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Die Vaterrolle steht im Wandel – die Herausforderungen für aktive Vaterschaft

Interview

„Für Väter sind die ersten Monate entscheidend“: Interview mit einem Väternetzwerker

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    Wickeln, trösten, vorlesen: Moderne Väter wollen aktive Mitglieder der Familie sein.
    Wickeln, trösten, vorlesen: Moderne Väter wollen aktive Mitglieder der Familie sein. Foto: KA-News

    Herr Lüthje, Sie arbeiten beim Väternetzwerk Conpadres und setzen sich unter anderem für eine gleichberechtigte und familienfreundliche Arbeits- und Gesellschaftskultur ein. Wie viel Zeit verbringen Sie selbst gerade mit Ihren Kindern — und reicht Ihnen das?

    NICO LÜTHJE: Mein Lebensmodell sieht so aus, dass ich 50 Prozent die Kinder betreue und die anderen 50 Prozent betreut meine Partnerin die Kinder. Wir haben nach der Trennung das Nestmodell gewählt, wir als getrenntes Paar wechseln also in die Wohnung der Kinder, die dadurch in ihrer festen Umgebung bleiben können.  Meine Kinder sind jetzt elf und 13 Jahre und sind schon sehr eigenständig. Da fallen viele Verpflichtungen wie zum Sport fahren und Ähnliches weg. Dafür wird die Quality-Time, die man miteinander verbringt, wichtiger. Das klappt mal besser und mal schlechter, aber ich finde, das kriegen wir sehr gut hin.

    Die Vaterrolle steht immer mehr in der Diskussion und hat sich in den vergangenen Jahren auch sehr verändert. Wie nehmen Sie die neuen Väter wahr?

    LÜTHJE: Väter wollen heute nicht mehr nur Versorger sein. Sie wollen Beziehung leben. Im Vordergrund steht die „aktive Vaterschaft“, das heißt, dass man seine Rolle in der Familie sieht und auch als Vater aktiv dabei und ein Teil des Familienlebens ist. Das ist ein Anspruch der Väter, der sich gegenüber vorherigen Generationen verändert hat.  Väter wollen eine Rolle im Leben der Kinder spielen: bringen sie ins Bett, trösten sie, lesen vor, sind da, wenn es wichtige Themen zu besprechen gibt und werden nicht nur aufgefordert – von den Müttern oder den Kindern selbst – da zu sein. Ich habe etwa Wendepunkte im Leben meiner Kinder wie Kita- oder Grundschuleintritt oder den Wechsel in eine weiterführende Schule ganz bewusst für eine Zeit zu zweit, etwa einen Ausflug oder eine Reise, genutzt.

    Früher war der Vater der, der das Geld nach Hause bringt. Heute sind daran auch die Mütter beteiligt. Wie finden Väter ihren Weg dabei?

    LÜTHJE: Viele Väter wollen längst anders leben, aber Unternehmen sind oft noch auf das alte Modell gebaut. Wir bemerken, dass Väter oft eine gewisse Ermutigung benötigen, ihre Rolle zu finden und zu leben. Denn es steht die Frage im Raum, was heißt das eigentlich für deine Karriere, wenn du weniger arbeitest, wenn du auch einfach mal ein Meeting absagst, weil dein Sohn eine Schulaufführung hat. Das ist mit vielen Verunsicherungen verbunden.

    Was ist Ihrer Einschätzung nach das Wichtigste, das Väter ihren Kindern mitgeben?

    LÜTHJE: Bedingungslose Liebe und Zugehörigkeit. Das beinhaltet Aufmerksamkeit und Zeit und den Anspruch, den Kindern und dem Familienleben die Priorität zukommen zu lassen.

    Obwohl sich die Sichtweise der Männer auf Vaterschaft offenbar gewandelt hat, sind es Umfragen zufolge nur 17 Prozent, die dieses aktive Vaterdasein leben. Welche Widerstände und Zwänge stehen dem am meisten im Wege? Was müsste sich ändern?

    LÜTHJE: Ob aktive Vaterschaft möglich ist, entscheidet sich oft nicht zuhause — sondern im Unternehmen. Wie macht man Karriere – ist das Anwesenheit oder das Ergebnis der Arbeit? Wann sind Meetings? Wie finden Firmenevents statt, bei denen man netzwerken kann? Wie schaffe ich es, auch in Teilzeit noch eine gewisse Sichtbarkeit zu haben?

    Das kommt einem als Frau sehr bekannt vor. Sind es also dieselben Probleme der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Männer umtreiben?

    LÜTHJE: Wir betreuen sowohl Väternetzwerke als auch Mütternetzwerke. Und in der Summe kann man sagen, dass es um die gleichen Themen geht. Doch gibt es bei Müttern und Vätern spezifische Fragestellungen, die dann doch sehr unterschiedlich sein können. Zum Beispiel haben Väter oder werdende Väter eher eine Diskriminierungserfahrung, wenn sie Elternzeit anmelden. Das haben Frauen nicht, weil es akzeptierter ist, dass sie in Elternzeit gehen. Dafür haben Mütter häufig eine Diskriminierungserfahrung, wenn sie wieder in den Job zurückkehren. In unserer Arbeit versuchen wir aufzuzeigen, dass es nur gemeinsam geht und oft entsteht daraus dann auch eine Win-Win-Situation, sowohl für die Unternehmen wie auch für die Familien.

    Wie sieht das aus?

    LÜTHJE: Elternzeit wird häufig in Monaten gedacht, aber das muss nicht sein. Es gibt die Möglichkeit, sich die Elternzeit Tage-basiert mit dem Partner aufzuteilen, so dass beide auch die Möglichkeit haben, in einer Führungsrolle zu bleiben, weil der eine montags, mittwochvormittags und freitags im Office ist und die andere dienstags, mittwochnachmittags und donnerstags.

    Man hört oft, dass die Erwartungen der Frauen dem entgegenwirken, dass Männer ihre Vaterrolle ausfüllen können, weil sie ihren Partnern zu wenig zutrauen.

    LÜTHJE: Aus meiner Sicht sind die ersten Monate entscheidend. Ich ermutige Väter, die ersten Monate gemeinsam zu nehmen. So haben beide die Möglichkeit, gemeinsam in ihre neue Rolle als Eltern zu wachsen. Ein weiterer Aspekt bezieht sich sehr oft auf das sogenannte Mental Load,  die Fähigkeit, das Ganze im Blick zu haben und zu organisieren und als Vater nicht nur zu unterstützen. Also zum Beispiel nicht auf den Einkaufszettel zu warten, den man dann abarbeitet, sondern selbst den Wocheneinkauf zu planen. Oder die Termine der Kinder im Blick zu haben und dafür zu sorgen, dass sie auch hinkommen. Da sind wir in einem gesellschaftlichen Wandel, für den ein Empowerment der Männer noch hilfreich ist.

    Früher war der Vater für die Strenge, manchmal auch die Härte in der Erziehung zuständig, die Mutter für das Gefühlvolle. Beobachten sie auch heute noch in der Elternschaft eine Aufteilung?

    LÜTHJE: Ja, der berühmte Ausspruch: „Warte du erst mal, bis Papa heimkommt!“ Da hat sich viel getan. Ich sehe, dass sich bei Männern das Reden über Gefühle, überhaupt die emotionale Zugänglichkeit verändert hat und dass dieses Schwarz-Weiß-Denken keine Gültigkeit hat. Aber es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Väter mit ihren Kindern ganz anders spielen als Mütter, nämlich körperlicher, aktivitätsbasierter. Wobei das keine Aussage darüber sein soll, was richtig und was falsch ist, sondern vielmehr zeigt: Kinder brauchen eben beide Elternteile.

    Was steht also einer erfüllenden Vaterschaft noch am meisten im Wege: das Selbstverständnis der Männer, die Erwartungen an sie oder die gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität?

    LÜTHJE: Das ist ein Dreiklang. Alt hergebrachte Rollenbilder haben noch ihre Bedeutung, aber wir sehen auch in Studien, dass Väter eigentlich weniger arbeiten wollen, als sie es tun, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, und Mütter gerne mehr arbeiten würden. Das heißt, in der Familie würde sich das ausgleichen. Aber viele können dies einfach bisher nicht umsetzen.

    Was würden Sie einem jungen Mann sagen, der jetzt Vater wird — und der sich fragt, wie er seine Rolle als Vater finden kann?

    LÜTHJE: Kinder erinnern sich später nicht daran, wie viele Meetings wir hatten — sondern ob wir da waren. Deshalb: Trau dich und fang einfach an, deine eigenen Erfahrungen zu sammeln.  Und bilde Banden, also Gesprächsräume schaffen für Erfahrungsaustausch, denn das Reden darüber ist der erste Schritt, um sich damit auseinanderzusetzen.

    Nico Lüthje, Co-Leiter des Väternetzwerkes  Conpadres
    Nico Lüthje, Co-Leiter des Väternetzwerkes Conpadres Foto: Privat

    Zur Person

    Nico Lüthje, geboren 1978 und Vater zweier Kinder, ist Co-Leiter des Väternetzwerkes Conpadres.

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