Tierische Penisse sind in der traditionellen chinesischen Medizin sehr beliebt
Andreas Ahrens: „Wir wollen, dass die Leute über ihr Essen nachdenken“
Essbares an der Essbar: So schmecken Mehlwürmer
„Oh Gott, das fängt ja gut an“, denke ich, als mir die junge Frau an der Kasse das Eintrittsticket reicht. Es ist auf einer Kotztüte abgedruckt, „für den Fall, der Fälle“. Selten hat mir ein Stück Papier so unverblümt einen Vorgeschmack darauf gegeben, was mich innerhalb der nächsten Stunde erwarten könnte. Aber gut, eigentlich darf man nicht überrascht sein, bei einem Museum, das Disgusting Food, also ekelhaftes Essen, schon im Namen trägt. Die Ausstellung verspricht eine kulinarische Weltreise der anderen Art, es geht um Ekel, Geschmacks- und Horizontgrenzen. Und wenn wir bei Grenzen sind … in diesem Gebäude, unweit vom bekanntesten Deutsch-Deutschen Grenzübergang, dem Checkpoint Charlie, residierte zehn Jahre lang ein wesentlich appetitlicheres Food Museum: jenes für die Berliner Currywurst. Nun also das Gegenprogramm.
Auf der Reise des Ekels gibt es rund 80 Exponate, außergewöhnliche Gerichte aus der ganzen Welt, und einige davon, so viel sei schon mal verraten, sind nichts für schwache Mägen. Weil im Disgusting Food Museum nicht nur geguckt, sondern auch gefühlt, gerochen, gezuckt und geschluckt wird, ist der ganze Körper zur Mitarbeit verpflichtet. Am Ende jeder Führung wartet die Probiertheke mit zehn Delikatessen. Dort hängen verschiedene Tafeln, eine ruft in Großbuchstaben „Ekel bildet! Ekel schmeckt“, eine andere zeigt, vor wie vielen Tagen sich zuletzt jemand, nun ja … übergeben musste.
Mein Blick bleibt an der schwarzen Tafel kleben, an der Zahl 2. Irgendwie wirkt das wie eine sportliche Messlatte. Jetzt gibt es kein Zurück, ich gebe die Jacke ab, stecke das Ticket ein und hoffe, dass es genau das bleibt: Eintrittskarte und Souvenir. Und ich hoffe, dass ich nicht die Person bin, die aus der 2 eine 0 macht. Bevor Sie jetzt beim Frühstück weiterlesen: Legen Sie das Croissant vielleicht besser kurz beiseite.
Auf den ersten Blick wirkt der Ausstellungsraum mit gepflegtem, deutschem Ordnungssinn kuratiert. Er ist groß, offen, weiße Säulen, helles Licht. Die Grässlichkeiten aus aller Welt stehen brav an den Seiten, auf Metalltischen in Reih und Glied. Also alles nur halb so wild? Leider hält der Moment von Übersicht und Kontrolle nur kurz, ein Auge, nein zwei, locken mich an. Sie schauen mich an, schwimmen in blutroter Suppe. Ich starre hin, sie starren zurück. Mongolische Mary heißt das Gebräu mit eingelegten Schafsaugäpfeln in Tomatensaft, seine Wurzeln gehen zurück in die Zeit von Dschingis Khan. Es soll ein traditionelles Mittel gegen den Kater am nächsten Morgen sein. Angeblich, so das Versprechen aus dem ostasiatischen Steppenland, funktioniert es immer. Ob man sich damit den Sprint zur Toilette spart, ist allerdings eine andere Frage. Prost.
Auch für andere menschliche Befindlichkeiten hat die asiatische Kulinarik verschiedenes parat. Für mehr Freude an der Lust hat man in Japan eine flüssige Antwort: Habushu, destillierter Reiswein mit Honig, in dem der Körper der Grubenotter, einer der giftigsten Schlangen der Welt, eingelegt ist. China bietet daneben den Three Penis Liquor, ein Reisweingetränk, für das drei tierische Penisse verwendet werden, Robbe, Hirsch und kantonesischer Hund. Tierische Penisse sind in der traditionellen chinesischen Medizin sehr beliebt, das Getränk soll die männliche Potenz steigern und die Vitalität fördern.
Und als wäre das noch nicht genug, gibt es hier sogar ein Heilversprechen aus China gegen mein Asthma: Mäuse in Reiswein! Ein Getränk, das bis zu einem Jahr reift, bevor es konsumiert werden kann und seine Wirkung entfalten soll. Der Geruch soll faulig sein, Geschmacksrichtung: Benzin, Tankstelle. Beim Anblick der schwimmenden, hellen Mäusekörper macht sich langsam ein flaues Gefühl in der Magengegend breit, die Kehle schnürt sich etwas zu. Am Ende hilft nur eines: Weitergehen, immer der Nase nach, zum nächsten Abteil.
Wieso eigentlich das Ganze? Hinter dem Museum stecken der schwedische Museumsdirektor Andreas Ahrens und Samuel West, der hat schon das Museum des Scheiterns ins Leben gerufen. Schweden kann eben nicht nur Ikea oder unappetitliche Delikatessen, sondern auch skurrile Museumsideen. „Unser Museum soll keine Horror-Show sein, wir haben einen höheren Anspruch. Wir wollen, dass die Leute über ihr Essen nachdenken“, erklärt Ahrens immer wieder in Interviews auf die Frage, wie man denn auf so eine Idee komme. Sein Punkt: Ekel ist mehr als eine biologische Reaktion, er ist kulturell angelegt und individuell, wir mögen vor allem das, womit wir aufgewachsen sind. Was in einer Region der Welt Abscheu auslöst, gilt anderswo als Genuss.
Das sieht man am Stinky Cheese Altar: Ein Schild mit „Bitte riechen“ fordert dazu auf, sich durch fünf Käsegeruchsproben zu arbeiten. Und schon wird es geografisch näher. Der französische Nachbar ist mit Vieux-Boulogne, einem Käse aus Rohmilch, vertreten, daneben der Stinking Bishop aus Großbritannien. Der Weichkäse aus pasteurisierter Kuhmilch aus Gloucestershire kippt mich fast aus den Latschen, scharf und fleischig, wie eine Rugbyumkleidekabine. Den Käse, der erst seit 1994 hergestellt wird, genießt man am besten zusammen mit einem rustikalen Brot. An dieser Stelle sollte man jetzt aber nicht denken, es trifft immer nur die anderen. Abseits des Altars finden auch die deutsche Blutwurst und das Berliner Schnitzel aus Kuheuter ihren Platz.
Bis jetzt eigentlich halb so wild. Aber: Jetzt ist es so weit. Island und Schweden brechen mich förmlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Los geht es mit Hákarl, einer traditionellen isländischen Speise aus vergammeltem Grönlandhai. Damit das giftige Fleisch essbar wird, wird der Hai erst im Erdboden vergraben, damit er vor sich hin faulen, pardon, fermentieren kann. In dieser Zeit baut sich der Harnstoff im Haikörper ab und dabei entsteht Ammoniak. Diese Methode soll auf alte Wikinger-Siedlungen zurückgehen, die nach einer Möglichkeit suchten, ihren Fang in der harten Umgebung zu konservieren. Starkoch Anthony Bourdain nannte Hákarl einmal „das schlimmste, ekelhafteste und schrecklichste“, was er je gegessen habe, und mir reicht schon eine Geruchsprobe, um ihm beizupflichten. Mhhhm, Verwesung und Ammoniak.
Ich schrecke zurück, doch Pause gibt es nicht, denn schon wartet der nächste Klassiker, mein persönliches Ekel-Kryptonit: Surströmming. Viel habe ich über den berüchtigten Ostseehering aus Schweden gehört, übersetzt heißt die traditionelle Fischspeise „saurer Hering“. Jetzt liegt der salzige tote Fisch, verrottet und vergammelt, auf Watte in einem kleinen Glas vor mir. Wieder mit einem Schild, das mich freundlich zum Riechen auffordert. Ich hebe also den Deckel, führe meinen Riechkolben hinein, und … nichts? Dann schlägt er zu, dieser hinterhältige, scharfe, beißende Geruch, der all meine Sinne kurzschließt, betäubt, mir Tränen in die Augen treibt und den Würgereiz zuverlässig einschaltet. Riecht so die Hölle? Ich taste, blind vor Gestank, nach meinem Ticket, schaffe es aber in letzter Sekunde, mich zu beherrschen. Der Schwedenfisch hat mich fast in die Knie gezwungen, doch ich bleibe standhaft. Zugegeben, ein bisschen stolz bin ich. Aber beim Riechen soll es vorerst bleiben.
Ab dem Punkt wird es fast antiklimaktisch. Was könnte schon schlimmer sein, außerdem klebt noch der Geruch von saurem Hering in meiner Nase. Nicht mal die asiatische Durian Frucht, (die hierzulande den wohlklingenden Namen Stinkfrucht oder Kotzfrucht trägt), kann mir olfaktorisch noch viel anhaben. Die eiförmige Stachelfrucht ist aber mehr Schein als Sein, geschmacklich soll sie eine bittere Süße haben, die an Mandelaroma erinnert.
Gelegenheit zur Verköstigung gibt es an der Probiertheke, denn Probieren geht ja bekanntlich über Studieren. Vor mir: Insekten, Würmer, Grillen, Kakerlaken, weiter zur Stinkfrucht und, eine Stufe höher, die Königsklasse: Stinketofu, mit einem Aromaprofil, das vor allem nach faulen Eiern schreit. Nicht ohne Grund findet man Stinky Tofu in China fast ausschließlich an Straßenständen. Gemeinsam mit zwei Studenten aus Südkorea taste ich mich ran und nehme einen braunen Mehlwurm.
Leicht nussig, ungewürzt, vor allem trocken und staubig, er zerfällt wie Sand im Mund. (Normalerweise verkauft man die Insekten jedoch nicht pur, sie werden gewürzt.) Auf einmal merke ich, ich kann nicht mehr, die letzte Stunde hat körperlich an mir gezerrt, ich schaffe es nicht mehr zur Grille. Ich gebe mich geschlagen und bin mit der „Teilnehmerurkunde“ zufrieden. Nicht so meine zwei Mitstreiter, die sich tapfer bis zum ätzenden Stinketofu durchkämpfen, mit einem Zahnstocher spießen sie das dunkle Stück auf und er landet im Mund. Konzentriertes kauen mit geschlossenen Augen und – geschafft. Mein Mitstreiter meint danach: „Es schmeckt nicht so schlimm, wie es riecht.“ Als Belohnung gibt es zwar keinen Stern wie im Dschungelcamp, aber Ehre: An der Wall of Disgust stehen die Namen der Mutigen, die sich einmal komplett durch die Theke gegessen haben (ohne zu kotzen).
Auf dem Heimweg fragt man mich noch, ob ich ein Souvenir mitnehmen möchte. Vielleicht ein Insektenlolli für 2,99 Euro. Diesmal mit Süße gewürzt, quasi. Ich winke ab, danke, mein Bedarf an Protein ist erst einmal gedeckt. Ein Andenken nehme ich trotzdem mit, einen flauen Magen und dieses latente Unwohlsein. Was hilft da besser als eine klassische, leichte Gemüsebrühe, simpel, fettarm, ohne Überraschungen. Die Welt ist groß, kulinarische Grenzen sind weit, aber man muss sie nicht jeden Tag überschreiten. Dahoam schmeckt es manchmal eben doch am besten.
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