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Interview
04.06.2021

Isabella Rossellini: „Heute ist es schwerer, ein Mann zu sein“

Auftritt Isabella Rossellini: Jetzt in der Serie "Domina" auf Sky, hier bei der einer Gedenkveranstaltung zu Ehren ihrer Mutter Ingrid Bergmann 2015.
Foto: Giorgio Onorati, epa, dpa

Die große Isabella Rossellini spielt in der neuen Serie "Domina" eine Bordell-Betreiberin - und spricht über Frauenrollen, Geschlechterbilder und die Familie

Frau Rossellini, was muss eine Rolle Ihnen bieten, damit Sie sie richtig reizt?

Isabella Rossellini: In diesem Fall beeindruckte mich, wie clever im Drehbuch von „Domina“ die Frauenrollen geschrieben waren: Die Figuren waren bösartig, rebellisch und haben sich genommen, was sie wollten. Das gefiel mir! (lacht) Es ist historisch überliefert, dass Frauen damals kaum Rechte besaßen – trotzdem hatten einige es zu weitreichender Macht gebracht. In all den vielen Filmen über das alte Rom spielen Frauen nie die Hauptrolle. Ich interessiere mich ja immer für die Rechte der Frauen, daher konnte ich hier eine Nachhilfelektion in Geschichte genießen.

Es gibt den Spruch: „Hinter jedem mächtigen Mann steht eine noch mächtigere Frau“. Entspricht das auch Ihrer Ansicht von weiblicher Macht oder gar weiblicher Sexualität?

Rossellini: Das hat mir an der Serie ja so gut gefallen: dass ich viel über die damalige Dynamik der Macht erfuhr. Ich unterhielt mich mit Historikern, um zu verstehen, welche Rechte die Frauen damals hatten – und im Grunde hatten sie so gut wie gar keine Rechte. Sie wurden systematisch unterdrückt. Es gab Ausnahmen, zum Beispiel durfte eine Witwe erben und Land besitzen. Man hielt Frauen nicht für grundsätzlich dumm – es gab einen klaren Widerspruch zwischen dem, was man Frauen zutraute und dem, was ihnen gesellschaftlich ermöglicht wurde. Obwohl die Frauen kaum Rechte hatten, hat es sie nicht daran gehindert, Macht auszuüben. Sie haben Wege gefunden, das zu bekommen, was sie wollten. Sie haben ihre Sexualität genutzt, sie haben manipuliert. Genau diesen Punkt hat das Drehbuch so erfolgreich genutzt. Es macht Spaß, jemanden zu spielen, der erfolgreich manipulieren kann. Das römische Imperium war voller starker Frauen, aber man sah sie bislang nie in Filmen oder Serien.

Isabella Rossellini als Bordell-Chefin: Ihr Rollen-Vorbild Madame Claude

Ihre Figur betreibt ein Bordell. Bekamen Sie einen tieferen Einblick in diesen speziellen Teil der Historie?

Rossellini: Ich verrate Ihnen etwas: Ich spiele nun schon zum dritten Mal eine Bordellchefin. Ich weiß auch nicht, warum man mir ständig solche Rollen anbietet und nicht ganz normale Mütter oder Großmütter! Aber ganz ehrlich: Es macht so viel Spaß! Gerade Puffmütter haben so interessante Facetten. Die Dynamik ist einzigartig, sie sind auf Augenhöhe mit den Männern, die das Bordell besuchen, sie sind fast eine von ihnen. Bei Prostituierten ist das Verhältnis ganz anders, sie müssen Männer verführen und ihnen gefallen. Es macht Spaß, sich so eine Rolle zu erarbeiten!

Hatten Sie ein Vorbild für Ihre Bordellchefin?

Rossellini: In Frankreich gab es mal eine berühmte Madame Claude, von der ich Interviews auf YouTube gesehen habe. Sie war eine echte Lady der Bourgeoisie, sehr höflich, aber auch hart wie Stahl. Als ein Journalist sie fragte, wie sie es findet, dass ihre Mädchen Sex mit Männern haben, die sie nicht lieben, antwortete sie dem Mann: „Ach, und Sie haben nur Sex, wenn Sie jemanden lieben?“ Meine Balbina ist definitiv verrückter als Madame Claude, aber ich habe versucht, den messerscharfen Geist von Madame Claude in meine Rolle zu legen.

Isabella Rossellini über ihre Mutter Ingrid Bergmann: "Ihrer Zeit voraus"

Sie können auf eine Weltkarriere zurückschauen. Wie war es nun, für den Dreh nach Rom zurückzukehren, dorthin, wo alles für Sie begann?

Rossellini: Für mich war das Ganze genau deswegen interessant: weil ich zurück zu meinen Wurzeln musste. Ich habe als junge Schauspielerin ja sogar selbst noch einige Male in Cinecittà gedreht und oft die Kunst dieser großartigen Handwerker bewundert. Jede Abteilung, ob Maske oder Kostüm, kannte entweder meinen Vater oder mich. Oft hatten sogar die Eltern und Großeltern schon mit meinem Vater zusammengearbeitet. Die Kunst wurde damals von einer Generation zur anderen weitergegeben … Inzwischen lebe ich längst in Amerika, auf einem anderen Kontinent, mit anderen Arbeitsstrukturen. In Rom ist der Zusammenhalt der Kolle-gen noch deutlicher spürbar: Man trifft sich im Café, man unterhält sich … Und die Cafés sind noch dieselben. Selbst in den Garderoben hat sich nichts geändert! – Das hat mich alles sehr berührt, wieder zu meinen Wurzeln zurückzukehren.

Isabella Rossellini in ihrer neuen Rolle als Bordell-Chefin im Alten Rom. Zu sehen ab 3. Juni auf Sky.
Foto: Stefano C. Montesi/Antonello and Montesi, Sky

„Domina“ spielt mit Familienkonflikten. Auch Ihre eigene Familiengeschichte ist kompliziert. Warum sind Familien so anfällig für Zerwürfnisse?

Rossellini: Familie bedeutet Intimität – und damit sind sofort Probleme vorprogrammiert. Ein unkompliziertes, höfliches, angenehmes Verhältnis kann man nur mit Menschen haben, denen man rein oberflächlich begegnet. Wird der Kontakt intimer, ist’s vorbei mit dem Frieden! (lacht) Familie bedeutet Liebe, aber auch Konflikte. Man fühlt sich aufgehoben und gleichzeitig angegriffen.

Wie haben Sie von Ihrer Mutter Ingrid Bergman gelernt, was es bedeutet, eine starke Frau zu werden? Versuchen Sie umgekehrt, Ihrer Tochter und anderen Frauen ein Vorbild zu sein?

Rossellini: Meine Mutter war ihrer Zeit definitiv voraus, ihr waren die Rechte von Frauen immer schon sehr wichtig. Sie war wahnsinnig unabhängig. Gerade als Schauspielerin war sie deutlich freier als andere Schauspielerinnen in Hollywood. Sie ist der Grund, warum ich jetzt hier sitze und diesen Beruf ausübe. Sie verließ Hollywood, um experimentellere Filme zu drehen. Dann traf sie meinen Vater, sie verliebten sich und bekamen Kinder. Meine Mutter hatte ihren eigenen Kopf und sie hatte ihr Leben in der Hand. Für mich war sie auf jeden Fall ein großes Vorbild.

"Frauen steht heute die Welt offen, sie haben alle Möglichkeiten"

Sind Sie inzwischen selbst ein Vorbild? Wollen Sie es sein?

Rossellini: Ob ich nun auch ein Vorbild sein muss, weiß ich nicht. Zumindest lebe ich mein Leben nicht mit dem Gefühl, ständig ein Vorbild für die Gesellschaft sein zu müssen. Das maße ich mir auch nicht an. Aber der Feminismus hat mich und mein Leben natürlich geprägt. Ich habe eine Tochter und einen Sohn, meine Tochter ist genau so stark und unabhängig wie mein Sohn. Inzwischen ist es fast schon schwerer, ein Junge zu sein als ein Mädchen, meine ich. Frauen steht die Welt offen, sie haben alle Möglichkeiten, das Leben bietet grenzenlose Möglichkeiten.

Das klingt, als hätten Männer fast etwas begrenztere Optionen!

Rossellini: Wenn ein Mann davon träumt, zu Hause zu leben und sich um die Kinder zu kümmern, wird das anders bewertet als bei einer Frau, die sagt, dass sie Ärztin, Richterin oder Politikerin werden will. Ich habe in meinem Bekanntenkreis einige Männer, die sich entschlossen haben, zu Hause bei den Kindern zu bleiben, während ihre Frau arbeitet. Unsere Gesellschaft begegnet diesen Männer nicht mit der gleichen Bewunderung, die sie Frauen gegenüber zum Ausdruck bringt, die Karriere machen. Heutzutage ist es wohl wirklich schwerer, ein Mann zu sein als eine Frau!

Zur Person

Sie wurde als Tochter zweier Film-Legenden geboren, von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini, vor jetzt bald 69 Jahren. Aber Isabella Rossellini ist längst spätestens seit dem Auftritt als Muse von David Lynch in „Blue Velvet“ eine Große des Schauspiels, dazu Regisseurin, Stil-Ikone, Top-Model. Ab 3. Juni ist die gebürtige Italienerin, die seit langem in den USA lebt, nun in der Serie „Domina“ auf Sky zu sehen.

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