Jeder kennt die Geschichte. Vom Kind, das im Stall geboren wird. Von seinen Eltern, Maria und Joseph. Von den Hirten und Königen, die zur Krippe pilgern. Auch wer nur selten in der Kirche sitzt, weiß: Weihnachten wird gefeiert, weil Jesus geboren ist. Doch die Botschaft der Geschichte - Gott wird Mensch, der Retter ist geboren, Frieden auf Erden - spielt für immer weniger Menschen eine Rolle. Christsein, das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.
Dem Statistischen Bundesamt zufolge gehören hierzulande etwa 25 Prozent der Menschen der römisch-katholischen Kirche an, 23 Prozent den evangelischen Landeskirchen. Mit den Mitgliedern der orthodoxen und freikirchlichen Gemeinschaften leben offiziell etwa 40 Millionen Christinnen und Christen in Deutschland. Immer noch eine stattliche Zahl, dennoch weniger als je zuvor. Eine Zäsur – auch für die, die noch an Gott glauben, denn sie merken, dass sie zur Minderheit werden. Wie aber fühlt es sich an, so allein unter Heiden zu leben?
Tobias Haberl: „Ich glaube, weil ich davon ausgehe, dass es Gott gibt“
Tobias Haberl sitzt kurz vor seiner Lesung in einer Küche im Kloster Beuerberg. Mönche leben in der Anlage östlich des Starnberger Sees nicht mehr, ein Bildungswerk ist in den Räumen untergebracht. Es ist ein vereister, dunkler Winterabend. Die Lesung ist gut besucht, fast alle Plätze sind besetzt. Haberl liest aus seinem neuen Buch „Unter Heiden“, ein modernes Glaubensbekenntnis. Er schildert darin eindrücklich, warum er Christ bleibt, in einer Welt, in der Christen oft belächelt werden.
Haberl arbeitet unter anderem für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Er beschreibt sich als Genussmensch, schreibt über Drinks, Literatur, das Leben und die Gesellschaft. Sein Umfeld, sagt er, sei links-urban. In dem Milieu gelten Kirchenmitglieder als weltfremd, Gottesdienstbesucher als rückwärtsgewandt. Er sei einmal seine Telefonkontakte im Smartphone durchgegangen, viele Gläubige habe er nicht ausmachen können.
„Man sieht mir den Glauben nicht an und mein Alltag dreht sich auch nicht morgens bis abends um den lieben Gott“, sagt Haberl.„Ich gehe in die Messe und versuche, das Sonntagsgebot einzuhalten.“ Er empfinde es nicht als rigide oder altmodisch, sondern als ein Geschenk. „Ich tue es einfach und je mehr ich es tue und je regelmäßiger ich es tue, desto besser geht es mir damit – das ist noch kein Gottesbeweis, aber es fühlt sich wahr und richtig an.“ Außerdem betet Haberl, morgens, mittags, abends. Manchmal liest er ein theologisches Buch oder vor dem Einschlafen in der Bibel.
Haberl ist katholisch. Er wuchs in Niederbayern auf. Im ländlichen Bayern der 80er und 90er-Jahre waren eigentlich alle in der Kirche, erzählt er. Damals galten die, die nicht in die Messe gingen, als komisch. Heute sind es Menschen, die regelmäßig einen Gottesdienst aufsuchen. Auch in seinem Leben spielte Religion lange keine große Rolle, erst in den vergangenen zehn Jahren hat der 49-Jährige zum Glauben zurückgefunden.
Gläubige Menschen fühlen sich oft missverstanden
Vor der Veröffentlichung seines Buchs „Unter Heiden“ schrieb Haberl gut eineinhalb Jahre zuvor zu Ostern 2023 einen Text mit dem gleichen Titel. Sein Chefredakteur habe wohl gedacht, sie machen mal etwas Verrücktes und geben Haberl sechs Seiten, um über seinen Glauben zu schreiben, erinnert sich der Autor. Die Leserschaft der SZ gilt nicht als besonders kirchlich.
Doch etwas Überraschendes passierte: Haberl erhielt 500 E-Mails und Briefe von Leserinnen und Lesern. Die meisten Zuschriften seien positiv und teils sehr persönlich gewesen, sagt der Autor. Sie schätzten seinen Beitrag, bezeichneten ihn als „mutig“. „Sie sprechen mir aus der Seele“, schrieben Menschen. Andere sahen in dem Text „einen Lichtstrahl“. Auch die negativen Zuschriften seien differenziert gewesen. Haberl nahm die Reaktionen zum Anlass, sich tiefer mit dem Glauben zu befassen.
„Ich bin kein Theologe“, sagt er. „Ich habe ein paar Bücher gelesen und bin während des Schreibens regelmäßig in die Messe gegangen.“ Der Glaube füllt für ihn eine Lücke, er gibt ihm Trost und lässt ihn hoffen. „Ich hadere mit der modernen westlichen Gesellschaft“, sagt Haberl. Sein Unbehagen hängt mit den technologischen Entwicklungen zusammen. Auch über dieses Thema, die Entzauberung der Welt durch die Digitalisierung, hat er schon geschrieben. Alles scheint berechenbar, die Gesellschaft ist trotzdem ängstlich. „Ich denke, dass es Menschen, die im Glauben stehen und nicht nur auf politische oder technologische Lösungen hoffen, in krisenhaften Zeiten leichter haben“, sagt er. Für ihn ist der Glaube keine Ansichtssache, kein politisches Statement, sondern eine gelebte Realität. „Ich glaube, weil ich davon ausgehe, dass es Gott gibt“, sagt er und scheint vielen Anwesenden aus der Seele zu sprechen. Immer wieder sucht er während der Lesung das Gespräch, einige teilen persönliche Erfahrungen. Ein Mann erzählt, er habe an seinem hippen Arbeitsplatz in Berlin sein Christsein verschwiegen. Zu groß sei die Furcht gewesen, als Außenseiter dazustehen.
Als gläubiger Mensch fühlt sich auch Haberl oft nicht verstanden. „Man wird angeguckt, als wäre man naiv oder weltfremd“. Es ist zu spüren, dass die Zuhörenden ähnlich denken. Einige nicken, während Haberl liest. Eine ältere Dame macht sich kurz Luft: „Die Leute sprechen von der Rettung des christlichen Abendlands, aber wo sind sie denn? Nicht in den Kirchen.“ Hinter den dicken Mauern des ehemaligen Klosters wirkt die Welt da draußen für einen Moment weit weg.
Tarotkarten und Self Care aus dem Netz: Esoterik ist bei jungen Menschen im Trend
Doch das Nicht-Verstanden-Werden, das Belächelt werden, scheint eine Realität für Christinnen und Christen. Gleichzeitig sind viele Menschen offen für Spiritualität. Ein Blick in die Buchläden zeigt: Lebensratgeber aller Glaubensrichtungen sind gefragt. Ganze Regale sind mit „Spiritualität“ überschrieben, dort finden sich christliche Werke, etwa vom Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler, von Anselm Grün oder der evangelischen Theologin Margot Käßmann. Auch ein Buch von Papst Franziskus, die Losungen für 2025 oder Bibelübersetzungen stehen dort.
Viel größer als die Auswahl an Bibeln ist allerdings die Zahl der Tarot-Karten-Sets, Mondkalendern und esoterischen Ratgeber. Ob Meditation, Yoga oder Tipps für mehr Selfcare – spirituelle Angebote sind gefragt, im Buchladen und in den Sozialen Medien. Besonders junge Menschen sprechen auf Schlagworte wie Achtsamkeit, Esoterik und Persönlichkeitsentwicklung an. Und sie entwickeln auf der Suche nach Sinn ihre ganz eigenen Glaubenssätze.
Die Kirche und die christliche Lehre spielen dabei kaum noch eine Rolle. Die meisten Bücher über Religion und Christentum finden sich nicht bei den spirituellen Angeboten, sondern in der Abteilung „Geschichte“. In den vergangenen Jahren erschienen Bücher, die die Entwicklung des Westens analysieren. Der Historiker Heinrich August Winkler etwa schreibt, die Trennung von weltlicher und geistlicher Macht, der Gedanke von der Würde des einzelnen und von seinen persönlichen Rechten seien auf das Christentum zurückzuführen. Der britische Historiker Tom Holland widmet sich im Werk „Herrschaft“ ebenfalls der Frage nach der Entstehung des Westens. Seiner Ansicht nach geht sogar der innerwestliche Widerstand gegen das Christentum, befeuert durch Aufklärung, Laizismus, Gleichheit der Geschlechter oder die Menschenrechte, auf eine christliche Grundlage zurück. Wie auch Winkler führt der Brite seine These auf die Worte Jesu zurück: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“
Die Säkularisierungsprozesse stammen den beiden Forschern zufolge aus dem Christentum selbst. Die Religion ist im Christentum eine Gewissensangelegenheit, etwas Innerliches und nicht allein Ritus oder Gesetz. Anders gesagt: Nicht das richtige Verhalten macht einen Christen zum Christen, sondern der Glaube. Eine Erkenntnis, die die Religions- und Glaubensfreiheit überhaupt erst ermöglichte. Christliche Werte prägen das Zusammenleben in der westlichen Gesellschaft bis heute, das Christentum ist fester Bestandteil der Kulturgeschichte.
Wer in eine Gemäldegalerie geht und keine biblischen Geschichten kennt, wird wenig verstehen. Wer die Musik von Johann Sebastian Bach hört und keine Ahnung von christlichem Ritus hat, verpasst etwas. Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, alles christliche Feiertage. CDU und CSU tragen das Christliche im Namen und beim Spaziergang durch deutsche Innenstädte kommt man fast unausweichlich an einer Kirche vorbei. Mancherorts schlagen noch jede Viertelstunde die Glocken der Kirchturmuhr, vor einem Gottesdienst ertönt das volle Geläut.
Doch bundesweit gibt es heute fast keine Stadt mehr mit einer christlichen Mehrheit. Im Jahr 2011 waren noch mehr als 20 Städte mehrheitlich katholisch geprägt. Aktuell sind es Münster, Paderborn, Bottrop und Trier. Eine westdeutsche 100.000-Einwohner-Stadt, in der Protestanten auch nur in der relativen Mehrheit stellen, gibt es nicht mehr. Die Kirchen bestimmen trotzdem noch das Bild vieler Orte in Deutschland. Die Größe des Kölner Doms, die Höhe des Ulmer Münsters, die Schönheit der Dresdner Frauenkirche zieht Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt an. Orte der Bewunderung, aber immer seltener der Anbetung. Wie empfinden das Menschen, die sich in der Kirche zu Hause fühlen?
Pastor sagt: „Nicht alle unsere Mitglieder glauben, was die Kirche offiziell lehrt.“
Nachfrage bei Malte Detje, evangelischer Pastor in Hamburg und Betreiber eines theologischen Podcasts. Er sagt: „In meinem Stadtteil haben wir eine Kirchenmitgliedschaft von etwa 15 Prozent.“ Eine Minderheit, dabei sei das Gebiet historisch gesehen ein evangelisches Mehrheitsgebiet. Seine Kirche steht umgeben von hohen Wohnkomplexen im alten Dorfkern von Wilhelmsburg in der Nähe vom Hamburger Hafen. „Ich lebe hier in einem Stadtteil, der stark von Menschen mit Migrationsgeschichte geprägt ist. Es gibt hier mehr Moscheen als Kirchen“, sagt Detje. „Ich glaube, dass es auch gar keinen einheitlichen Blick auf Christen gibt“. Wenn er mit Muslimen aus seinem Stadtteil spricht, werde er respektiert und sein Glaube ernst genommen. Er würde eher hören: „Nehmt ihr euren Glauben eigentlich noch ernst?“
Mit seinem Kollegen Knut Nippe nimmt Detje den Podcast „Tischgespräche – Die Botschaft der Reformation für heute“ auf. Sie widmen sich theologischen Fragen. Was ist spiritueller Missbrauch? Sind Gottes Gebote gut oder schlecht? Sie erreichen damit eher christliche Insider und Menschen, die sich neben dem Sonntaggottesdienst tiefer mit ihrem Glauben auseinandersetzen wollen. Schrumpfende Zielgruppe also, denn von den 48 Prozent Christinnen und Christen in Deutschland besuchen weniger als zehn Prozent regelmäßig einen Gottesdienst. Bei den unter 30-Jährigen sind es nur noch etwa vier Prozent.
Die Statistiken der Amtskirchen zählen alle Menschen als Mitglieder, die einst getauft wurden. Die Taufe fand meist im Säuglingsalter statt und war bei vielen Menschen keine eigenständige Entscheidung. Etliche Kirchenmitglieder haben demnach nicht zwingend viel mit dem christlichen Glauben zu tun. Wer Christ ist, darüber lässt sich streiten. Eins ist klar: Im vierten Jahrhundert einigten sich die Gläubigen bereits auf ein Glaubensbekenntnis, welches die zentralen Glaubensaussagen zusammenfasst. Christen, das sind die Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus Christus. Der Aussage, dass Gott sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat, stimmen nach einer Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aber nur ein Drittel der Kirchenmitglieder zu.
„Das Phänomen ist nicht neu, dass nicht alle unsere Mitglieder glauben, was die Kirche offiziell lehrt“, sagt Detje. Die Frage ist, welche Konsequenzen man daraus zieht. „Lange Zeit ist die theologische Forschung davon ausgegangen, dass es so etwas wie eine stabile Volkskirche gibt, dass Menschen im Jahreszyklus, also an Weihnachten, in die Kirchen gehen und trotzdem eine gewisse innere Nähe zur Kirche haben und gerne Mitglied sind.“ Diese vermeidlich stabile Mitte gebe es nicht mehr. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Mitglieder der beiden großen Kirchen austrittsfreudiger geworden sind. Die Kirchenaustritte erlebten im Jahr 2022 ihren bisherigen Höhepunkt, mehr als 520.000 Menschen wendeten sich von der Katholischen Kirche ab. Bei den Protestanten waren es etwa 380.000 Menschen. Zu den häufigsten Gründen für den Austritt gehören den Umfragen zufolge die fehlende kirchliche Bindung, die Einsparung der Kirchensteuer, Gleichgültigkeit oder Unzufriedenheit mit der Institution Kirche.
Jungen Christen ist vor allem die Gemeinschaft wichtig
Dass sich vor allem junge Menschen von der Kirche abwenden, ist ebenfalls nicht neu. Was aber motiviert diejenigen, die dabeibleiben? Anna Repper und Verena Weiß engagieren sich ehrenamtlich bei der katholischen Hochschulgemeinde in Augsburg. Beide kommen vom Land, sind in christlichen Familien aufgewachsen. „Bei mir ist es aus dem Aspekt der Gemeinschaft heraus“, sagt Repper. Ähnlich sieht es Weiß. Jeden Dienstag im Semester organisiert die Hochschulgemeinde einen Gottesdienst. Im Anschluss gibt es einen Vortrag, einen Kochabend oder einen Tanzkurs. Ein wichtiger Fixpunkt im Unialltag der beiden Studentinnen. In der Kapelle kann man herunterkommen, sagt Weiß. „Es ist ein Punkt im Alltag, wo man abschalten kann“.
Und auch darin sind sich die beiden einige: Die Institution Kirche würden sie von ihrem Glauben trennen. Was die beiden genau an der Kirche stört, sagen sie nicht konkret. Es ist aber nicht überraschend, die Skandale um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals reißen nicht ab. Die innerkirchlichen Gräben zwischen liberalen und konservativen Christinnen und Christen scheinen teils unüberbrückbar.
Dass sie als Christen immer mehr zur Minderheit werden, stört die beiden Frauen nicht. „Es ist etwas spekulativ, aber ich glaube, früher oder später wird man auf uns zukommen, weil es dann keine katholischen Kindergärten, keine katholischen Sozialeinrichtungen wie die Caritas in dem Umfang mehr gibt. Dann wird man sehen, dass eigentlich auch Gutes dahintersteckt und nicht nur die goldenen Wasserhähne der Päpste und Bischöfe“, sagt Repper und schiebt hinterher: „Es wäre schon komisch, wenn man an Weihnachten extra Urlaub nehmen muss.“
Die Feiertage an Weihnachten abschaffen? Daran denkt niemand. Aber was, wenn niemand mehr daran glaubt, dass an Weihnachten der Heiland geboren ist? Dass Jesus in die Welt kam, um Hoffnung zu geben und Frieden zu stiften. Sein Kommen wird an Weihnachten gefeiert, auf ihn geht das Christentum zurück. Das größte Missverständnis über den Glauben, sagt Pastor Malte Detje, ist, dass es in erster Linie um Werte und das richtige Verhalten geht. „Wir sollen auch gute Menschen sein, keine Frage, aber die Hauptbotschaft ist, dass Gott gnädig ist.“ Eine Botschaft, die Halt geben kann.
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 23.12.2024 veröffentlicht.
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