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Buchmarkt schwächelt: Deutscher Literatur fehlt Struktur in den USA

Buchmarkt

Nur drei Scouts: Wie fragil der Erfolg deutscher Literatur in den USA ist

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    Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck ist auf dem amerikanischen Buchmarkt überaus erfolgreich.
    Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck ist auf dem amerikanischen Buchmarkt überaus erfolgreich. Foto: Jens Kalaene, dpa

    Drei Meldungen, die man sich merken sollte: Jenny Erpenbeck gewinnt 2024 als erste Deutsche den International Booker Prize für ihren Roman „Kairos“. Daniel Kehlmanns „The Director“ – auf Deutsch „Lichtspiel“ – landet Ende 2025 auf Platz zwei der Jahresbestenliste der New York Times. Und in diesem Jahr standen gleich zwei deutschsprachige Titel auf der Shortlist des Booker Prize: wieder Kehlmann, und dazu Shida Bazyar mit „The Nights Are Quiet in Tehran“. Das hat es noch nie gegeben. Den Preis gewinnt schließlich die taiwanesische Autorin Yáng Shuāng-zǐ. Aber allein die Nominierung zeigt: Der amerikanische Buchmarkt, bekannt für seine Abschottung gegenüber allem, was nicht auf Englisch geschrieben wurde, scheint sich plötzlich für deutsche Stimmen zu öffnen. Oder doch nicht?

    Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse und damit einer der besten Kenner des internationalen Literaturbetriebs, bremst die Euphorie sofort. „Ich glaube nicht an den Trend“, sagt er. Was man sehe, seien Einzelphänomene, keine Bewegung. Tatsächlich gilt auf dem amerikanischen Buchmarkt seit Jahrzehnten eine ernüchternde Faustregel: Weniger als drei Prozent aller dort erscheinenden Bücher sind Übersetzungen. Daran hat sich durch den Erfolg der Bücher von Jenny Erpenbeck und Daniel Kehlmann nichts geändert.

    Jenny Erpenbeck vergleicht Ostdeutschland mit US-Gesellschaft

    Was also erklärt den Erfolg der beiden? Boos nennt zuerst die literarische Qualität – Bücher, die „nicht zu deutsch“ seien, sondern größere, allegorische Themen hätten. Erpenbeck selbst hat in Interviews eine schärfere Erklärung geliefert: Amerikanische Leser entdeckten in den Erfahrungen der ostdeutschen Nachwendegesellschaft etwas erschreckend Vertrautes. Das Gefühl des Abgehängtseins, der gesellschaftliche Bruch, die Wut auf Eliten – das kenne man auch jenseits des Atlantiks. „Deren Unzufriedenheit“, sagte sie über die Menschen im Osten Deutschlands nach 1989, „ähnelt durchaus der Unzufriedenheit der Trump-Anhänger in den USA.“ Bei Kehlmann verhält es sich ähnlich: Sein Roman über den Filmregisseur G. W. Pabst, der sich dem NS-Staat moralisch ausliefert, wurde in Amerika fast durchweg als Parabel über die Gegenwart gelesen.

    Ist das planbar? Boos verneint. „Ich glaube nicht, dass der Schriftsteller mit einem Masterplan dasitzt.“ Was er beschreibt, klingt eher nach Sensorium – dem Gespür eines Autors für das, was eine Gesellschaft gerade bewegt, kombiniert mit dem Glück des richtigen Moments. Kehlmanns Buch erschien in den USA im Mai 2025. Der wiedergewählte US-Präsident Donald Trump war gerade vier Monate im Amt. Es hätte kaum günstiger erscheinen können.

    Die Infrastruktur für die Übersetzungen ist dünn

    Hinter den Leuchttürmen aber liegt eine dünne Infrastruktur. Kehlmanns Auslandsrechte liefen nicht über Rowohlt, sondern über eine britische Literaturagentur. In New York gibt es laut Boos gerade drei deutschsprachige Scouts, die durch die Verlage ziehen und deutsche Titel vorstellen. Drei, „beim größten Buchmarkt der Welt“, sagt er. Das German Book Office, das von 1998 bis 2020 in New York für deutsche Literatur warb, wurde im Zuge der Pandemie geschlossen. Gleichzeitig vollzieht sich ein Generationswechsel unter den amerikanischen Lektoren: Eine Generation, die Erfahrung mit deutschsprachiger Literatur hatte, geht in Rente. Was bleibt, sind persönliche Netzwerke – und die sind, wie Boos es nennt, „kleinteilig“.

    Der Schriftsteller Daniel Kehlmann landete in den USA mit der Übersetzung seines Romans „Lichtspiel“ auf den Bestsellerlisten.
    Der Schriftsteller Daniel Kehlmann landete in den USA mit der Übersetzung seines Romans „Lichtspiel“ auf den Bestsellerlisten. Foto: Oliver Berg/dpa

    Einer dieser unsichtbaren Schlüssel ist die Übersetzung. Den Roman „Kairos“ übertrug Michael Hofmann ins Englische, einer der renommiertesten literarischen Übersetzer aus dem Deutschen – selbst ein preisgekrönter Lyriker, kein bloßer Handwerker. Kehlmanns „The Director“ übertrug Ross Benjamin, bekannt zum Beispiel für seine Übertragung von Kafkas „Der Prozess“. Beim International Booker Prize teilen Autorin und Übersetzer den Preis – und das Preisgeld. Boos, der selbst seit Jahren dafür plädiert, Übersetzer sichtbar zu machen, sagt: „Um die erfahrenen Übersetzer reißt man sich.“ Sie seien eine wesentliche Bedingung des Erfolgs. Ohne Hofmann kein Booker-Prize für Erpenbeck.

    Was bleibt, wenn der politische Sondermoment vorbei ist – wenn Amerika nicht mehr in jedem deutschen Roman eine Warnung vor sich selbst sucht? Boos lässt die Frage offen. Der amerikanische Buchmarkt war für deutsche Literatur immer ein Ort der Ausnahmen, nicht der Regeln. Erpenbeck und Kehlmann haben das eindrücklich bewiesen. Und das ist schon viel.

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