Einen Ohrwurm zu erschaffen, das ist der Traum eines jeden Musikproduzenten oder Komponisten. Denn in solchen Fällen winken Reichtum und Unsterblichkeit. Doch wo finden wir noch echte Ohrwürmer – lateinisch „Vermis auris“ – die vor allem zwischen den 1950er und 1990er Jahren die Menschen millionenfach befielen? Zur Erinnerung: Dabei handelte es sich um musikalische Parasiten, die sich heimlich ins Gehirn schlichen, dort ihr Lager aufschlugen und bei jeder Gelegenheit die neuronalen Lautsprecher aufdrehten. Ohrwürmer pflegten sich rasend zu verbreiten, blieben oft wochen- oder monatelang hängen, bei manchen gar ein ganzes Leben. Dabei waren es doch nur simple Songs …
Viele von ihnen hatten etwas, das man rational kaum erklären und künstlerisch so gut wie nicht bewusst erzeugen konnte. Meist ging es um kollektive Erinnerungen, um Generationserfahrungen, wie sie in der Frust-Party-Hymne „Satisfaction“ zur Sprache kamen, um das unbeschreibliche Glücksgefühl der Sieger in „We are the Champions“, um Freiheitsoden wie „Born to be Wild“ oder schlicht um Hammer-Riffs wie in „Smoke on the Water“, „We will rock you“ oder „Paranoid“. Michael Jackson schuf mit „Billie Jean“ und diesem magischen Basslauf ebenso etwas Zeitloses wie Madonna, die in „Like a Prayer“ perfekt die Vibes der Achtziger kulminierte, Cyndi Lauper, die mit „Girls just want to have Fun“ erstmals explizit den Nerv von Frauen ins Visier nahm, Bon Jovi, die ihr „Livinʼ on a Prayer“ mit dem Pulitzerpreis verdächtigen „Woooaah-oh“-Refrain garnierten oder „Donʼt Stop Believinʼ“ von Journey, einer der größten Mitsing-Momente der Musikgeschichte überhaupt. Dazu gab es noch Genies mit dem besonderen Händchen für unkaputtbare Ohrwürmer: die Beatles, Abba oder die Bee Gees.
Warum die Ohrwürmer hängen bleiben? Weil sie sich mit Epochen verbinden lassen
Warum bleiben all diese Songs selbst nach Jahrzehnten noch hängen? Bis heute werden viele in Filmen, Serien, bei Sportevents oder in der Werbung am Leben gehalten, weil sie sich mit einer bestimmten Epoche und tief verwurzelten Emotionen verbinden lassen. Das zieht – vor allem, weil derartige massentaugliche Phänomene bei Produktionen jüngeren Datums so gut wie nicht mehr vorkommen. Von der Sanges-Milliardärin Taylor Swift gibt es nichts, was Ohrwurm-Reife erlangt hätte, während dies Adele mit „Rolling in the Dark“ und „Hello“ wenigstens zwei Mal gelang.
Oder die Ballermann-Hits. Der Konsum erfordert meist ein gewisses Quantum Alkohol, sie zielen auf schnellen Spaß, Stimmung und Party, funktionieren nur im Sommer oder in bestimmten Regionen. Ein bisschen ist das wie beim Essen: Heutzutage gibt es vor allem Fast Food, weshalb man sich wieder nach den heiß geliebten Spezialrezepten von Oma sehnt.
Es liegt vor allem an der Art, wie sich der Musikkonsum verändert hat. Streaming-Plattformen haben längst die Hegemonie übernommen und Tonträger wie CDs oder LPs – also das bewusste Hören – abgelöst. Hinzu kommt, dass der Markt völlig überhitzt ist. Täglich werden Tausende neuer Songs veröffentlicht, ein Überangebot, das es einzelnen Titeln schwer macht, sich langfristig festzusetzen. Und dann gibt es noch die verdammten Algorithmen: Durch sie wird Musik gepusht, die zwar kurzfristig funktionieren kann, deren langfristige Überlebensdauer jedoch für die Software keine Rolle mehr spielt. Es lebe der Augenblick!
Dem trägt auch das moderne Sounddesign Rechnung. Was ankommen soll, muss komplexe Texturen, Autotune, Beat-Drops besitzen – alles super für den Moment, aber schwer einprägsam. Ohrwürmer dagegen brauchen einfache Melodien und Wiederholungen. Kaum ein Song in den Charts läuft noch länger als 2.50 Minuten. Intros, Bridges und Gitarrensoli scheinen zum Stilmittel von gestern verkommen zu sein. Maßgeblich an dieser Zerschlagung der guten, alten Popmusik beteiligt sind Plattformen wie Spotify, YouTube und Tiktok.
Heute darf ein Song nicht länger als 2.50 Minuten dauern
Als Nirvana 1991 ihre Ewigkeits-Hymne „Smells Like Teen Spirit“ schufen, ging es vor allem um deren Aufbau. Der Song beginnt mit einem 15 Sekunden langen Gitarrenintro, bevor eine ruhigere Instrumentalstrecke einsetzt. Erst ab Sekunde 26 greift Kurt Cobain zum Mikrofon, er singt eine ungewöhnlich lange erste Strophe, ehe mit „Hello, hello, hello“ der erste kleine Ohrwurm auftaucht – die Bridge. Nach dem Refrain mit dem ikonischen Gitarrenriff folgt wieder ein Instrumentalpart, dann die zweite Strophe, dann der Refrain, dann ein Gitarrensolo und schließlich sogar noch eine dritte Strophe samt Refrain. Käme dies jetzt auf den Markt, würde man es überhören, denn das Ganze dauert 4.38 Minuten – viel zu lang nach heutigen Maßstäben. Nach spätestens 2.50 Minuten muss alles fertig sein, moderne Hits brauchen kaum mehr einen langen Aufbau, sondern beginnen häufig direkt mit dem Refrain. Keine Verschnaufpausen durch Instrumentalparts, nicht mehr als zwei Strophen und Refrains.
„Nutzerinnen und Nutzer skippen durch die Songs, statt sie in Ruhe in voller Länge anzuhören. Gefällt ein Song in den ersten Sekunden nicht, wird er weitergeskippt“, sagt Marcus Kleiner, Studiengangleiter Medien und Kommunikation an der SRH Berlin University of Applied Sciences. Plattformen wie Tiktok bezeichnet Kleiner als die „extreme Form dieses Trends“. Tiktok sei ein „riesiges Buffet voll mit kleinen Musikhäppchen, die man immer weiterwischt. Ein Song muss in wenigen Sekunden überzeugen, sonst taugt er nichts.“ Bei Streamingdiensten hat die neue Kürze finanzielle Gründe. „Spotify und Co. rechnen Songs ab, wenn sie 31 Sekunden gelaufen sind. Vieles kann quasi in Dauerschleife gehört werden. Ist der Song nach zwei Minuten vorbei, wird er nochmal angeklickt: Mehr Klicks bedeuten mehr Geld“, erklärt der Musikwissenschaftler Markus Henrik. „Das ist ein großes Problem. ‚Stairway to Heaven‘ mit gut acht Minuten Spielzeit wäre heutzutage im Streamingumfeld auf verlorenem Posten.“ Also keine Ohrwürmer mehr im Jahr 2025? Der „Vermis auris“ scheint tatsächlich ausgestorben zu sein. Schade eigentlich. Es waren nette unterhaltsame Tierchen …
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren