Jodie Foster, es ist umwerfend, Sie Französisch sprechen zu hören – selbst ein strenges Ohr hört null Akzent.
JODIE FOSTER (LACHT): Danke! Ich habe einfach sehr früh damit angefangen. Ich ging in Los Angeles auf eine französische Schule.
Warum das?
FOSTER: Meine Mutter hatte die französische Schule für mich ausgesucht, da sie selbst eine große Liebe zu Sprachen und Kulturen besaß – und obwohl sie selbst kein Wort Französisch sprechen konnte außer „Bonjour“. Sie war damals kaum gereist, hatte die USA nur ein einziges Mal verlassen für einen Wochenendtrip. Das war’s.
Schul-Französisch ist das eine. Aber was unterscheidet es, ob man eine Sprache gut spricht oder wie Sie perfekt beherrscht?
FOSTER: Meine Schwester lebt in Frankreich und hat als Amerikanerin immer nur Englisch mit meinen Nichten und Neffen gesprochen. Und man muss ehrlich sein, die Kinder haben bis heute noch einen ziemlich starken Akzent! Ich glaube, man braucht vor allem ein gutes Gehör. Und man muss es wirklich sprechen und lernen wollen. Es erfordert besonders im Französischen Liebe zur Sprache und Beharrlichkeit – man muss immer wieder versuchen, besser zu werden, weiterversuchen, weiterversuchen, weiterversuchen … Aber das entspricht genau meinem Charakter. Und ehrlich gesagt: Viel mehr beherrsche ich auch nicht. Das ist eines meiner wenigen Talente.
Wie bitte? Da wäre ja schon noch das Talent, für das Sie mit zwei Oscars geehrt wurden.
FOSTER: Ja, aber sonst? Ich fahre ganz ordentlich Ski, ich spreche Französisch – aber das war's dann.
Konnten Sie zum ersten Mal Ihr Sprachvermögen in einem französischen Film austesten?
FOSTER: „Paris Murder Mystery“ ist definitiv meine erste durchgehend französische Rolle. Aber ich drehte schon mal davor einen französischen Film, da wurde ich gerade 15. Wir kauften damals eine Wohnung in Paris und blieben etwa ein Jahr in der Stadt. Da meine Mutter dazu noch sehr schüchtern war und völlig blockierte, wenn sie sprechen sollte, musste ich ihr damals beistehen und für sie übersetzen: Ich habe alle Flüge für uns gebucht, Restaurants reserviert, mit den Handwerkern gesprochen und auch die Renovierung unserer Wohnung gemanagt. Sie sprach wirklich kein einziges Wort Französisch.
Zu welcher Zeit war das, als Sie in Paris lebten?
FOSTER: In den Siebzigern. Meine Schwester kam damals zu Besuch und blieb dann für immer, sie bekam hier ihre drei Kinder – inzwischen hat sie sogar schon Enkel. So entstand unser französisches Leben. Und in gewisser Weise ist nun „Paris Murder Mystery“ eine Hommage an meine Mutter: Sie wollte auch ihr altes Leben immer hinter sich lassen. Mit etwas über 50 Jahren kam sie dann mit uns nach Frankreich und erfand sich neu – dann lebte sie wie eine Pariserin. Oder zumindest so, wie sie sich eine in ihrer Fantasie vorstellte. Meine Filmfigur, die Psychologin Lillian Steiner, hat mich sehr an sie erinnert: Sie hat mit ihrer Vergangenheit bewusst abgeschlossen. In ihr gibt es viele verschlossene Türen zu ihrem früheren Leben, das sie abgelehnt und abgelegt hat.
Ihre alleinerziehende Mutter hat in Los Angeles in der Filmbranche gearbeitet, hörte häufig von Castings und stellte Ihren Bruder bei Werbeaufnahmen vor. Bei einer wurden stattdessen Sie genommen. So weit, so Filmgeschichte. Wie denken Sie aus heutiger Sicht an diese Kindheit als Kinderstar zurück?
FOSTER: Ich denke gern an die Zeit zurück. Es sind Erinnerungen, die mit ganz viel Spaß verbunden sind. Ich verbinde mit meiner Kindheit vor der Kamera überhaupt nichts Negatives.
Waren Sie damals vielleicht schon eine kleinere Erwachsene, die in jungen Jahren viel Verantwortung trug?
FOSTER: Das ist schon richtig, ja. Aber ich bin dadurch nicht abgedreht. Es hat mir wirklich nicht geschadet. Ich habe mich ganz gut angepasst. Glücklicherweise habe ich auf dem College nachgeholt, was ich teilweise in meiner Kindheit verpasst hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich alles mit leichter Verspätung durchlebt habe, wie ein Spätzünder. Aber ich hab’s erlebt!
Kürzlich wurde in einer Mini-Serie von Regisseurin Rebecca Miller der Werdegang der Regielegende Martin Scorsese dokumentiert …
FOSTER: …Rebecca Miller? Sie war meine Schulkameradin, wir beide gingen zusammen aufs College, sogar in dieselbe Klasse.
Sie war also auf derselben französischen Schule in Los Angeles?
FOSTER: Ja! Wir hatten sogar zwei sehr anspruchsvolle Französischseminare gemeinsam belegt, unter anderem über Freud und den Ödipus-Mythos. Wir waren nur drei, vier Schüler im Kurs, weil das Niveau so hoch war. Rebecca ist übrigens die einzige Person, die ich kenne, die noch besser Französisch spricht als ich. Ich erinnere mich dunkel daran, dass Ihre Mutter wohl Österreicherin war, ich glaube sogar, sie ist größtenteils in Frankreich aufgewachsen.
Rebecca entlockte Scorsese die Geschichte, dass Sie als Knirps bei der Weltpremiere von seinem ikonischen Film „Taxi Driver“ auf dem Festival Cannes die Weltpresse mit ihrem perfekten Französisch erstaunten, während De Niro und Scorsese aus Furcht vor einem Skandal ihr Hotel nicht verließen. Es gibt Bilder, wie souverän und kess Sie es meisterten, von den Fotografen umringt zu sein.
FOSTER: (lacht) Ich weiß das natürlich noch: Ich war damals 14, „Taxi Driver“ hatte ich ja schon mit zwölf gedreht. Das Studio, Columbia Pictures, wollte damals nicht dafür zahlen, dass ich mitfahre – sie fanden das nicht wichtig. Sie wollten ausschließlich Scorsese und De Niro nach Cannes schicken … Nicht mal Harvey Keitel sollte mit! Daraufhin beschloss meine Mutter, dass wir auf eigene Faust und auf eigene Kosten hinfahren. Aus Angst vor möglichen negativen Reaktionen kamen De Niro und Scorsese nur einmal aus ihrem Hotel am Cap d‘Antibes – zur Pressekonferenz. So kam es, dass ich allein der Presse Rede und Antwort stand.
Auf Französisch, was Scorsese besonders beeindruckt hatte. Sie sind jetzt 63 - damit könnten Sie gleichzeitig feiern, dass Sie seit 60 Jahren im Filmgeschäft sind. Haben Sie noch Lust auf die Kamera?
FOSTER: Ja – ich habe in den letzten vier Jahren sehr viel gearbeitet! „The Mauritian“, „Hotel Artemis“, „Nyad“, „True Detective“ … Jetzt möchte ich aber mal wieder langsamer machen. Und vor allem: wieder mehr Regie führen.
Führen Sie anders Regie, weil Sie Schauspielerin sind?
FOSTER: Bestimmt! Ich glaube, dass Schauspieler wunderbar dazu befähigt sind, Regie zu führen. Sie wissen genau, ob eine Szene funktioniert oder nicht. Ich war ja nie auf einer Filmschule, aber für mich war das Schauspielen der beste Unterricht. Und Spike Lee, Zemeckis, Scorsese, Alan Parker, Claude Lelouch und alle anderen Regisseure waren meine Lehrer.
Ihr letzter Kinofilm als Regisseurin liegt zehn Jahre zurück, „Money Monster“ mit George Clooney. Wie sind Sie mit Ihrem Hauptdarsteller ausgekommen?
FOSTER: Fantastisch! Obwohl wir zuallererst die Szene drehen mussten, die besonders heftig waren: wie er auf der Toilette sitzt. Und danach, wie er tanzt. Und wir hatten kaum Zeit, das musste alles besonders fix gehen.
Ihn beim Tanzen gut aussehen zu lassen, schafften aber nicht mal Sie.
FOSTER (LACHT): Stimmt, selbst wenn er um sein Leben tanzen muss, hat er schlechte Chancen. Aber George selbst hatte die Idee zu der Tanzszene. Ich fand es toll, mit welcher Hingabe er herumzappelte. Das Tanzen sagt alles über seine Figur aus: wie eitel und selbstzufrieden er ist, wie wichtig er sich nimmt, wie wenig er andere wahrnimmt. Für den Film war es großartig.
Wie würden Sie sich als Regisseurin beschreiben?
FOSTER: Ich bereite mich wahnsinnig, wahnsinnig, wahnsinnig gründlich vor. Jedes Detail ist durchüberlegt und millionenfach durchdiskutiert, auch mit den Schauspielern. Die lasse ich da nicht außen vor. Aber wenn es dann „Action!“ heißt, bin ich sehr schnell. Dann gebe ich den Schauspielern keine Zeit mehr, um über irgendwas nachzudenken. Die Techniker wissen Bescheid, damit sie den Moment festhalten, denn der ist auch blitzartig vorbei. So arbeite ich am liebsten. Das Wissen ist mein Hintergrund, aber vor der Kamera geht es nur noch um Spontaneität und Instinkt.
Und Schnelligkeit? Die scheint ja eines Ihrer Charakteristika zu sein. Sie sprechen schnell, drehen schnell, Ihre Filme sind kurz …
FOSTER: Ja, die Studios sind glücklich, wenn ein Film mal kürzer ist. Dann verdienen sie mehr Geld. Aber auch mir liegen schnell getaktete Dinge einfach sehr.
Was machen Sie, wenn Sie nichts machen? Wie sehen Ihre längeren Pausen aus?
FOSTER: Ich koche, mache Sport, treffe mich mit Freunden – ein ganz regelmäßiger Tagesablauf. Aber irgendwann kommt immer der Zeitpunkt, wo ich einen Rappel bekomme und sage: „Ich muss raus, ich muss was tun!“ Und dann läuft mir meist etwas vor die Füße, was mich begeistert und fasziniert. In der kreativen Phase bekommt mich dann keiner meiner Freunde mehr zu Gesicht.
Zur Person
Seit 60 Jahren steht Jodie Foster bereits vor der Kamera – eine beachtliche Leistung, vor allem für eine erst 63-Jährige. Aber zum ersten Mal liefert die zweifache Oscargewinnerin, die mit ihrer Rolle als minderjährige Prostituierte in Taxi Driver (1976) berühmt wurde, jetzt eine Hauptrolle durchgehend auf Französisch ab. In „Paris Murder Mystery“, eben im Kono gestartet, spürt sie als Psychologin einer verstorbenen Patientin nach – und das in makellosem, rasantem, elegantem und gestochen scharfem Französisch. Das Leben der amerikanischen Therapeutin gerät außer Kontrolle, weil sie einen Mord vermutet. Ihr Ex-Mann Gabriel, wunderbar warmherzig gespielt von Daniel Auteuil, unterstützt sie dabei. Foster hat zwei Söhne und ist mit ihrer Schauspielkollegin Alexandra Hedison verheiratet.
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