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Interview

09.11.2020

Buchautor Steinke: "Wir sind verklemmt, wenn wir 'Jude' sagen sollen"

Der Politikredakteur Ronen Steinke kritisiert den Gebrauch von manchen jiddischen Wörtern im Deutschen.
Bild: Peter von Felbert

In einem knackigen Essay wehrt sich Ronen Steinke gegen den Gebrauch jiddischer Redewendungen. Sie setzten die Tradition einer jahrhundertealten Judenfeindlichkeit fort.

Ihr Buch „Antisemitismus in der Sprache“ beginnt mit „Jude“ – zwanzig Mal hintereinander, kursiv gedruckt. Als ich mir das so angeschaut und selbst vorgelesen habe, bekam ich tatsächlich schweres Kopfkino.

Ronen Steinke: Genau. Wir sollten das üben, denn wir sind total verklemmt, wenn wir „Jude“ sagen sollen. Auch manche Juden selbst haben Schwierigkeiten, sich unverkrampft als solche zu bezeichnen. Sie wählen Ausweichformulierungen wie „ich bin aus einer jüdischen Familie“ oder „jüdischen Glaubens“, weil das nicht so vorbelastet klingt. Bei „Jude“ schwingt immer ein negativer Kontext aus Jahrhunderten mit. Das Wort hat so viel Giftstoffe aufgesaugt, dass es fast nicht unbefangen genutzt werden kann.

Wie bezeichnen Sie sich, wenn Sie Ihre eigene Zugehörigkeit beschreiben wollen?

Steinke: Ich sage, ich bin Jude. Aber die langjährige Präsidentin der jüdischen Gemeinde in München, Charlotte Knobloch, hat mir zum Beispiel mal erzählt, dass sie das Wort nie nutzt. Sie umschreibt sich selbst oder andere mit dem Adjektiv „jüdisch“, „jüdischer Glaube“. „Jude“ lebt in ihr als ein Schimpfwort, das sie an die lebensgefährlichen Zeiten erinnert, als sie sich vor den Nazis verstecken musste.

Sie sind Politikredakteur der Süddeutschen Zeitung, ein Sprachprofi also. Was war für Sie der Anlass, ein Buch gegen Antisemitismus in der Sprache zu schreiben? Gab es ein Erlebnis, mit dem bei Ihnen das Fass überlief?

Steinke: Ja, „Mischpoke“. Das hat sich auch in den Medien richtig festgesetzt. Im Jiddischen bedeutet Mischpoke einfach Familie, ohne jede Wertung. Als Lehnwort im Deutschen aber hat es die Bedeutung „korrupte, dubiose Bande“ bekommen. So verwenden wir das Wort heute und wir verwenden es leider oft. So wie schachern und mauscheln.

Was ist damit?

Steinke: Schachern kommt vom jiddischen „sachern“ und heißt einfach „Handel treiben“. Auch hier wendete erst der deutsche Gebrauch den Unterton ins Düstere, Halbseidene, also „unredlichen Handel treiben“. Dasselbe bei „Mauscheln“. Das Wort drückt einen Verdacht auf geheime Vetternwirtschaft aus, wurde ursprünglich im 17. Jahrhundert von dem Eigennamen Mauschel, also Moses auf Jiddisch, abgeleitet. Deutschsprecher machten daraus „reden wie ein Jude“ und zusätzlich einen spottenden Rufnamen für arme Juden. Ähnlich wie „Ali“ heute als verächtliche Kollektivbezeichnung für Türken benutzt werden kann. Oder „türken“ für fälschen.

Meist sind Sprecher oder Hörer die Ableitungen aus dem Jiddischen aber nicht bewusst. Kann die Verwendung trotzdem antisemitisch sein?

Steinke: Auch unwissentlich kann man hässliche Klischees verbreiten.

Bringen Sie das auch in der Redaktion durch?

Steinke: Ja, ich nehme da kein Blatt vor den Mund. Es sollte selbstverständlich sein, seinen Wortschatz ständig zu überdenken. Diese Redewendungen rufen Stereotypen von Juden auf, die seit dem Mittelalter in unserer Kultur zirkulieren, weil nicht die lexikalische Herkunft, sondern allein die jiddische Herkunft für die negative Deutung sorgt. Wie „Ische“, Frau. Nur im Deutschen hat es die abfällige Bedeutung wie „Tusse“. Im Jiddischen heißt es einfach „Frau“. Anders bei „Ganoven“. Das stammt aus dem Rotwelsch-Slang und bezeichnet auch im Jiddischen „Kriminelle“.

Welche Wörter sind noch unbedenklich?

Steinke: Nicht nur unbedenklich, sondern sogar zauberhaft ist auch Schlamassel. Gebildet aus „schlimm“ und „masal“, dem hebräischen Wort für Glück bedeutet es „Unglück“. Das ist ein Wort, das in beiden Sprachen mit derselben Bedeutung verwendet wird. Auch koscher, meschugge, Tacheles, Macke haben denselben Sinn wie im jiddischen Original. Sie klingen eben einfach charmant, deswegen werden sie als Importe auch im Deutschen gern verwendet.

In Reden zum Gedenken an den Holocaust, in Ansprachen zu hohen jüdischen Feiertagen oder auch nach Anschlägen auf Synagogen sagten Politiker und Staatspräsidenten nicht „liebe Juden“, sondern weichen auf „liebe jüdische Mitbürger“ aus, sie vermeiden „liebe Juden“. Ist das nicht gestelzt?

Steinke: Ja, es hat etwas Gespreiztes, Bürokratisches. Aber dahinter steckt eigentlich eine gute Intention. Denn jüdische Identitäten reichen von orthodox über „Kulturjuden“ bis atheistisch. Und mit „jüdische Mitbürger“ ist die Ansprache verbindlich, aber offen für alle.

Jüdische Atheisten? Gibt es die?

Steinke: Und wie! Es gibt nichtgläubige Menschen, die sich, weil sie aus jüdischen Familien stammen, als Juden sehen. Identitäten funktionieren da nicht nur über religiöse Bekenntnisse.

Der Duden versieht das Verb „türken“ mit dem Hinweis „besser nicht verwenden“, weil es von Türken als diskriminierend empfunden werden kann. Schwebt Ihnen so eine Warnung auch für Wörter jiddischen Ursprungs vor?

Steinke: Das wäre ein Ziel, ja. Ich freue mich, dass der Dudenverlag mein Buch veröffentlicht hat. Vielleicht ist der Weg von hier nicht mehr so weit.

Ronen Steinke: Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt, Dudenverlag Berlin, 2020. 64 Seiten, 8 Euro.

Zur Person: Ronen Steinke, 1983 geboren, studierte Jura, promovierte und lebt heute in Berlin. Er ist Politikredakteur der Süddeutschen Zeitung und arbeitet als Autor – zuletzt hat er „Terror gegen Juden: Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt“ veröffentlicht.

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