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Siri Hustvedt über ihre Ehe in Ghost Stories: „Wir haben einander genervt, geärgert, gereizt, aber nie gelangweilt.“

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Siri Hustvedt: „Wir haben einander genervt, geärgert, gereizt, aber nie gelangweilt.“ 

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    Siri Hustvedt und Paul Auster waren mehr als 40 Jahre verheiratet. (Archivbild)
    Siri Hustvedt und Paul Auster waren mehr als 40 Jahre verheiratet. (Archivbild) Foto: Lucas Dolega/epa/dpa

    Die ersten Zeilen, die Paul Auster an Siri Hustvedt schrieb, standen auf einem Zettel, einer aus einem Spiralblock gerissenen linierten Seite. Er lag im Briefkasten ihrer Wohnung in der West 109th Street 309 in New York. Es war ein Mittwoch im Februar 1981. Zwei Tage zuvor hatten sich die beiden bei einer Lesung kennengelernt. Sie Dichterin, 26, er Dichter, 34, zwei noch ohne große Namen. Er habe sie mehrmals angerufen, weil er einen Termin hier in der Gegend habe, schreibt Paul Auster. Sie aber sei leider verschwunden. Wenn ihr diese Nachricht in die Hände falle, bevor es zu spät sei, würden sie sich vielleicht finden, ehe die Nacht vorbei sei. Dazu seine Telefonnummer. Die Anrede: Liebe S-.

    „Hat er S- geschrieben, weil er nicht wusste, wie man meinen Namen buchstabiert?“ Fragt Siri Hustvedt mehr als vier Jahrzehnte später und wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes Paul Auster, in den eben erschienenen „Ghost Stories“. Ein Buch der Erinnerung. Der Schriftsteller starb am 30. April 2024 im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Er wolle ein Geist werden, sagte er zu seiner Frau, als er im Sterben lag. Nur wenige Tage nach seinem Tod begann sie mit dem Schreiben des Memoirs. Das Buch sei eine Notwendigkeit, keine Entscheidung. Der Geist, den sie versucht, darin festzuhalten, auf das Papier zu bringen, ist nicht nur der ihres Mannes. Es ist das „und“. Paul Auster und Siri Hustvedt. Siri Hustvedt und Paul Auster. 43 Jahre lang verheiratet. „Ich will mich deutlicher ausdrücken“, schreibt Siri Hustvedt: „Ja, ich trauere um Paul, aber meistens trauere ich um Siri und Paul. Ich trauere um das UND. Ich trauere um das Gefühl, das dieses UND mir in der Welt bereitete. Das UND, in dem er und ich einander überlagerten.“

    Würde man die Romane und Essays des Ehepaars übereinander auftürmen, der Stapel würde vielleicht kippen, zu hoch. Über 30 Werke von Paul Auster, Gedichte, Essays, Drehbücher und fast zwanzig Romane, alleine „4 3 2 1“, in dem er in vier Versionen von einem Leben erzählte, ist etwa sechs Zentimeter dick. Und darauf noch 16 Werke von Siri Hustvedt, darunter sieben Romane, sowie Essays und Sachbücher. Im Erinnerungsbuch von ihr, das, was nun auf dem Stapel ganz obenauf liegen würde, sind auch Texte von ihm: Briefe an seinen Enkel Miles, die er kurz nach dessen Geburt zu schreiben beginnt. Eine Hinterlassenschaft von seinem „Papa“, so will er in Erinnerung bleiben.

    Ein Ehepaar, das mit seinen Werken also ganze Bretter im Bücherregal füllt. Strahlend, brillant, das wohl berühmteste Schriftstellerpaar der Gegenwartsliteratur. Auf der Hochzeitsfeier bringt ein Dichter-Freund einen Toast aus, „auf die Braut und den Bräutigam, zwei so gutaussehende Leute, dass ich ihre Gesichter gerne mit einem Rasiermesser schlitzen würde.“

    Sie ist die Intellektuelle, aber wird manchmal nur als Anhängsel wahrgenommen

    Von manchen Autoren weiß man vielleicht gerade mal Eckdaten der Biografie. Bei Auster und Hustvedt aber kannte man auch die Inneneinrichtung des Wohnzimmers im vierstöckigen Haus in Brooklyn, unzählige Male fotografiert, Bücherregale, Fotografien, Sessel, weiß von den streng getrennten Arbeitszimmern und dass Paul Auster auf einer Schreibmaschine, ein Reisemodell der Marke Olympia, schrieb, vom Klappern, das durchs Haus klang. Er hat auch ihr, der Schreibmaschine, ein literarisches Denkmal gesetzt.

    Seiner Frau selbstverständlich viel früher, nämlich gleich in jenem Roman, der von 17 Verlagen abgelehnt, und mit dem er 1985 bekannt wurde: „Die Stadt aus Glas“ ist eine vertrackte, hintersinnige Geschichte, in der ein Detektiv namens Quinn sich als Paul Auster ausgibt, dann auf den Schriftsteller Paul Auster trifft. Dessen Frau heißt Siri. Und Auster beschreibt diese Roman-Siri so: „Sie war eine große, schlanke Blondine, strahlend schön, von einer Energie und einem Glück, die alles um sie her unsichtbar zu machen schienen.“

    Paul Auster wiederum findet sich in Zügen in der Figur des Boris in Hustvedts „Der Sommer ohne Männer“ (2011). Da wütet die betrogene Dichterin Mia über den untreuen Ehemann, den sie Schritt für Schritt durch die Philosophie geführt habe, „wenn nötig bis zu Hegel, Kant und Hume“. Nein, erzählte Hustvedt damals lachend in Interviews, Paul Auster habe sie nicht betrogen. Aber sie schreibt in diesem so geistreichen und komischen Roman natürlich über etwas, das sie kennt: als ein Anhängsel neben dem berühmten Mann wahrgenommen zu werden. „Paul und ich wurden manchmal als Schachfiguren benutzt“, ist in ihrem Memoir zu lesen: „Nicht nur in einem allgemein wahrnehmbaren Drama, wem mehr Ruhm zusteht, sondern in einer uralten Geschlechterdebatte. Der Mann ist Intellekt; die Frau ist Gefühl. Er gebiert Ideen; sie presst Babys heraus. Männlicher Geist über weiblichem Körper.“

    „Wir haben einander genervt, geärgert, gereizt, aber nie gelangweilt.“

    Verzerrte Sicht von außen, die Innensicht zeigt zwei im Gleichgewicht, im unentwegten Dialog. „Paul und ich haben einander nie gelangweilt. Wir haben einander genervt, geärgert, gereizt, aber nie gelangweilt.“ Sie ist die erste Leserin seiner Texte, er der erste Leser ihrer Texte. Sie sei die Intellektuelle, wie er immer wieder betont. Auf die ihr offenbar immer wieder gestellte Frage, wie es denn sei, mit Paul Auster verheiratet zu sein, drängt ihr Mann sie einfach mal zu antworten: „Oh mein Gott, Sie können sich nicht vorstellen, wie toll er im Bett ist.“ Hustvedt rollt dann mit den Augen …

    „Wir lebten beide in den Seiten von Büchern“, schreibt sie an einer Stelle, ein abgewandeltes Wittgenstein-Zitat, an einer anderen, wie sie ihren gemeinsamen Bücherbestand sortierten, als sie in ihrer ersten Wohnung zogen. Von den doppelten Exemplaren behielten sie jeweils das bessere. Gemeinsame Bücherregale, nun wird es wirklich ernst, denkt sie damals. Geist trifft Geist. Über ihr langjähriges Zuhause in Brooklyn schreibt sie: „Dies ist das Haus eines langanhaltenden Dialogs über die kleinen Dinge und die großen, eines Dialogs, der nun beendet ist.“

    Sie liest zur Beruhigung wissenschaftliche Texte – besser als eine Flasche Scotch

    Nach seinem Tod trägt Siri Hustvedt seine Lammfelljacke, seine schwarze Jogginghose, sie riecht den Rauch von Zigarillos im Haus, sie stöbert in alten Kisten, findet Zettel, liest seine Bücher, ihre eigenen Liebesbriefe. In „Ghost Stories“ teilt sie all das, auch Tagebucheinträge, die E-Mails, in denen sie die Freunde mit „Nachrichten aus dem Krebsland“ auf dem laufenden Stand hält, schreibt auch über die dunkelsten Stunden, die das Paar heimsuchen, zuletzt der Tod ihres Stiefsohnes und ihrer Stiefenkelin, und das Glück mit ihrer Tochter Sophie und ihrem Schwiegersohn Spencer über den kleinen Miles. Und sie macht das, was Siri Hustvedt schon immer macht: Sie vergräbt sich in wissenschaftliche Texte. „Ich lese wie besessen über alles, was mich beunruhigt.“ Das kühle das Brennen, sei besser als eine Flasche Scotch. Sie vertieft sich in Standardwerke zum Prozess des Trauerns, liest über den Umgang mit den Toten in anderen Kulturen, liest in psychologischen Fachzeitschriften. Sie entdeckt eine schon ältere Studie über Halluzinationen infolge von Verwitwung. Fast die Hälfte der Interviewten spürt eine Art von Präsenz. So wie Siri Hustvedt. Am Tag der Beerdigung fühlt sie ihren Mann ins Schlafzimmer kommen. Geistergeschichten.

    „Ghost Stories“ aber ist keine „Biographie des Abgrunds“. Was Siri Hustvedt vor allem erzählt, ist eine Liebesgeschichte. So offen wie möglich, so diskret wie nötig. Als sie Paul Auster zum ersten Mal trifft, bei jener Dichterlesung, fühlt sich die Anziehung des schönen Mannes in schwarzer Lederjacke auf sie an „wie ein Schlag in den Nacken“. Er ist erst einmal nicht sonderlich interessiert an der großen Blondine im Jumpsuit. Später am Abend sitzen sie gemeinsam im Taxi zu ihr …

    Die immer wiederkehrende Frage: Was wäre, wenn ich dir nicht begegnet wäre …

    Es wird eine symbiotische Beziehung, in der ihr Mann sie beim Vorlesen ihres Manuskripts darauf aufmerksam macht, dass dieser Satz doch bereits in einem seiner Romane steht. Das Gleiche passiert auch umgekehrt. Sie ändern. Ein unzertrennliches Paar, so wie es Paul Auster in seinem letzten Roman „Baumgartner“ beschrieb. Im Roman überlebt der Mann, klappert auf der Schreibmaschine seiner Frau, um das vertraute Geräusch zu hören. Nun schreibt Siri Hustvedt auf der Tastatur ihres Computers, um seinen Geist einzufangen.

    Was wäre, wenn ich dir nicht begegnet wäre … Das ist eine Frage, die Paul Auster, der so oft über die Macht des Zufalls schrieb, immer wieder auch seiner Frau stellte. Vielleicht wären sie sich irgendwo anders in der New Yorker Dichterblase aufeinandergetroffen wären, meint sie. Die Frage aber anders formuliert: Was ist, weil sie ihm begegnet ist. In den „Ghost Stories“ antwortet Siri Hustvedt so: „Weil ich ihn hatte, bin ich nicht, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger.“

    Sie schreibt: „Ich bin froh, dass ich seine kleinen Zettel an mich aufgehoben habe, angefangen beim allerersten– Liebe S-“

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