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Auf dieser Documenta liegt ein Schatten

Kommentar Von Richard Mayr
22.06.2022

Das Konzept der Weltkunstausstellung in Kassel ist nach nur einer Woche gescheitert. Statt als Vorbild dient die Documenta jetzt als Abschreckungsbeispiel.

Die Documenta hat ein Problem, ein großes, ein gewichtiges, eines, das nicht einfach wegzudiskutieren ist. Nachdem sechs Monate lang von verschiedenen Seiten der Vorwurf erhoben worden ist, die Macher der diesjährigen Ausgabe sympathisieren mit der Boykott-Bewegung gegen Israel (BSM), nachdem sechs Monate der Verdacht geäußert worden ist, die 15. Weltkunstausstellung in Kassel könnte antisemitische Bilder und Gedanken transportieren, nachdem sechs Monate lang von der Documenta-Leitung und dem kuratierenden Künstlerkollektiv Ruangrupa die Vorwürfe als haltlos zurückgewiesen wurden, ist der schlimmste Fall tatsächlich eingetreten: An der zentralen öffentlichen Stelle der Schau, in ihrem Herzen, genau dort, wo die programmatischen Kunstwerke stehen, ist ein übergroßes Banner aufgebaut worden, das mit offener antisemitischer Bildsprache operiert.

Das indonesische Kollektiv Taring Padi hat die Arbeit „People’s Justice“ bereits 2002 geschaffen und an mehreren Orten ausgestellt. In der offiziellen Erklärung, die am Tag nach den Vorwürfen auf der Homepage der Documenta veröffentlicht wurde, schreibt das indonesische Kollektiv, dass die Arbeit Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt während der Suharto-Militärdiktatur in Indonesien gewesen sei. Und weiter heißt es: „Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z. B. für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren.“

Pro-israelische Demonstranten protestieren auf dem Friedrichsplatz.
Foto: Boris Roessler, dpa (Archiv)

Die Erklärung der Künstlergruppe hinter "People's Justice" enthält auch eine Entschuldigung

Dargestellt werden auf dem Bild unter anderem die Geheimdienste dieser Welt, die an der Repression der Menschen beteiligt sind, neben dem CIA und dem KGB auch der Mossad. Dieser Agent wird mit Schweinegesicht gezeigt und trägt einen Davidstern auf dem Tuch. Unweit daneben ist eine Figur, die wie die antisemitische Karikatur eines Juden wirkt, mit Zigarette im Mundwinkel und SS-Rune auf dem Hut.

Die Erklärung der Künstlergruppe enthält auch eine Entschuldigung „für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen“. Und weiter heißt es: „Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen.“

Das erschütternde an dieser ersten Erklärung ist, dass das Künstlerkollektiv auch nach dem Sturm der Entrüstung nicht wahrhaben will, was das politische Banner zeigt: eindeutig antisemitische Inhalte, die genauso wahrgenommen werden. Wenn das Kollektiv die eigene Erklärung ernst meinen würde, hätte es spätestens in diesem Moment sagen müssen, diese Arbeit nie wieder auszustellen, ob in Kassel oder anderswo auf der Welt. Das Kollektiv entschuldigt sich zwar für die entstandenen Verletzungen, nicht aber für den Inhalt. Das ist der zweite Skandal gleich im Anschluss an den ersten. Das Kollektiv will nicht wahrhaben, was es auf dem politischen Wimmelbild geschaffen hat.

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Ein fader Nachgeschmack bleibt bei der Documenta

Hinzu kommt, dass diese Arbeit an den ersten beiden Tagen, als die Fachbesucherinnen und -besucher und die Weltpresse anwesend war, noch gar nicht zu sehen war. Die meisten Journalistinnen und Journalisten schrieben über die „documenta fifteen“, die so ganz anders ist als ihre Vorgänger, ohne diese Arbeit gesehen zu haben. Ob die Verzögerung beim Aufbau tatsächlich Zufall wegen der Restaurierung war (so die offizielle Kommunikation) oder doch auch Absicht, sei dahingestellt: Ein fader Nachgeschmack bleibt.

So hehr die Ziele des kuratierenden Kollektivs Ruangrupa auch sein mögen, ihre Documenta komplett anders zu gestalten, dem Kunstmarkt den Rücken zuzukehren, eine andere Form von Ökonomie zu praktizieren und Kollektive zu Wort kommen lassen, die vor allem aus dem globalen Süden kommen: Nach nicht einmal einer Woche kann man sagen, dass dieses Konzept auf ganzer Linie gescheitert ist. Die „documenta fifteen“ kann nicht mehr als Vorbild, sondern nur noch als Abschreckungsbeispiel dienen.

Natürlich stellt sich jetzt die Frage nach der Verantwortung. Warum gab es keine Instanz, die das Aufstellen der Arbeit verhindert hat? Gleichzeitig wird der Antisemitismus-Skandal die komplette Documenta wie ein dunkler Schatten begleiten. Wer kann jetzt unbefangen an Workshops teilnehmen und sich ohne Hintergedanken und starken Zweifel auf das komplett andere Konzept einlassen? Und wie reagieren die Künstlerinnen und Künstler, die sich an der 15. Documenta beteiligen, auf den Antisemitismus-Skandal? Die Arbeit „People’s Justice“ abzubauen, war nur ein erster Schritt. Ausgestanden ist der Eklat noch lange nicht.

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