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Warum tragen die deutschen Fußballspielerinnen alle Zöpfe?

Frauenfußball-EM 2025

Warum tragen so viele Fußballspielerinnen dieselbe Frisur?

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    Sie kommen in Schwung bei der EM - und ihr Haar auch: die deutsche Jule Brand läuft vor Mitspielerinnen.
    Sie kommen in Schwung bei der EM - und ihr Haar auch: die deutsche Jule Brand läuft vor Mitspielerinnen. Foto: Sebastian Christoph Gollnow, dpa

    Früher war mehr Wolle. Wolfgang Petrys Haare, die in ihrer Dichte und Kraft vormals einem braunen Königspudel in der Blüte seines Winterfells glichen, sind mit den Jahren etwas dünn geworden. Und ein deutliches bisschen grauer. Aber der Schlager-Schnauzbart der Nation singt natürlich immer noch seine Lieder, mit Ruhrpott-Herzschmerz: „Verlieben, verloren, vergessen, verzeih‘n“, singt er wieder, in einem neuen Musikvideo. Gedreht am Hotelpool des deutschen Fußballnationalteams der Frauen. Hinter „Wolle“ bilden die Spielerinnen geschlossen eine Mauer, wie zum Freistoß. Stimmung: Kurz vor Sirtaki. Sie klatschen, sie trällern und spätestens bei der Polonaise um den Pool sieht der Betrachter: ein Ballett wie in der Autowaschstraße.

    Zig Zöpfe wackeln und wischen hin und her, langes Haar im Gleichtakt. „Wolles“ Ballade übers Verlieren in der Liebe soll das Team zum Gewinn auf dem Rasen tragen, bei der Fußball-EM in der Schweiz, und festzustellen ist schon jetzt: Das Spiel dauert 90 Minuten, der Rasen bleibt kurz, und das Haar wächst und wächst. Zeit also für eine absolut unsachliche Halbzeitanalyse zum Turnier: über Frisurentrends im Wandel, bei Rasenballsportlerinnen und – gleichberechtigt – Rasensportlern.

    Früher trugen Fußballerinnen auch mal Vokuhila oder Pony-Kurzhaarfrisur wie die Männer

    Warnung von der Seitenlinie: Ja! Falls Sie nach der Turniertabelle im Blatt suchen, blättern Sie bitte zu den Sportseiten zurück. Falls Sie haarspalterische Fachdebatten verfolgen wollen, wer denn den schöneren Tiktitaka spielt, Spanien oder Frankreich, wechseln Sie jetzt dringend den Kanal. Ob Giulia Gwinns Innenband nun einen Komplett- oder doch nur Haarriss erlitten hat? Erfahren Sie hier garantiert nicht. Hier geht es um einen Trend, und der ist (k)ein alter Zopf, wenn man so will.

    Feiernde Fans bei der Fußball-EM in der Schweiz: Ob die deutschen Frauen der Sieg gelingt?
    Feiernde Fans bei der Fußball-EM in der Schweiz: Ob die deutschen Frauen der Sieg gelingt? Foto: Sebastian Christoph Gollnow, dpa

    So wie Wolle sahen sie früher alle aus, auf dem Platz. Ein Auflauf auf dem Feld von geschneckelten Vorne-kurz-hinten-lang-Mähnen. Kurz: Vokuhila. Selbst ein Stefan Effenberg trug das Deckhaar gekürzt und ließ sich das tieferliegende wie einen blonden Königsmantel über die Schultern wachsen und wallen. Oben knapp, pieksend, stachelig zur Abschreckung der Gegnerschaft, hinten lang und glatt fürs Drei-Wetter-Taft-Gefühl: Googlen Sie „Mike Werner“ und staunen! So sahen die 80er- und 90er-Jahre aus.

    Auch die damaligen Frauen-Teams: erstaunlich im Einklang mit den Vokuhila-Männern, vielleicht sogar noch ein bisschen lockiger, dauergewellt. Gepudelte Kämpferinnen und Halblanghaar-Wikinger. Doch dann kam der Umbruch, oder „mal was Neues“, wie der Coiffeur sagt: Eine Weltmeisterin wie Ariane Hingst trug eine Pony-Kurzhaarfrisur, die Angela Merkel noch zum Staatsstatement ausbauen würde. Andere trugen einen messerscharf schnittigen, knappen Bob mit Kante, friseurkatalogwürdig von Torhüterin Nadine Angerer getragen. Silke Rottenburg machte den Kurzhaarstachel-Gelfrisur-Igel. Und sie sammelten, Eintracht in Haarpracht, Titel um Titel, von EM und WM bis Olympia.

    Sind die blond gefärbten Zöpfe ein Nachbeben des Barbie-Sommers 2024?

    Aber heute? Zöpfe, Zöpfe, Zöpfe, wohin das Auge pferdeschweift. Viele offen, wenige geflochten, die Mehrheit aber in einem ähnlichen Grad der Blondierung. Und wenn einem das Wischen und Wackeln im Nacken nervt, dann klemmt man sich den Dutt auf den Kopf, einen Haarknubbel. Ist das ein Nachbeben des Barbie-Sommers 2024? Ist das Freiheit und Laune auf dem Kopf? Oder vielleicht sogar ein Befreiungsschlag und Gegenwehr? Fest steht: Ihre Vorläuferinnen auf dem Platz mussten sich unsportliche Beschimpfungen und Machosprüche anhören. Aus der Kategorie „alles Mannsweiber“.

    Einheitsmähne: Früher trugen Fußballerinnen auch mal Vokuhila oder Pony-Kurzhaarfrisur wie die Männer, heute tragen sie Zopf.
    Einheitsmähne: Früher trugen Fußballerinnen auch mal Vokuhila oder Pony-Kurzhaarfrisur wie die Männer, heute tragen sie Zopf. Foto: Sebastian Christoph Gollnow, dpa

    Und das ist die Abseitsfalle, in der Frauen, die Fußball spielen, über lange Jahre steckten - zumindest in der Betrachtung männlicher Hobbybundestrainer und Spielfeldrandkommentatoren, die selbst an in der Kreisliga gescheitert waren: zu kurzes Haar, zu wenig Frau. Zu lang, nicht hart genug für den Platz. Hierzu auch Stimmen ausgewählter - echter! - Ex-Bundestrainer: „An sich bin ich gegen Damenfußball. Es gibt so viele schöne Sportarten. Warum ausgerechnet Fußball für die Dame?“, Berti Vogts. „Fußball ist keine Sportart, die für Frauen geeignet ist, schon deshalb, weil er ein Kampfsport ist“, Sepp Herberger. Und aus dieser Zeit und Fehleinschätzung hat sich der Fußball der Frauen befreit, zum Glück, das zeigen die vollen Stadien in der Schweiz. Das zeigt das Spielniveau.

    Stürmerinnenlegende Lena Oberdorf: „Frauenfußball, Männerfußball. Es ist ein Fußball.“

    Fest steht auch: Profisport entwickelt immer weiter zum telegenen, stilbewussten, vermarktbaren Bildschirmerlebnis. Dieser Wandel auf und in den Köpfen begann im Fußball mit Models wie David Beckham. Der Brite trug seine Haarvegetationen in lustigem Wechsel der Moden, die er selbst als Trend setzte, Dreadlocks bis Iro. Früher hatten sie Haare, seit der Jahrtausendwende Frisuren. Mutige tragen heute den Edgar (was man sich wie einen Mönchs-Topfschnitt vorstellen kann, wie nach dem Schnittmuster von Michel aus Lönneberga in der Suppenschüssel, nur höher gelegt). Andere Männer führen ihren Afro oder eine Zopfpalme über den Platz spazieren. Die meisten aber lassen sich den Florian Wirtz schneiden: Seiten auf null, oben ein bisschen was lassen. Klare Kante.

    Und so verliert man sich schon wieder in Oberflächlichkeiten: Uniform? Konform? Komfortabel? Ach was, Hauptsache: in Form. Denn, was sagte einmal ein weiser Mann, der schon eine Fußball-EM als Trainer gewonnen hat, damals als Chef der Griechen: Die Wahrheit ist nicht auf dem Kopf, nicht auf dem Friseurdrehstuhl, „die Wahrheit ist auf dem Platz“, sagte Otto Rehakles. Und zur Gleichberechtigung hier auch noch das Wort der Stürmerinnenlegende Lena Oberdorf, die sich diese Mann-Frau-Debatten zumindest im Sport verbietet: „Frauenfußball, Männerfußball. Es ist ein Fußball.“

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