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Film

26.08.2020

Christopher Nolans neuer Film "Tenet": Wenn heute und morgen eins sind

Zwischen Gegenwart und Zukunft: Elizabeth Debicki (Kat) und John David Washington (Der Protagonist) im Film „Tenet“.
Bild: Warner Bros., dpa

Christopher Nolans "Tenet" will nicht nur das Kino in Corona-Zeiten retten, sondern die gesamte Menschheit vor dem Untergang. Eine cineastische Herausforderung.

Große Blockbuster-Produktionen werden normalerweise weltweit am gleichen Tag in die Multiplexe eingespeist, um Piraterie und die geschäftsschädigende Verbreitung von Spoilern einzudämmen. Aber auch die großen Studios müssen im Zuge der Pandemie improvisieren: Ein zeitgleicher Zugriff auf die Lichtspielhäuser in den USA, Südamerika, Europa und Asien wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein.

Nun wagt Warner Bros. etwas kommerziell Riskantes und startet diese Woche Christopher Nolans "Tenet" in Europa und zahlreichen anderen Ländern. In den USA aber wird der mit Spannung erwartete Film erst ab dem 3. September in einzelnen Regionen zu sehen sein, in denen die Kinos wieder geöffnet sind.

Chistopher Nolan bekennt sich mit "Tenet" zum Erlebnisraum Kino

Christopher Nolan ist nicht nur einer der wichtigsten Filmemacher unserer Zeit, sondern auch ein aufrichtiger Verfechter des Kinos als kulturellem Erlebnisraum. Dass "Tenet" sich als erste große Hollywood-Produktion in der Corona-Krise auf den Weltmarkt traut, darf durchaus auch als Bekenntnis eines Regisseurs verstanden werden, dessen neues Werk für die angeschlagene Kinobranche das notwendige Überlebenselixier sein könnte. Sollte "Tenet“ mit seiner gewagten Vermarktungsstrategie erfolgreich sein, werden vielleicht auch andere Studios neue Pandemiepläne schmieden.

Da passt es nur zu gut, dass Kinoretter Nolan einen echten Weltenretter ins Zentrum seines philosophisch-physikalisch aufgeladenen Spionagethrillers stellt. Der Mann wird einfach nur "Der Protagonist" genannt, was ihm die geheimdienstliche Anonymität, aber auch die Zugehörigkeit zur Fiktion sichert. Der wunderbare John David Washington ("BlacKkKlansman"), Sohn von Denzel Washington, spielt diesen Agenten nicht als coolen Hund à la James Bond, sondern als einen zugänglichen Menschen, der seinem eigenen Wertekanon folgt. Nach dem Einsatz bei einer Geiselnahme in der Philharmonie von Kiew wird der Protagonist von einer Organisation namens Tenet angeheuert.

Dort ist man einem besorgniserregenden Phänomen auf der Spur. Gegenstände, die sich durch Raum und Zeit vor und zurückbewegen können, landen aus der Zukunft in unserer Gegenwart. Inversion nennt sich die physikalische Erscheinung, das eine Kugel auf die Zielscheibe und wieder zurück in die Pistole fliegen lässt. Die Wissenschaftler sind sich sicher: Bei all den inversierten Gegenständen, die in einem riesigen Magazin bis zur Decke hoch lagern, handelt es sich um Trümmer unserer zerstörten Gegenwart.

Und nun hat sich die geheime Organisation zum Ziel gesetzt, diese Zukunft zu verhindern. Recherchen führen zu dem russischen Oligarchen und Waffenhändler Sator (Kenneth Branagh), der neben dem Plutoniumhandel auch im Inversionsgeschäft Fuß gefasst hat. Es fehlt ihm nicht viel und er hat den Schlüssel zur totalen Welt–Zerstörung in der Hand.

Agentenfilm "Tenet": Rasante Choreographie fordert die Wahrnehmungsfähigkeit des Publikums heraus

"Tenet" ist zuallererst ein äußerst spannender, komplex konstruierter Agentenfilm, der eine große Liebe für das Genre und ein hohes Maß an kinetischer Energie ausstrahlt. Schon die Eröffnungssequenz, in der Terroristen eine ausverkaufte Philharmonie stürmen und rivalisierende Sondereinsatzkommandos intervenieren, ist ein atemberaubendes Actiongemälde. Alles ist hier pure Bewegung. Die rasante Choreografie und der messerscharfe Schnitt greifen perfekt ineinander und fordern die Wahrnehmungsfähigkeiten des Publikums heraus. Danach sitzt man hellwach und mit geschärften Sinnen im Kinosessel und ist eingestimmt auf ein Kinoerlebnis, das herausfordert. Für Nolan war Popcornkino und intellektueller Diskurs nie ein Widerspruch.

Das Phänomen Zeit gehört zu den Kernthemen von "Tenet". Schon in "Memento" (2000) arbeitete Nolan mit einer vor- und rückwärts laufenden Chronologie. In "Inception" (2010) tauchte er tief in Traumwelten ein, in denen die Zeit im Vergleich zur Realität rasant beschleunigt wird. In "Interstellar" (2014) katapultierte er seinen Helden durch ein Wurmloch in eine Galaxie, in der die Zeit wie ein Blatt Papier gefaltet ist und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft direkt nebeneinanderliegen.

Christopher Nolan (links) mit seinem Hauptdarsteller John David Washington beim Dreh seines Films „Tenet“.
Bild: Melinda Sue Gordon, Warner Bros. Pictures

Die finale Schlacht: Gegenwart gegen Zukunft

In "Tenet“ dreht Nolan die Schraube noch ein Stück weiter. Aber allen Gerüchten zum Trotz ist "Tenet" dabei kein Zeitreisefilm. Vielmehr finden hier Gegenwart und Zukunft gleichzeitig statt und versuchen einander gegenseitig zu manipulieren. Das reicht bis zu einer finalen Schlacht, in der sich verschiedene Truppenverbände gleichzeitig vorwärts und rückwärts durch Zeit und Raum bewegen, um den Moment der totalen Zerstörung auszutricksen.

"Es ist ein Paradox", sagt der Wissenschaftler und Kampfgefährte Neil (Robert Pattinson) einmal lächelnd, "man muss es nicht verstehen". Wer im Zeitstrahlgeschehen von "Terminator" schon ausgestiegen ist, sollte vor dem Kinobesuch von "Tenet" besser einen doppelten Espresso trinken. Aber hier wie dort geht es letztlich um den Kampf gegen eine vorherbestimmte Zukunft. Und damit bringt Nolan, so wie er in "The Dark Knight" das Lebensgefühl nach 9/11 cineastisch fasste, den Seelenzustand der Generation Klimakatastrophe auf den Punkt. Das Gefühl der Unausweichlichkeit, mit der die Menschheit in den eigenen Untergang hineintreibt, ist prägend für diese Ära. Auch wenn das Wort Klimawandel im Film nur einmal beiläufig fällt, wird der Kampf gegen eine determinierte Zukunft zur treibenden Kraft für den Protagonisten und seine Gefährten. Aber Nolan wird nicht zum Prediger, sondern bleibt Seismograf, der die Zeichen der Zeit sieht und im Entertainment-Format eines Blockbusters emotional zugänglich macht. Das kann keiner so gut wie er.

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