Ein Weihnachten ohne Christbaum ist für die meisten unvorstellbar.
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Weihnachten

O Tannenbaum: Eine Hommage an den Weihnachtsbaum

Sanftes Grün, lichte Eleganz oder satte Dichte? Manche wollen die klassische Schönheit, andere suchen nach Charakter. Über die Deutschen und ihre ganz besondere Liebe zum Christbaum.

Für diese Geschichte braucht es die richtige Stimmung. Und die richtige Jahreszeit. Kein Mensch will im Sommer etwas über Weihnachtsbäume lesen, wenn einem ja selbst schon beim Gedanken an Zimtsterne leichter Widerwille befällt. Jetzt aber ist Winter, die Zimtsterne noch weich, und was die Stimmung betrifft, könnte man jetzt bei den Buddenbrooks von Thomas Mann schnell mal ins Weihnachtskapitel hineinlesen – „Geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze“ – vielleicht reicht aber auch schon das Summen eines Weihnachtsliedes: O Tannenbaum! So, bereit? Dann los jetzt. Die Weihnachtsbaummuffel sind an dieser Stelle vermutlich schon ausgestiegen.

Schade natürlich, aber: Viele können es nicht sein. Für 84 Prozent der Deutschen nämlich ist Weihnachten ohne Baum ja unvorstellbar. Glauben, Gans, Geschenke, über alles lässt sich debattieren, über die Nordmanntanne aber doch nicht! Seit Jahren steigt der Absatz an Weihnachtsbäumen stetig. Knapp 30 Millionen waren es 2020, etwa fünf Millionen mehr als vor zwanzig Jahren. Der Pro-Kopf-Weihnachtsbaum-Verbrauch ist in keinem Land höher als in Deutschland. Zumindest in dieser Hinsicht also: keine gespaltene Gesellschaft! In Rinteln in Niedersachsen haben sie soeben sogar einen Weltrekordhalter gekürt: Thomas Jeromin hat 444 Exemplare in seiner Wohnung aufgestellt und geschmückt – niemand sonst auf der Welt ist derart irre verliebt in Weihnachtsbäume. Wobei: Seine sind aus Plastik. Darüber wird noch zu sprechen sein.

Deutschland gilt als Land der Weihnachtsbäume

Aber bevor es nun gleich in die Geschmacksverästelungen geht, sanftes Grün oder lieber eine Tönung ins Blau, lichte Eleganz oder satte Dichte, Tanne oder Fichte, erst einmal nun zu Sabine Schmidberger ins Krumbächletal bei Waltenhausen. Würde ein Kind so etwas wie einen Weihnachtsbaumwald malen, in dem die Weihnachtsbäume sich das ganze Jahr über Geschichten zuraunen vom großen Tag, vielleicht sähe er genauso aus wie hier bei den Schmidbergers. Ein bisschen wild, ganz Kleine neben ganz Großen, klassische Schöne, auch ein paar Krumme.

Die Kinder würden vermutlich auch Rehe malen, aber die gibt es im umzäunten Wald natürlich nicht: Hungriges Schalenwild und schmackhafte Christbäume, das ist trotz aller gemalten Weihnachtskartenidylle keine gute Kombination, stattdessen aber hier: Schafe, schön wollig dick. Genauer gesagt Shropshire-Schafe, benannt nach einer Grafschaft in England, mit dem passenden Geschmack: Das Unkraut fressen sie gerne, halten so den Boden frei und düngen ihn auch noch, knabbern an Bäumen nur, wenn sie allzu hungrig sind und es nichts Besseres gibt. Gerade aber doch, Möhren aus einem kleinen Eimerchen, und schon wieder ein Bild, das Kinder gerne malen würden: die Weihnachtsbaumfrau, rotes Haar, rote Mütze, grüne Jacke und Hose, umringt von Schafen... Ach! Wenn sie in ihrem Christbaumwald Führungen macht, fragt Schmidberger die Kinder gerne, wie alt sie diesen oder jenen Baum schätzen. Verrückte Zahlen kommen da raus, stehen Fünfjährige vor kleinen Tännchen, die ihnen vielleicht bis zum Bauch reichen, und fragen ungläubig nach: „So alt wie ich?“

Sabine Schmidberger aus dem Krumbächletal ist Weihnachtsbaumexpertin.
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Zwischen acht und zwölf Jahre dauert das Leben des durchschnittlichen Weihnachtsbaums. Würde man hundert Jahre alt, hätte man in den Weihnachtswochen etwa tausend Jahre Baumleben konsumiert. Von dieser Seite her betrachtet: ein wahnsinniger Luxus, den sich der Mensch fürs heimelige Weihnachten gönnt. Vielleicht muss deswegen der Baum auch so viel tragen, ist überladen nicht nur mit Kugeln und anderem Schnickschnack, sondern auch mit Erwartungen. Nicht nadeln soll er, schön gerade sein, auch rund, mit dem perfekten Zweigabstand... Für Weihnachtsbäume in anderen Wohnzimmern gilt im Übrigen daher das Gleiche wie für Kinder von anderen Eltern: Sagen Sie nur Gutes! Lassen Sie alle Kritik, auch wenn Ihnen ein windschiefes Fichtlein mit Lametta präsentiert wird, als sei es die Elitetanne vor dem Rockefeller-Center. Christbaum und Mensch – wer nur so kurz zusammenbleibt, sollte sich nichts vorwerfen. Am Trafalgar Square in London lachen sie jetzt über eine verstrubbelte Fichte – das jährliche Geschenk aus Norwegen – keine schöne Zeit für den Baum.

Christbaum-Kauf: Kinder dürfen über Weihnachtsbaum entscheiden

Weil Gefühle im Spiel sind, ist für manche der Kauf so etwas wie eine Art Baum-Dating. Und tatsächlich, es gibt die Liebe auf den ersten Blick, sagt Sabine Schmidberger, aber wenn die Kundschaft bei ihr durch den Christbaumwald läuft, prüft sie doch eher genau. Diskutiert auch. Umrundet Bäumchen für Bäumchen. Geht auch noch mal zurück zum ersten. Aber am Ende findet sich natürlich immer ein Baum, manche geben ihm dann einen Namen. Fridolin zum Beispiel. Einige Familien beginnen hier quasi ihre eigene Weihnachtsbaum-Tradition, kommen beim Aussuchen mit selbst gemalten Schildchen, um ihre Tanne oder Fichte zu kennzeichnen. Andere sichern ihre Exemplare mit Fahrradschlössern.

Oft entscheiden die Kinder. Dann ist es nicht unbedingt der Baum mit den Idealmaßen. „Da darf er auch ein bisschen krumm sein oder zwei Spitzen haben, Kinder haben noch ihren ganz eigenen Blick.“ Kinder weinen ja auch bei Hans Christian Andersens Märchen vom kleinen Tannenbaum, der es gar nicht abwarten konnte, groß zu werden...

Passt der Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer?

Erwachsene sind oft pragmatischer. Die schauen bei aller Liebe auch darauf, dass der Baum in die Lücke zwischen Fernseher und Sofa passt. Wobei Sabine Schmidberger auch immer mehr Kunden hat, die nicht nach dem perfekten Prachtexemplar suchen, sondern bewusst nach einem „Charakterbaum“, einem, der also auch mal so etwas wie eine Ecke haben darf. Vor ihr steht gerade so einer. Sechs Spitzen! „Ein ganz wilder Siach“, sagt die Weihnachtsbaumfrau: „Aber für den finde sich sicher jemand, vielleicht eine sechsköpfige Familie.“ Einmal zum Beispiel kam eine Kundin, der gefiel eine kleine krumme Colorado-Tanne, die fühlte sich halt doch fremd im Krumbächletal. Schmidberger hätte den Baum auch verschenkt, aber die Kundin wollte zahlen. O du mein Tannenbaum. Es gibt schöne Geschichten hier im Wald...

Seit Generationen gehört der Baum zum Fest.
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Jetzt aber mal kurz eine andere, aus einer anderen Zeit, als die Menschen noch einfach in den Wald gingen und sich ihren Baum sägten. Aus dem Jahr 1804 stammt eine bayerisch-schwäbische Verordnung, in der die Polizeibehörden aufgefordert wurden, „diesen der Forstkultur so nachteiligen und ganz zwecklosen Missbrauch abzustellen“. Die Polizisten sollten sich deswegen „vorzüglich in Häusern, wo Kinder sind, durch Augenschein (...) überzeugen“, dass da nicht ein Bäumlein in der guten Stube stand. Weihnachtsbaumpolizei also, verrückt. Auch heute noch steht das wilde Schlagen eines Baumes im Wald unter Strafe. Es liegt dann gleich ein zweifacher Strafbestand vor: Diebstahl und Sachbeschädigung! Der Baum kann ja nicht heil zurückgegeben werden...

Preise für Weihnachtsbäume seit Jahren stabil

Fürs heimliche Schlagen gibt es ja auch – im Gegensatz zum 19. Jahrhundert – keine vernünftige Ausrede mehr, weil ja selbst am 24. Dezember am Straßenrand oder im Supermarkt noch ein Last-Minute-Baum herumsteht. Und die Preise sind seit Jahren stabil, vermeldet der Verband der Weihnachtsbaumerzeuger: Bei der Nordmanntanne der Meter zwischen 21 und 27 Euro, bei den Fichten zwischen neun bis zwölf Euro. Die meisten, nämlich 80 Prozent der Käuferinnen und Käufer, wollen laut Verband jedoch die dichte, wenig nadelnde Nordmanntanne – als Klassiker bezeichnet, was so nicht stimmt: Früher einst war es die Weißtanne, auch die duftende Fichte wurde sehr geliebt.

Thomas Jeromin hält den Weltrekord für die „meisten geschmückten Weihnachtsbäume an einem Ort“.
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Apropos Weihnachtsbaumerzeuger, was dem Verband aufgefallen ist: Der Trend geht zum schlanken, platzsparenden, kleineren Baum. „Das könnte der Tatsache geschuldet sein, dass es immer weniger Wohnraum und mehr Singlehaushalte gibt als noch vor ein paar Jahren“, mutmaßt Geschäftsführerin Saskia Blümel. Die durchschnittliche Baumgröße liegt zwischen 1,50 und 1,75 Meter. Dafür darf es gerne auch mal ein zweiter Baum sein, für Balkon oder Terrasse. In Amerika lassen sie die Christbäume übrigens neuerdings gerne von der Decke baumeln – wie einst hier zu Lutherschen Zeiten und lange danach. Da ist aber auch jeder dritte Baum aus Plastik. 17 Mal muss so eine Plastiktanne wiederverwendet werden, bis sie in der Klimabilanz mit einem natürlichen Baum mithalten kann, rechnen die Weihnachtsbaumerzeuger vor, vermelden daher auch nun froh: „Der Trend zum Plastikbaum ist gestoppt.“ Nur nicht bei Herrn Jeromin, dem Weltrekordhalter, natürlich: 24 mehr als im letzten Jahr!

Bio-Christbäume sind immer gefragter

Und damit zurück zu den Schafen und in den Christbaumwald, den Sabine Schmidberger seit 25 Jahren hegt, erst gemeinsam mit den Eltern, nun mit ihrem Mann Harald. Vor 15 Jahren stellten sie hier auf Bio um, verbannten alle Spritzmittel, geschnitten wird nur minimal. Deswegen auch die wilden Tannen mit den sechs Spitzen. „Ich bin für etwas, nicht gegen etwas“, sagt Schmidberger. Mehr Vögel sind nun wieder da, mehr Insekten, sogar seltene Pflanzen wie das Tausendgüldenkraut sind zurückgekehrt. Lebensraum Christbaumwald. Ihre Setzlinge, die sie mittlerweile auch aus eigenen Samen gewinnen, düngen sie neuerdings mit der Wolle ihrer Schafe. Ein Versuch, „mal sehen, was daraus wird“.

Der wohl berühmteste Weihnachtsbaum der Welt steht vor dem Rockefeller Center in New York City.
Foto: John Minchillo, dpa

Auch die Schmidbergers liegen mit ihrem Konzept im Trend. So wie das Fleisch und die Kartoffel soll für immer mehr Menschen auch der Weihnachtsbaum am liebsten aus der Region kommen. Und eben Bio. Auch wegen stimmungstötender Meldungen wie dieser. Als der Bund für Umwelt und Naturschutz 2017 eine Stichprobe bei 17 Bäumen machte, gesammelt querbeet in Gartencentern, Baumärkten und im Straßenverkauf, fand das Labor in 13 davon Rückstände von Giftstoffen. Am häufigsten nachgewiesen wurde das Insektizid Lambda-Cyhalothrin, laut BUND das schädlichste zurzeit in der EU zugelassene Pestizid. O Tannenbaum.

90 Prozent der Weihnachtsbäume stammen aus Deutschland

Die gestiegene Nachfrage nach dem „guten“ Weihnachtsbaum versuchen mittlerweile selbst Discounter zu bedienen. Aldi bietet in diesem Jahr „Klima-Nordmänner“ aus deutscher Forstwirtschaft. Pro Baum wird im Sauerland ein Quadratmeter deutscher Mischwald aufgeforstet. Die Zeiten, in denen vor allem auch dänische Bäume in den Wohnzimmern standen, sind eh schon lange vorbei. 90 Prozent der Festtagsbegleiter stammen aus Deutschland. Und noch eine Zahl zu einem doch eher neuen Brauch. Seit Corona-Zeiten werden mehr Christbäume übers Internet geordert denn je. Im Jahr 2016 wählten laut einer repräsentativen Umfrage des Technikbranchenverbands Bitkom gerade einmal fünf Prozent der mindestens 16 Jahre alten Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ihre Tanne per Klick, 2020 stieg der Anteil auf 13 Prozent. Was aber – man mag es sich gar nicht vorstellen – wenn der Baum nicht gefällt? Zurückschicken am 23.? Geht ja nicht!

Zu groß fürs Wohnzimmer. So wird der Weihnachtsbaum in Annaberg angeliefert.
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Zu Sabine Schmidberger kommen die Kunden immer früher. Einer wollte sogar schon mal im Sommer vorbeischauen, sicherheitshalber. Da hatten sie auf dem Hof anderes zu tun. Aber was sie natürlich mag, ist die Wertschätzung, die hinter so einem Wunsch steckt. „Ich pflege die Bäume ja zehn Jahre.“ Wenn sie durch den Wald geht, fährt ihre Hand manchmal beiläufig über einen Ast, als würde sie ihn streicheln. Ihren eigenen Weihnachtsbaum hat sie schon ausgesucht: Charaktertyp natürlich, zwei Spitzen, steht im Hühnerauslauf.

Weihnachtsbaum bleibt im Hause Schmidberger bis Februar stehen

Bei Schmidbergers bleibt er im Haus bis Lichtmess, da sind bei den meisten Deutschen aber die Bäume schon längst wieder raus. Weil dann nach der Weihnachtsungeduld, deretwegen die Bäume oft schon im Advent geschmückt werden, die nächste Ungeduld kommt, die aufs Frühjahr. Auf Tulpen in der Vase. Aber daran sollte man jetzt nicht denken: Lieber Zimtsterne kauen, einen schönen Baum kaufen. Als Trendfarbe für die Kugeln gelten in diesem Jahr übrigens erdige Töne, Braun, Beige oder Creme. Wenn Kinder Bilder von Weihnachtsbäumen malen, dann aber sind sie fast immer ganz schön bunt …