Noch ist es ein Herrenclub. Im ersten Stock des Kanzleramts, unweit der Pressetribüne, wo Friedrich Merz (CDU) regelmäßig mit internationalen Gästen vor die Kameras tritt, hängen sieben Gemälde für sieben Ex-Kanzler, von Adenauer bis Schröder. Gut sichtbar, aber auch ein wenig verloren wirken sie da, an der hohen und sonst minimalistisch-kahlen grauen Wand.
Die ersten vier sind noch konventionell schlicht, klassische Porträts, Adenauer etwas höher als die anderen. Bei Erhard und Kiesinger erkennt man auch als Laie, dass sie vom gleichen Künstler gemalt wurden. Schmidt wirkt als Erster etwas gewagt, verschwommen-expressionistisch, nicht wie eine abgemalte Fotografie. Und vor allem: mit Zigarette. Abgefahren wird es bei Schröder, gemalt als goldene Büste, antik-cäsarisch sieht er aus. Man braucht schon ein gesundes Selbstbewusstsein, um sich so darstellen zu lassen. Aber dazu später mehr.
Wo bleibt denn die Merkel? Im Kanzleramt weiß man es nicht
Denn das Auffälligste an dieser Galerie sind ja gar nicht die dargestellten Herren. Es ist die Frau, die hier gerade nicht mit einem Bild geehrt wird: Angela Merkel. Gut, und Olaf Scholz, wobei das ein Jahr nach seiner Abwahl noch einigermaßen verständlich ist. Die Galerie jedenfalls endet mit Schröder, der 2005 aus dem Amt schied. Was ist da los?
Nachgefragt im Kanzleramt. Wo bleibt denn die Merkel? Kurze Antwort: Man weiß es nicht. Die längere Antwort: Das Kanzleramt ist nicht zuständig für das Bild. Die Ex-Kanzler wählen selbst den Künstler oder die Künstlerin, in welchem Stil sie dargestellt werden möchten, und eben: wann das Gemälde fertig ist. Da will das Kanzleramt auch keinen Druck ausüben, das Bild kommt eben, wenn es kommt. Man vermutet zwar, dass es noch in dieser Legislaturperiode fertig wird – eine hat sie ja schon verstreichen lassen. Zwei wären dann doch lang. Zumal sie den Betrieb aufhält: Denn für unwahrscheinlich hält man es auch, dass Olaf Scholz sein Porträt vorstellt, bevor Merkel eingereiht wird. Das sähe dann doch etwas absurd aus.
Und was sagt Merkel selbst? Auf Anfrage erklärt ihr Büro: „Dazu geben wir zu gegebener Zeit Auskunft.“ Stressen lassen will sich Merkel offenbar nicht. Vielleicht liegt es auch an der langen Amtszeit. Der einzige Kanzler, der genauso lange brauchte, war Helmut Kohl, der andere 16-Jahre-Kanzler. Erst 2003 wurde sein Bild aufgehängt, fünf Jahre nachdem er aus dem Amt schied.
Merkel schweigt darüber, wer sie porträtieren soll
Wer sie malen könnte, auch darüber schweigt sich Merkel aus. Dabei kann man schon mit der Auswahl des Künstlers oder der Künstlerin ein Zeichen setzen. Helmut Schmidt initiierte die Galerie in seiner Amtszeit überhaupt erst, weil er meinte, das Kanzleramt ähnele einer „Sparkassenhauptverwaltung“ und es könnte ein wenig Kunst vertragen. Er entschied sich bewusst für einen Maler aus der damals noch bestehenden DDR, den Leipziger Künstler Bernhard Heisig. „Ich fand es wünschenswert, dass ein DDR-Maler im Bonner Kanzleramt vertreten ist“, sagt er später. Um Modell zu sitzen, reiste Schmidt 1986 unter höchster Geheimhaltung in die DDR – es war in dieser Hinsicht das wahrscheinlich aufwändigste Porträt.
Vom bereits verstorbenen Adenauer nahm man einfach ein bestehendes Bild, da gab es viele. Kein Kanzler wurde so häufig gemalt wie Adenauer. Erhard und Kiesinger bat Schmidts Kanzleramt damals, sich nachträglich malen zu lassen, beide vom Münchner Porträtmaler Günter Rittner. Ähnlich bei Brandt: Der lehnte ein Rittner-Porträt ab und entschied sich für ein abstraktes Bild des Künstlers Georg Meistermann. Glutrot war das und Brandts Gesicht nur mit viel Fantasie erkennbar. In Bonn spottete man damals von einem, wie der Spiegel im Februar 1978 schrieb: „Ölbild nach Säureanschlag“. Helmut Kohl fand es gar so unpassend, dass er es austauschen ließ. Bis heute hängt das Ersatz-Gemälde, das denen von Erhard und Kiesinger nicht unähnlich sieht.
Und wer malt die Kanzlerin?
Auch bei Schröder, der sich für seinen damals schon schwer kranken Freund Jörg Immendorff entschied, gab es einigen Spott über die goldene Darstellung. Man kann also auch einiges falsch machen.
Merkel hat sich über ihre Wahl bisher beharrlich ausgeschwiegen. Einige Gerüchte gibt es. So wurden die Porträts bisher nur von Männern gemalt. Da wäre man wieder beim Herrenclub. Cornelia Schleime wird deshalb oft genannt, eine aus Ostberlin stammende Künstlerin. Andere Namen: Neo Rauch, Rosa Loy oder Elizabeth Peyton, die die Kanzlerin einmal für die Vogue malte.
So seltsam der Herrenclub gerade noch wirkt: Man möchte der Kanzlerin die Zeit wohl einräumen, so eine Entscheidung will ja gut überlegt sein. Nicht dass Friedrich Merz sich gezwungen sieht, wie einst Kohl, das Bild seiner Nachfolgerin auszutauschen.
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