Unterwegs auf der Landstraße, die Welt wie ausgelöscht von dichtem Nebel, bis hinter einer Kuppe die Sonne gleich einem Loch im Weiß noch weißer sichtbar wird und kurz darauf schon durchbricht – und es ist, als würden die Farben und Formen frisch, als würden Landschaft und Leben neu geschaffen. Halleluja?
Die bewegte und bewegende Erzählung einer Freundin, wie nach jahrelanger schwerer Krankheit der Mama die letzte Begleitung und der letzte Abschied bei aller Trauer, bei allem Schmerz doch auch glücklich gelingen kann. Und sie dabei unmittelbar erlebte, sagt sie, dass das nur ein Übergang in etwas Anderes ist – und dass sie tatsächlich kurz vor dem letzten Atemzug in dieser Welt dieses geliebten Menschen dem begegnete, woran sonst höchstens als unfassliche Hoffnung zu glauben ist: die Seele. Die schöne, nach allem Erlittenen noch heile Seele ihrer Mama.
Was der Himmel ist? Jetzt rechtzeitig noch vor der Bescherung und endlich klar: ein Unisex-Parfüm von Bill Kaulitz.
Ein Zimmermann wandelt durch die Fußgängerzone und teilt die shoppende Menge
Der Glaubenstourismus hat zu Weihnachten wieder Hochkonjunktur. Ob die Kirchen dann auch mal wieder so voll sein werden, wie es jetzt die Christkindlesmärkte eben auch sind? Immerhin sind bislang zuletzt unvermeidlich alle Jahre wieder erscheinende Debatten stille, in denen sich sonst rein zufällig im Advent stattfindende Budenfeste nicht entblödeten, sich kulturtraditionsblind und zeitgeistverblendet in Genussmärkte umzubenennen – was wiederum nur zur Vorlage irgendwelcher vor allem gerne lärmenden Retter des Abendlandes diente, auf das Christliche zu pochen (das sie ganz sicher allsonntäglich höchstselbst in der Messe zelebrieren). Aber Halt, zu früh gefreut: Im schwäbischen Lauingen (Mohr im Stadtwappen, im Fasching bekannt für die Hexenverbrennung) gab’s Ärger, weil bei der dortigen „City-Weihnacht“ auch eine Bude unabendländische Speisen wie Köfte anbot. Das passt halt so ganz arg viel schlechter zum Winterschnee- und Bratwurstglühweinidyll, in dem sich die tatsächliche Geschichte vor gut 2000 Jahren um jenes Jesulein abgespielt hat … Ach ja, und übrigens: Nach christlicher Tradition ist die Advents- übrigens keine Schlemm-, sondern eine ziemlich strenge Fastenzeit zu Besinnung und Einkehr vor dem Hochfest. Ach, öhm, sorry, egal: Prost!
Als vielleicht tollster Weihnachtswerbespot dieses Jahres geht der einer französischen Supermarktkette viral, wie es so schön heißt. Der zweieinhalb Minuten lange Film „Unloved“ beginnt im Wohnzimmer eines Jungen, der zu Weihnachten ein Plüschtier geschenkt bekommt. Leider ist es ein Wolf – und vor dem fürchtet er sich. Also erzählt der Schenkende eine Geschichte, um die Angst zu vertreiben. Und darin wird der (animierte) Wolf, traurig wegen seiner eigenen Außenseiterrolle im Tiermiteinander, von einem Igel bekehrt und zum Vegetarier. Und am Schluss feiern zu Claude François’ Schlager „Le mal-aimé“ („Der Ungeliebte“) alle Tiere gemeinsam. Amen? Nun ja. Natürlich regen sich aber auch viele über Film und Botschaft auf, das befördert ja immer jenes Viralgehen. Aber bitte: Frieden den Menschen auf Erden! (Und den Tieren? Auch den Wölfen?)
Ein junger Mann, langes Haar zum Zopf gebunden und schwarze Zimmerercordhose mit Schlag, schreitet in sehr großen Schritten und mit Heldenwucht durch die volle Fußgängerzone, teilt, die Handykopfhörer im Ohr, das Volk wie das biblische Meer, weil sich alle (öhm, beeindruckt?) lächelnd nach ihm umwenden – welches Lied er wohl hört? „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“? Halt in den aktuellen Rap-Anverwandlungen, in denen Messias immer Ich ist …
Raus aus der Spielwarenabteilung und hinein in die Pfütze
Auf dem Fensterbrett an der offenbar plötzlich leer stehenden Wohnung gegenüber nisten der Winterkälte und den installierten Abwehrspitzen zum Trotz Tauben – und brüten tatsächlich beide Eier zu gar nicht so unsüßen Küken aus. Bald schon wird es eng auf dem Sims, speziell bei der Fütterungsaufregung. Und als die Täubchen tatsächlich noch flugunfähig dann aus dem Nest purzeln, ist es ausgerechnet das zwei Meter tiefer in der Gebäudelücke gespannte Netz, das gerade die Ansiedlung von Tauben am Boden unten verhindern soll, das jetzt die Küken auffängt und rettet. Und nach eineinhalb Tagen staksend über Fäden und Knoten fliegen die beiden dann tatsächlich – und natürlich bald schon davon. Ein eigentlich ja wieder normal leeres Fensterbrett wirkt nach diesem belebten Monat plötzlich verwaist, verlassen, nutzlos.
In der großen Spielwarenabteilung bittet ein kleines Mädchen innig den Papa, da hinten bei den Puppen, da müsse sie unbedingt noch hin … Er sagt verzweifelt: „Nein, wir müssen jetzt endlich raus hier und gehen. Sonst zieht uns die Oma die Hammelbeine lang.“ Das Mädchen stutzt, fragt: „Die Oma?“ Der Papa: „Ja. Es ist doch bald Weihnachten!“ Woraufhin das Kind völlig verständnislos schaut und vom Vater nach draußen geschleppt wird.
Ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, bleibt staunend stehen, weil hier, mitten im Park, ein etwa gleichaltriger Bub von seinem Vater laut wütend aus der Pfütze gezogen wird, in die der gerade gehüpft ist: „Spinnst du? Deine schönen Klamotten!“ Der Bub weint, wird davon gezogen, verschwindet hinter einer Kurve. Und das Mädchen? Blickt an sich herab, sieht Matschhose und Gummistiefel – und blickt erkennend auf zur Oma, lächelt, erhält ein leichtes Nicken zurück, löst sich von der Hand, und springt mit Anlauf mitten in die Pfütze. (Aber ach, leider haben kürzlich ja finnische Forscher erklärt, dass Matschhosen gar nicht so gut sind, schlecht für die Entwicklung nämlich, weil: „Kinder müssen lernen, wie es sich anfühlt, mal richtig nass zu werden.“ Tja, schade.)
Zwei junge Frauen, beide mit Kopftuch, gehen untergehakt und laut lachend durch die Fußgängerzone. Die eine: „So cringe! Und der Dude dann noch so zu mir: ‚Sie sprechen aber sehr gut Deutsch!‘ Ich mein’, what the fuck!? Ich bin hier geboren, ich bin Deutsche!“ Darauf die andere: „Voll crazy, Bro!“
Sie: „Sie sind ein guter Mensch.“ Er: „Ist ja auch Weihnachten …“
Ach ja, Weihnachten? Die Google-KI sagt in der Kurzzusammenfassung: „Weihnachten bedeutet ‚heilige Nacht‘ und feiert die Geburt Jesu Christi, den Sohn Gottes, der als Erlöser gilt. Es ist das wichtigste Fest der Christenheit, das weltweit mit Gottesdiensten, Tannenbäumen, Krippen und dem Schenken von Geschenken begangen wird, aber auch von Nicht-Gläubigen als Fest der Liebe und Familie gefeiert wird, das Tradition und Zusammenkunft betont.“ Irgendwo im Spezifischeren weiter unten folgt dann sicher auch das Eigentliche: Es geht um die Menschwerdung Gottes. Wirkt vielleicht irgendwie komisch in einer Zeit, in der sich der Mensch gottgleich aufschwingt zu einer eigenen Schöpfung, die ihm wiederum überlegen und Gott wird: eben jene KI. Die sagt dazu: „‚Künstliche Intelligenz als Gott?‘ ist eine aktuelle philosophische und theologische Debatte, die untersucht, ob und wie KI die Rolle eines Gottes in unserer modernen, säkularen Gesellschaft übernimmt, indem sie allgegenwärtige Antworten und Sinnstiftung bietet, ähnlich wie Gott, aber mit dem Unterschied, dass KI vom Menschen geschaffen wurde und technologisch und nicht transzendent ist. Es geht um Fragen wie Allmacht (KI ist mächtig, aber nicht allmächtig), Verfügbarkeit (KI ist sofort da, Gott oft im ‚Kairos‘) und die menschliche Sinnsuche im digitalen Zeitalter.“
An der Supermarktkasse eine sehr lange Schlange – und eine sehr alte, gebückt gehende Frau mit einem gut gefüllten Korb im Arm ganz vorne von der Seite kommend, einen Mann um die 40 ansprechend: „Sind Sie das Ende der Schlange?“ Er schaut, lächelt: „Sie dürfen gerne vor.“ Sie: „Sie sind ein guter Mensch.“ Er: „Das war leicht. Ist ja aber auch Weihnachten …“ Sie: „Und danach kommt dann Ostern.“ Er: „Klar. Muss ja auch geboren werden, bevor er zu unserer Rettung sterben kann, der Jesus.“ Sie: „Es ist doch so kostbar, das Leben. Und kann jeden Moment vorbei sein.“ Er: „Für uns alle, ja.“ Sie: „Wenn der Russe plötzlich kommt.“ Er: „Oder wenn ein Auto halt blöd um die Ecke kommt.“ Da kommt ein Räuspern von der Seite: ein lächelnder junger Mann mit Zahnspange, Lockenkopf, manikürten, langen Fingernägeln und Glitzer auf den Wangen. Der …, ähm, die kassierende Person zur alten Frau. „Faszinierend. Aber Sie sind jetzt leider schon dran, Gnädigste.“
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