Galgenhumor kann bekanntlich eine wirksame Strategie sein, um mit den ausweglosen Situationen des Lebens klarzukommen. Das scheinen auch die Fans von Popstar Harry Styles erkannt zu haben. Sie erleben aktuell die wohl größte Enttäuschung seit der Auflösung von „One Direction“ vor acht Jahren: Der Sänger geht zwar 2026 wieder auf Tour. Doch statt zu seinen Fans zu kommen, müssen sie zu ihm fliegen. 50 Konzerte konzentrieren sich auf sieben Städte, 30 allein im Madison Square Garden in New York. Nach Deutschland kommt er gar nicht. Harry, wie kannst du nur?
Bis zu 900 Euro kostet ein Ticket für ein Harry Styles Konzert
Eine Niere. Die müsste man verkaufen, will man Harry Styles live sehen, mutmaßt ein Fan auf Instagram. Zumindest, wenn man keine goldene Kreditkarte besitzt und nicht in New York, Mexiko, Sydney, Amsterdam oder London lebt, wo Styles den Großteil seiner Auftritte plant. Eine Niere für ein Harry Styles Konzert. Wäre theoretisch möglich, man hat ja zwei. Die „Stylers“, so nennen sich die Fans des 31-Jährigen, wissen sich nur noch mit schwarzem Humor zu helfen. So weit ist es schon gekommen.
Sendeten sie ihrem Lieblingskünstler sonst rote Herzen zu, sind sie gerade sauer auf ihn. Der Titel der Tour treibt die Empörung auf die Spitze. „Together, Together“, heißt sie. Es geht um das Zusammenkommen. Nun, zumindest für einen kleinen Kreis ausgewählter Fans an ausgewählten Orten. Denn bei Ticketpreisen von bis zu 900 Euro und Shows in den teuersten Metropolen dieser Welt wird das Konzerterlebnis zum Luxusgut.
„Residency“-Konzerte: Ist das die Zukunft der Live-Musik?
Dass Karten für die Shows großer Popstars wie Taylor Swift, Lady Gaga und eben auch Harry Styles heute irrsinnig teuer sind, ist leider schon länger so. Neu hingegen scheint die Entscheidung vieler Künstler zu sein, ihre „Touren“ auf wenige Standorte zu konzentrieren. „Residency“-Konzerte nennt sich das. Heute kommen die Künstler nicht mehr zu ihren Fans. Nein, die Fans müssen zu ihnen kommen. Wobei „kommen“ meist ins Flugzeug steigen, für eine Hotelübernachtung, Taxifahrten und für Verpflegung bezahlen, inkludiert. Harry Styles ist mit seiner „Together, Together“-Residency also nicht der Erste.
Denkt man zum Beispiel an Adele, die in München im Sommer 2024 zehn Konzerte gab. In der dafür extra erbauten Adele-World, samt Pop-up-Arena, Themenpark und britischem Bier. Fans aus aller Welt reisten dafür nach München. Der Stadt tat das gut. Der damalige Münchener Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner rechnete mit einer Wertschöpfung von rund 560 Millionen Euro während der Konzerte. Hotels, Gastronomie, Einzelhandel: Sie alle profitierten davon.
Adele, Bad Bunny oder die Backstreet Boys: Sie alle machen es Harry Styles vor
Für die Künstlerin waren die Konzerte in München eine willkommene Pause vom stressigen Touralltag. Das viele Reisen, der Jetlag, die unterschiedlichen Klimazonen... Solch ein Starleben kann auch anstrengend sein! Man könnte jetzt argumentieren, dass das nun mal ihr Job ist. Dass sie mit den Touren schließlich Millionen verdient. Interessieren wird sie das vermutlich nicht. Die Leute kommen ja trotzdem.
Oder nimmt man Bad Bunny: Als aktuell meistgestreamter Künstler der Welt und Superbowl-Headliner kann er es sich erlauben, die Fans zu sich kommen zu lassen. Ganze 30 Konzerte gab er im Sommer letzten Jahres in seinem Heimatland Puerto Rico. Jede Show war ausverkauft. Selbst die Backstreet Boys springen auf den Trend auf. Ihre einzigen Konzerte in Europa geben sie 2026 in Düsseldorf. Zehn Shows spielen sie in der Merkur-Arena. Wenige Restkarten gibt es noch.
Berlin diente dem Popstar als Inspiration für das neue Album
Ist das also die Zukunft der Live-Musik? Große Konzerte nur noch in ausgewählten Städten, für ausgewählte Menschen, die sich die Anreise on top zu den absurd hohen Ticketpreisen leisten können? Klingt so gar nicht nach „Together, Together“, sondern vielmehr nach „Apart, Apart“. Natürlich lässt sich darüber streiten, was in Hinblick auf die CO₂-Bilanz dieser Konzerte nachhaltiger ist: Ein Megaevent an einem Ort für 30 Tage? Oder ein Megaevent an 30 verschiedenen Orten? Für die aufwendige „Eras“-Tour von Taylor Swift transportierten insgesamt 90 Lkws die Bühnenausrüstung von einer Stadt in die nächste. Aber ist es wirklich nachhaltiger, wenn tausende Fans – im Fall von Harry Styles – stattdessen nach New York fliegen? Schwer vorstellbar.
Sollte Styles doch noch weitere Tourstopps ankündigen, in einer Stadt wird man ihn wohl nicht mehr so wohlwollend empfangen: Berlin. Rund ein Jahr soll er hier gelebt haben. Er rannte beim Berlin-Marathon mit. Man sah ihn im Berghain, in Cafés, auf dem Fahrrad. Die Hauptstadt soll sogar als Inspiration für sein neues Album gedient haben. Und jetzt? Kein Berlin auf dem Tourplan. Oder wie es ein entrüsteter Fan auf TikTok sagt: „Harry, wie kannst du nur?“
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