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22.04.2021

"United States vs. Billie Holiday": Andra Day spielt Filmrolle grandios

Die Sängerin Andra Day spielt die früh verstorbene Billie Holiday.
Foto: Paramount Pictures, Takashi Seida

Die Sängerin Andra Day spielt in „United States vs. Billie Holiday“ die Titelrolle. Sie kommt der Stimme des Originals unglaublich nah.

„Bäume im Süden tragen eine sonderbare Frucht: Blut auf den Blättern, Blut an der Wurzel … Schwarze Körper schaukeln in der Brise des Südens, eine sonderbare Frucht hängt von den Pappeln.“ Mit ihrer unverwechselbaren Stimme intonierte Billie Holiday diese Zeilen in ihrem Song „Strange Fruit“, der von den Lynchmorden an Afroamerikanern in den Südstaaten erzählte. Zum ersten Mal sang sie den Text von Abel Meeropol 1939 im New Yorker „Café Society“ – dem einzigen Jazzclub, dessen Türen damals für Schwarze und Weiße gleichermaßen offenstanden. Hört man sich den Song heute an, geht er immer noch direkt unter die Haut. Die zarte Dringlichkeit der Stimme, die Art, wie Holiday die Worte im Mund formt und deren schaurige Poesie herausarbeitet – es gibt keine Möglichkeit, sich der Wirkung dieses Songs zu entziehen.

Andra Day hat eine unverwechselbare Stimme.
Foto: Evan Agostini, dpa (Archivbild)

Das hat damals auch das weiße US-Establishment erkannt und das Lied, dessen Komponist und Autor Mitglied der kommunistischen Partei war, als „unamerikanisch“ kategorisiert. Die Sängerin geriet ins Visier der Bundespolizei, die alles daran setzte, die Aufführung von „Strange Fruit“ zu verhindern. Aber Holiday hielt an dem Song fest – ihr ganzes kurzes Leben lang.

In "United States vs. Billie Holiday" steht der Konflikt um den Song "Strange Fruit" im Mittelpunkt

Bereits 1976 wurde das Leben und Wirken der Jazzlegende in „Lady Sings the Blues“ mit Diana Ross im klassischen Biopic-Format verfilmt. Regisseur Lee Daniels („Der Butler“) geht nun einen anderen Weg. Sein „United States vs. Billie Holiday“ macht den Konflikt um das antirassistische Musikstück zum Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, ohne die Sängerin zur politischen Kämpferin zu stilisieren. Im Gegenteil lässt sich der Film mit Hingabe und Feingefühl auf die Widersprüchlichkeit seiner Titelfigur ein, die in verrauchten Jazzclubs und Konzertsälen das Publikum in ihren Bann zieht, aber nicht nur von der Bundespolizei, sondern auch von eigenen traumatischen Erlebnissen verfolgt wird.

Als Tochter einer Prostituierten wurde sie im Alter von zehn Jahren vergewaltigt. Wie viele Missbrauchsopfer gerät auch Holiday immer wieder in gewalttätige Beziehungen hinein. Ihren kurzen Frieden findet sie im regelmäßigen Heroinkonsum. Genau hier sieht der Chef des „Federal Bureau of Narcotics“, Harry Anslinger (Garrett Hedlund), den Hebel, um die unliebsame Künstlerin hinter Gitter zu bringen. Der bekennende Rassist setzt den schwarzen Agenten Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes) auf Holiday und ihren Freundeskreis an.

Obwohl Billie Holiday verfolgt wird, singt sie weiter "Strange Fruit"

Im Keller der Behörde befindet sich eine Abteilung, in der afroamerikanische Staatsdiener daran arbeiten, die Szene in Harlem und anderen schwarzen Gettos zu infiltrieren. Durch Fletchers Informationen wird Holiday schon bald wegen Drogenkonsums verhaftet und zu 366 Tagen Haft ohne Bewährung verurteilt. Als sie aus dem Knast kommt, füllt sie mit ihrem ersten Konzert die New Yorker Carnegy Hall, wonach Anslinger ihr die Auftrittslizenz entziehen lässt. Dadurch gerät die Sängerin an den mafiosen Clubbesitzer Louis McKay (Rob Morgan), der die Ordnungsbehörden besticht und die prominente Sängerin nicht nur ökonomisch ausbeutet.

Später geht sie dennoch auf Tournee und singt im Süden vor einer ausverkauften Konzerthalle wieder „Strange Fruit“. Derweil geht FBN-Agent Fletcher zu den rassistischen Rachefeldzügen seines Arbeitgebers auf Distanz und wandelt sich vom Spion zum Geliebten Holidays. Um seiner Heldin ein paar Glücksmomente zu verschaffen, weitet Daniels die historischen Fakten hier ins Fiktive hinein aus.

Der Regisseur stellt Billie Holiday als selbstbewusste, fragile Figur dar

Zwar hat Fletcher in Interviews mehrfach betont, dass er seine Spionagetätigkeit tief bereute, aber für eine romantische Beziehung zwischen Agent und Zielperson gibt es keine Belege. Fakt ist hingegen, dass Anslinger, der die Drogenpolitik der USA 31 Jahre lang bis 1961 nachhaltig bestimmte, die Sängerin mit rassistischer Unerbittlichkeit bis ans Sterbebett verfolgte und im Falle einer Genesung mit deren Verhaftung drohte. „Sie hassen sie“, sagt Fletcher zu seinem Boss, „Sie können es nicht ertragen, dass sie es bei allem, was sie durchmachen musste, zu etwas gebracht hat. Weil sie stark, schön und schwarz ist.“

Auch wenn Daniels den Fokus auf die politische Verfolgung der Musikerin legt, stellt sein Film die afroamerikanische Musikdiva nicht als wehrloses Opfer der rassistischen Verhältnisse oder eigener Suchtstrukturen dar, sondern als ebenso selbstbewusste wie fragile Figur, die klare Entscheidungen trifft und gerade aus der eigenen Widersprüchlichkeit ihre Strahlkraft entwickelt.

Die Kritik: Andra Day ist unglaublich nah an der Stimme von Billie Holiday

Die Soulsängerin Andra Day spielt die Titelrolle und ist in ihrem ersten Spielfilmauftritt eine echte Offenbarung. Unglaublich, wie nah sie sich in den zahlreichen Konzerteinlagen an die Stimme der Jazzlegende heransingt und gleichzeitig einen eigenen künstlerischen Zugang findet. Das ist keine bloße Imitation, sondern eine musikalische Reinkarnation, die sich sichtbar aus einem tiefen Verständnis Holidays herleitet. Es hat schon einige Musikerinnen mit durchwachsenem Erfolg vor die Filmkamera gezogen. Aber in Days Fall verbinden sich musikalische Kompetenz und schauspielerisches Talent zu einer schlichtweg hinreißenden Performance.

Zu Recht wurde sie mit dem Golden Globe als beste Hauptdarstellerin im Bereich Drama ausgezeichnet und ist nun auch für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert. Wäre da nicht auch noch Viola Davis im Rennen, die in „Ma Rainey’s Black Bottom“ eine afroamerikanische Blues-Ikone verkörpert, würde man sein letztes Hemd auf sie verwetten.

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