Ist Rotwein besser, je dunkler er ist? Muss man Weißwein eiskalt trinken? Sollte man Wein im Keller lagern, um später ein kleines Vermögen zu besitzen? Rund um Wein gibt es eine Menge Mythen. Aber welche sind wahr, welche kompletter Unsinn und was hat einen wahren Kern? Sechs Wein-Mythen im Faktenchek.
{1} Stimmt das wirklich: Verschnitt = schlechter Wein?
In den meisten Fällen wird diese Art der Weinbereitung mit dem Wort „Cuvée“ beschrieben. Wenn die Erklärung des Begriffs mit dem „Zusammenbringen“ verschiedener fertiger Weine erfolgt, dann wird gerne die Nase gerümpft und von „Zusammenschütten“ gesprochen. Ist also diese Technik deshalb schlecht? Mitnichten! Beispielsweise kann eine Rebsorte, die viel Säure (etwa Riesling) hat, einen gewichtigen Begleiter mit viel Substanz, aber mit wenig Säure, wunderbar in dieser Kombination gewinnend ergänzen. Eine Aromasorte (wie Sauvignon blanc oder Scheurebe und Muskateller) liefert einen Hauch an Exotik in eine Cuvée mit einer nicht so intensiv duftenden Rebsorte. Es ist die Kunst des Winzers, mit dieser Mischung und der Wahl des richtigen Verhältnisses der Rebsorten, einen Wein zu erschaffen, der in der Summe seiner Eigenschaften womöglich stimmiger ist als der Tropfen aus einer einzigen Rebsorte.
Hier ist ein kleiner Tipp, wenn Sie dem angesprochenen Vorurteil einmal begegnen: Fragen Sie doch den Urheber, wie er Champagner und die großen Bordeaux-Weine findet. Allesamt Verschnitte. Wie dieser Champagner aus biologischem Weinbau, der aus Chardonnay, Pinot Meunier (also Schwarzriesling) und Pinot Noir (also Spätburgunder) komponiert wurde. Die klassische Champagner-Cuvée übrigens.
André Heucq Heritage (ohne Jahrgang), Champagner, € 47.90, www.champagne-characters.com
Schlechter Jahrgang = schlechter Wein?
Zum großen Auftritt der Wein-Märchen-Erzähler gehört das Aufzählen und Angeben mit Jahrgängen. Wie kann man nur leben, ohne dass man die Bordelaiser Ikone Chateau Margaux 1982 getrunken hat (ein Verschnitt übrigens) oder Egon Müller Scharzhofberg Trockenbeerenauslese von 1976. Selbstredend wöchentlich auch einen Pinot Noir aus dem Burgund von Romanée-Conti aus 1959. Ganz große Jahrgänge sind das in der Tat.
Aber was ist eigentlich mit den häßlichen Entleins, den nicht geküßten Fröschen in der Geschichte des Weins? Natürlich ist jeder Winzer und Wein-Händler geneigt, den jeweiligen Jahrgänge im bestem Licht darzustellen. Das hört sich bei einem sehr, vielleicht zu warmen, Jahrgang dann in etwa so an: „Ein Jahrgang, der vollmundige und opulente Weine hervorgebracht hat.“ Die Version für den kühlen, regnerischen Jahrgang lautet: „Ein Jahrgang, der für filigrane Tropfen mit einer prägnanten Säure bei mäßigen Alkohol-Graden steht.“
Ein schwächer bewertetes Jahr bedeutet aber keinesfalls, dass die Weine ungenießbar sind. Die Könnerschaft der Winzer, das Wissen um den richtigen Einsatz der Technik und das Gefühl für den richtigen Lese-Zeitpunkt verunmöglichen, (übrigens zusammen mit den Vorzügen der Klima-Veränderung für den Weinbau hierzulande), katastrophale Jahrgänge, die es noch bis in die 1980er-Jahren sehr wohl gegeben hatte.
Oftmals sind es gerade diese kühlen Jahrgänge, die auf lange Sicht großartige Weine erschaffen haben. Siehe 2008 und 2010, denen bei Erscheinen keine große Zukunft vorhergesagt wurde. Viel Sonne und Hitze ergeben nicht zwingend einen besseren Jahrgang. Das konnten die Winzer im Jahr 2003 lernen und in 2015 und 2018 dann aus diesen Erfahrungen profitieren. Wie sagt man so schön in Fachkreisen: „Einen wirklichen guten Winzer erkennt man daran, dass er auch in einem schwachen Jahr einen guten Wein macht.“
2014 wäre so ein Beispiel, das ich Ihnen mit einer expliziten Empfehlung ans Herz legen möchte. Hier derselbe Champagner wie in der vorangegangen Empfehlung. Nur eben, dass das Traubenmaterial aus einem einzigen, vermeintlich schwierigen, Jahrgang stammt. Und großartig ist!
2014 Millésime, André Heucq Heritage Champagner, € 57.90, www.champagne-characters.com
Gereiften Weinen muss man immer viel Luft geben
Welch ein Irrtum! Das Ritual in Restaurants, bei denen der Wein als Staffage zum besseren Profit dient, ist bekannt: Da wird ein Wein mit einem großen Namen aufgemacht. Egal, ob es Sinn macht oder nicht: Der Kellner rückt mit der Riesen-Karaffe und bedeutender Geste an und gießt um.
Erster Fehler: Wenn man sich für so einen Schritt entscheidet, muss der Wein vorher verkostet werden durch den Kellner oder/und durch den Gast.
Zweiter Fehler: Viele gereifte Weine haben nach all diesen Jahren ihre ganz eigene Balance erreicht. Eine Sauerstoff-Dusche kann diese Tropfen so sehr stressen, dass sie nach wenigen Minuten buchstäblich in sich zusammenfallen.
Dritter Fehler: Meistens sind es eben nicht die gereiften Rotweine, die karaffiert werden sollten, sondern die jungen Weißweine, die Kraft im Überfluss haben, aber noch keine Balance. Wenn man einen solchen Jungspund also unbedingt jetzt schon genießen will, dann kann man die kleine Zeit-Maschine anstellen mit dem Aufenthalt in der Karaffe.
Vierter Fehler: Meistens wird in diesem Fall von „Dekantieren“ gesprochen. Damit ist aber das Trennen der festen Bestandteile im Wein von den flüssigen (also Weinstein beim Weißwein oder Depot beim Rotwein) gemeint. Diese Aktion muss ganz langsam passieren, damit der Rest in der Flasche verbleiben kann.
Das „Karaffieren“ hingegen will dem Wein in kürzester Zeit viel Sauerstoff zuführen, damit sich die Gerbstoffe schnellstmöglich abbauen. Deshalb darf man im Fall des Falles die Flasche kopfüber in die Karaffe kippen.
Ist im Fall dieser Empfehlung sinnvoll, da der jugendlich-rustikale Wein über ordentlich Tannin verfügt.
2023 Marcillac/Südwest-Frankreich, Lo Sang de Pais, (aus der seltenen roten Rebsorte Fer Servadou) € 10.90, www.weinhalle.de
Rotwein: Je dunkler, desto besser
Falsch! Die erste überraschende Erkenntnis ist, dass sowohl der Saft aus einer weißen als auch der aus einer roten Traube farblos durchsichtig ist. Denn der Farbstoff befindet sich ausschließlich in der Schale der Trauben. Ebenso wie der Gerbstoff, also das Tannin, das unsere Zunge pelzig werden lässt. Die Farbe des Weines hängt also von zwei Dingen ab: Erstens davon, wie lange der Winzer die Schalen im Saft schwimmen lässt, ehe er sie davon trennt. Und zweitens von der Rebsorte selbst. Eine der allergrößten Rebsorten auf dieser Welt, die sagenhaft filigrane Weine hervorbringen kann, ist der Spätburgunder, also Pinot Noir. Diese Traube besitzt von Natur aus nur wenige Farbstoffe.
Rein optisch sehen diese Weine deshalb durchsichtig aus mit hellroten Anklängen und werden deshalb gerne für dünn gehalten. Das Gegenteil in jeder Beziehung ist der tiefdunkle Dornfelder oder auch der Primitivo, der gegenwärtig aus allen Supermärkten trieft.
2017 Spätburgunder vom Kalkstein, Weingut am Schlipf/Baden, € 13.50, www.weingut-am-schlipf.de
Weißwein eiskalt und Rotwein bei Zimmertemperatur trinken
Das sind gleich zwei Irrtümer auf einmal, denn das Gegenteil ist der Fall. Wenn Weißwein bei frostigen einstelligen Temperaturen serviert wird, dann mag er an heißen Tagen sicherlich erfrischen – aber ohne je seine Qualität gezeigt zu haben, denn die Kälte hat alle seine Aromen beschnitten. Die ideale Serviertemperatur für frische, aromatische Weißweine beginnt bei 8 Grad und endet für gehaltvolle Tropfen bei 12 Grad. Im Fall von Naturweinen, die naturgemäß mehr Gerbstoffe haben, sogar bei bis zu 15 Grad.
Genau das Gegenteil ist für den Rotwein zu empfehlen, denn die Empfehlung ihn bei Zimmertemperatur zu genießen, entstammt dem 19.Jahrhundert, als man mit aller Mühe einen Raum auf 16 Grad heizen konnte. Heutzutage im Zeitalter der Raumtemperatur von 21 Grad und mehr, ist das keine gute Lösung mehr, denn ab 20 Grad tritt der Alkohol auf eine unangenehme Weise heraus. Der Wein wirkt dann brandig.
Mit 15 Grad ins Glas kann der rote Tropfen eine schöne Reise beginnen und seine Aromen nach und nach preisgeben bis der Wein-Trinker das schönste Erlebnis hat. Genau mit dieser Temperatur belässt man ihn dann im Kühler.
Beim Orange-Wein kann man die positive Entwicklung mit steigender Temperatur am schönsten beobachten.
Bei 12 Grad: 2019 Rebula, Orange Wein Klinec/Slowenien, € 35, www.shop.orange-wine.net
Bei 15 Grad: 2016 Cabernet Franc (rote Bordeaux-Rebsorte), Kabaj/Slowenien, € 28, www.zumweinmeister.de
Wein ist eine tolle Kapitalanlage
Nein, weil wer mit Wein wirklich Geld verdienen will als interessierter Laie, der wird sich schwertun. Zu unsicher ist die wirtschaftliche Lage, zu laut sind die Menschen, die Wein als Teufelszeug verurteilen, während sie ihre Kinder schon nach der Muttermilch mit zuckerhaltigen Softdrinks und anderen Nahrungsmitteln beglücken.
Beispiel Bordeaux: Noch vor wenigen Jahren stand der Stern dieser Weine ganz oben. Heute fallen die Preise aus großer Höhe nach unten. Das Burgund dagegen bewegt sich genau in die entgegengesetzte Richtung zur Unbezahlbarkeit hin.
Ja, Wein ist eine wunderbare Kapitalanlage, weil er ein verbindendes Getränk mit großer Geschichte ist und imstande ist, schönste Momente zu erschaffen. Die Rendite dieser Investition findet allerdings nicht auf dem Konto-Auszug statt, sondern am Esstisch statt mit feinen Speisen, guten Gesprächen und dem Gefühl, das man im Englischen so treffend mit „to be in high spirits“ bezeichnet.
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