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Musik: Er will nur spielen

Musik

Er will nur spielen

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    Letzthin geschah Unerhörtes. Bob Dylan sprach! Zum Publikum! Dabei war seine Kommunikation mit Konzertbesuchern schon vor Jahren zu Schweigen geronnen. Doch vergangene Woche, beim Auftritt in Wien, hatte der 77-Jährige völlig überraschend das Wort ergriffen.

    Freundlichkeiten bekamen die Fans aber nicht zu hören. Dylan war verärgert, fühlte sich von fotografierenden Besuchern belästigt. Er brach den Song “Blowin’ in the Wind” ab und raunzte: “We can either play or we can pose.” Wir können spielen oder wir können posieren. Das Publikum barmte: “Play, play...” Und der aufgebrachte Star brachte seinen Auftritt noch zu Ende, immerhin. Allerdings hastig und misslaunig.

    Am Samstagabend ging das Konzert in Augsburg ohne Beinahe-Eklat über die Bühne. Es war wie fast immer: Bob Dylan und seine Band spielten, und das Publikum lauschte ehrfürchtig. Posiert hat der legendäre Musiker nur ganz kurz und nur ein ganz, ganz, ganz klein wenig. Denn Dylan steht oder sitzt in diesen späten Tagen am Klavier. Lediglich bei einem Song (“Scarlet Town”) kommt er hinter dieser Deckung hervor.

    Gekleidet ist er in ein anscheinend gelbes, großzügig schlotterndes Sakko, das an den Elvis Presley der fünfziger Jahre erinnert. Aber dessen Hüftschwung hat der bald 78-Jährige natürlich nicht drauf. Dylan steht breitbeinig festgemeißelt in der Mitte der Bühne, dirigiert seine Band mit kleinen Gesten.

    Und daraus entsteht großartige Musik. Weil Dylans Soundtechniker die Akustik der Schwabenhalle in den Griff bekommen haben, ist jede Nuance zu hören. Jedes von Schlagzeuger George Recile zart gestreichelte Becken, jeder Basslauf von Tony Garnier, jedes Gitarrenlick von Charlie Sexton. Auch Donnie Herron, der Multiinstrumentalist, ist mit der Steelgitarre, dem Banjo, der Geige präsent. Und von Dylan selber kommen die Klaviereinsprengsel, mal hammerartig hart, mal überraschend dezent.

    Auch in fortgeschrittenem Alter ist Dylan der Mut zur Veränderung nicht abhandengekommen. In der Setlist hat sich zwar seit einiger Zeit kaum mehr etwas getan, aber in Routine erstarrt ist Dylan deswegen nicht. „Don’t Think Twice...” hat er vergangenes Jahr noch in angejazzter Swing-Version dargeboten. Jetzt ist daraus eine zarte Piano-Ballade geworden. Das klassische „Like A Rolling Stone” dekonstruiert er, zerdehnt den Refrain, haucht so einem eigentlich „ausgelutschten” Song neue Spannung ein. Ähnlich verfährt er mit vielen anderen der zwanzig Songs in seinem Programm.

    Den Fans in der prall gefüllten, komplett bestuhlten Schwabenhalle gefällt es. Das Publikum lauscht dem delikaten Zusammenspiel mit scheinbar angehaltenem Atem. Kein taktloses Mitklatschen, kein Blitzlichtgewitter, kein Handyleuchten. Ein Teil der Besucher mag die Speicherchips seiner Handys bereits ein paar Stunden zuvor beim Spiel des FC Augsburg in der benachbarten Fußball-Arena gefüllt haben.

    So rar wie ein Augsburger 6:0 ist im heutigen Show-Geschäft ein solches Konzert. Keine flimmernden Videoleinwände, keine zuckende Lightshow. Nur fünf fast unbeweglich-konzentrierte Musiker, die auf einer Bühne stehen, die dezent in verschiedene honigfarbene Schattierungen getaucht ist. Sogar in einem Zweckbau wie der Schwabenhalle entsteht da so etwas wie Klubatmosphäre.

    Wer genau hinschaut, glaubt an diesem Abend sogar ein Lächeln im Pokerface von Bob Dylan dechiffrieren zu können. Am Ende jedenfalls versammelt der Meister seine Mitstreiter zu einer kurzen Verbeugung vor dem Publikum. Keine Selbstverständlichkeit. Bei den meisten Konzerten hat er zuletzt gänzlich grußlos die Bühne verlassen. Man darf vermuten: Bob Dylan hat es in Augsburg besser gefallen als in Wien. Und den Augsburgern hat das Dylan-Gastspiel gefallen.

    Die Setlist: Things Have Changed; It Ain’t Me, Babe; Highway 61 Revisited; Simple Twist Of Fate; Cry A While; When I Paint My Masterpiece; Honest With Me; Tryin’ To Get To Heaven; Scarlet Town; Make You Feel My Love; Pay In Blood; Like A Rolling Stone; Early Roman Kings; Don’t Think Twice, It’s All Right; Love Sick; Thunder On The Mountain; Soon After Midnight; Gotta Serve Somebody; Zugabe: Blowin’ In The Wind; It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry.

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