mit höchstem Fleiß anfertigt. Dies ist eine wunderbare Gabe Gottes.“ Auch in dieser Erkenntnis spiegelt sich das Zeitlose und das Moderne von AD.
Die Ausstellung ist bis zum 2. September geöffnet - Öffnungszeiten: Mo. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Mi./Do. bis 21 Uhr.