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Die reine Hörlust: Eric Clapton in München singt, seufzt und jammert mit der Gitarre

Konzert

Lässig bis in die Fingerspitzen: Eric Clapton in München

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    Eindringlich wie eh und je: Eric Clapton spielte in München (hier ein Archivbild aus dem Jahr 2014).
    Eindringlich wie eh und je: Eric Clapton spielte in München (hier ein Archivbild aus dem Jahr 2014). Foto: Hans Klaus Techt, dpa

    Es war angerichtet zu einem Festkonzert. Zu einem Münchner Festkonzert für diejenigen, die einen geregelten Ablauf inzwischen mehr schätzen als Unabsehbares und ein allzu gewagtes Über-die-Stränge-schlagen. Es war angerichtet für die aus den Gruppen Ü 50, Ü 60, Ü 70, Unter-Abteilung Blues-Rocker.

    Eric Clapton spielt in der ausverkauften Münchner Olympiahalle

    Das fing mit der Einstimmungsmusik vom Band an, die so manches von dem brachte, was die erfahrensten Hasen wohl selbst noch in Erstaufführung und in historischer Aufführungspraxis der 1960er- und 1970er-Jahre live miterlebt hatten: The Who etwa und Jimi Hendrix – und natürlich viel Blues. Das ging bei den akkurat platzierten Stuhlreihen in der Olympiahallen-Arena weiter – wobei kommode Beinfreiheit für die eingeplant war, die nicht mehr ganz so springlebendig auf den Füßen sind. Und als dann die Vorgruppe um Andy Fearweather Low die Halle auf Betriebstemperatur brachte, geschah das in kalkuliertem Retro-Stil: Mit Anzug und Weste, mit sehr schmalem Schlips und Kassenbrillen-Look fetzte aus einer wilden, verwegenen Ära jener Rock ‘n‘ Roll, durch den seinerzeit das Abendland unterzugehen drohte.

    Ja, und dann schlenderte um 20.44 Uhr der Typ auf die Bühne, wegen dem 18.000 Ohren sich aufgemacht hatten, noch einmal ein Hochamt zu feiern: Eric Clapton, der Gitarren-Gott, wie er schon in jungen Jahren tituliert worden war – damals in London, als sich Alexis Korner, John Mayall, Mick Jagger, Keith Richards und eben auch Clapton dem schwarzen Blues verschrieben hatten und damit Rock- und Pop-Geschichte machten. Warum aber 20.44 Uhr? Damit er, Gottvater der Gitarre, punkt 20.45 Uhr, so wie angekündigt, beginnen konnte. Ordnung, geregelter Tagesablauf muss sein – erst recht für einen 81-Jährigen.   Dass sich der Abend ausufernd hingezogen hätte, kann nicht behauptet werden. Nach einem guten Dutzend Nummern inklusive Zugabe ertönte um 22.20 Uhr im Schlagzeuggewitter der Schlussakkord, und die oben auf der Bühne und die im Hallenrund trollten sich winkend und sittsam. Die Messe war vorbei.

    Clapton in München: Zwischen Mississippi-Blues und Welthits

    Aber, das ist festzuhalten: Sie war auch intensiv. Clapton durchschritt, quasi im Stichwort-Lebenslauf, seine 60-jährige Musikerkarriere seit Gründung der ersten Supergroup „Cream“ (Konzertauftakt mit „Badge“); er zelebrierte den elektrifizierten Mississippi-Blues ebenso wie seine eher dem Pop nahestehenden Cover-Welt-Hits („I Shot the Sheriff“) – und er tat dies in zwei druckvollen Programmteilen, die eine leise, zarte, nachgerade kammermusikalische Song-Sektion umklammerten. Da waren 9.000 die Ohren spitzende Hörer und ein nun sitzender Musiker ganz unter sich. Zusammen mit dem zuvor gelieferten alten Blues-Kracher vom „Hoochie Coochie Man“ wohl der künstlerische Höhepunkt des Abends.

    Diesen leisen, „akustischen“ Programmteil mit fünf Nummern als intim zu bezeichnen, wäre ein wenig übertrieben. Aber da klang an, was die Musik – über ihren dynamischen Vitalitätscharakter hinaus – so kostbar macht: Das Horchen auf den unwiederholbaren Moment, das Erlauschen der Zwischentöne, die notwendige Eindringlichkeit dessen, der allein (oder fast allein) eine Botschaft überbringen will. Und das kann der 81-Jährige bei gelegentlich verwaschener und leicht brüchiger Stimme immer noch, vielleicht authentischer denn je im alten „Kind Hearted Women“-Blues von Robert Johnson, beim sanften Verzweiflungsliebeslied „Layla“ und beim andachtsvollen „Tears in Heaven“, diesem „Gebet“ für den tödlich verunglückten vierjährigen Sohn. Egal, ob erlebte Lebens-Höhen und Lebens-Tiefen wirklich die Voraussetzung für künstlerische Wahrhaftigkeit sind, Clapton hat sie durchgemacht. Er war ganz oben und ganz unten, mitunter in geistiger Verwirrung, und nun nimmt man ihm ab, was er erzählt, auch wenn er es schon hunderte Male erzählt hat. Das machte die Intensität des im Sound glasklaren Abends aus.   

    Clapton spielt mit musikalischer Altersweisheit und Lässigkeit

    Bei aller Rekapitulation aber schwebte auch ein hohes Maß an Abklärung, musikalischer Altersweisheit und Lässigkeit über diesem letzten Frühjahrsauftritt von Claptons 2026-Tour mit Stationen u.a. in Krakau, Budapest, Prag. Dass er nichts mehr reißen muss, dass ihm eh nie daran gelegen war, ein Hochgeschwindigkeitsmusiker zu sein, dies kam auch in München noch einmal deutlich rüber. Mag sich seine Band auch drängend, schiebend ins Zeug legen – sensationell wieder Tim Carmon an der wimmernden, wummernden, fauchenden Hammond-Orgel –, er Eric, zieht relaxed mit weit weniger Noten dieselbe solistische Bilanz auf der Gitarre. Indem er mit ihr singt, seufzt, jammert, klagt, dass es eine Hörlust ist.    

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