Die Arbeitszeit ist auf wenige Tage im Jahr beschränkt, dann aber darf kein Kind vergessen werden. Wir haben vier Nikoläuse an den Konferenztisch gebeten – mit Tagesordnung. Bei Spekulatius und Lebkuchen geht es um die Veränderung in der Branche. Wie erleben sie ihre Zielgruppe, ihre Auftraggeber? Und wie steht es um die Zukunft des Nikolaus?
Anwesende:
Nikolaus Philipp, 51 Jahre, seit 33 Jahren aktiv, Kolpingsfamilie Gersthofen
Nikolaus Hermann, 70 Jahre, seit 30 Jahren aktiv, selbstständig
Nikolaus Enrique, 63 Jahre, seit einem Jahr aktiv, Agentur für Arbeit Augsburg
Nikolaus Christoph, 49 Jahre, seit 33 Jahren aktiv, selbstständig
Knecht Ruprecht Rihanna, 14 Jahre, Engel Alea, 9 Jahre, und Engel Amelie, 10 Jahre
1. Zielgruppe
Sie sind die Zielgruppe und der Grund, warum der Nikolaus im Dezember Überstunden macht: die Kinder. Für gute Taten belohnt, für schlechte ermahnt – und immer im Fokus des Mannes mit Mitra und Mantel. Aber sind sie wirklich artig? „Der Jugend wird nachgesagt, dass sie keinen Respekt mehr vor Erwachsenen hat. Aber wenn der Nikolaus kommt, dann ist da Respekt“, sagt Nikolaus Philipp. „Die haben Ehrfurcht“, bestätigt Nikolaus Enrique.
Wenn der imposante Nikolaus dann mit seinem großen, allwissenden Buch eintritt, kippe diese Ehrfurcht allerdings auch mal in Angst. Es fließen Tränen. Nikolaus Hermann: „Manche möchten sich verstecken. Da hat man es dann schwer, an die Kinder heranzukommen.“ Das sei aber immer schon so gewesen, erklärt die Runde, der Nikolaus müsse dann psychologisches Fingerspitzengefühl beweisen.
Über die Jahre haben die anwesenden Nikoläuse einige Strategien entwickelt, um solche Situationen zu entschärfen. Nikolaus Hermann setzt gleich zu Beginn auf ein Bilderbuch, um das Eis zu brechen. Nikolaus Christoph wiederum vertraut bei eingeschüchterten Kindern auf seine Engel, die trösten und ermuntern. „Die begleiten dann das Kind nach vorn. Aber wenn es nicht will, dann darf es auch sitzen bleiben. Wir zwingen kein Kind.“
Warum aber die Angst? Weil falsche Geschichten kursieren
Warum aber die Angst vor dem Nikolaus und seinen Begleitern? Weil falsche Geschichten kursieren, ist sich die Runde einig. Zum Beispiel, dass Knecht Ruprecht bei Fehlverhalten das Kind in den Sack steckt. Passiert natürlich nie. Der anwesende Knecht Ruprecht lächelt. Was ist dran am Ruf? Bei ganz Wilden, ja da berühre er mit der Rute leicht das Bein – nur mit Zustimmung der Eltern natürlich. Wie groß die Furcht der Kinder ist, hänge auch davon ab, wie Elternhaus und Schule die Geschichte des Bischofs vorbereiten, berichten die Branchenvertreter. Um die Aufregung bereits im Vorfeld zu reduzieren, gebe es bisweilen kuriose Bitten: Lehrkräfte hätten sich etwa schon gewünscht, dass der Nikolaus sich erst vor der Klasse einkleidet – mit Bart, Mitra und Mantel. Nikolaus Philipp: Da lasse er nicht mit sich reden. „Das nimmt die Tradition weg.“ Allgemeines Kopfschütteln im Plenum.
Meist jedoch verfliegt die Angst schnell. Nikolaus Christoph: „Ich besuche seit fünf Jahren eine Familie. Da ist ein Kind, er ist mittlerweile elf. Er ist ein kleiner Satansbraten – ein liebevoller Satansbraten.“ Früher habe der Junge jedes Jahr geweint, weil er wusste, dass er nicht immer brav gewesen war. „Seit zwei Jahren kommt er her und umarmt mich. Das ist das Schönste.“
Wie lange glauben die Kinder an den Nikolaus? Ganz unterschiedlich, es gibt junge Zweifler. Nikolaus Philipp: „Aber auch 13- oder 14-Jährige, die wissen, dass man verkleidet ist, aber dann stehen sie doch gerade …“ Dass am Morgen im Kindergarten der eine und am Nachmittag zu Hause der andere Nikolaus komme, nimmt vor allem die jüngere Zielgruppe offenbar gelassen hin. Nikolaus Philipp: „Da sagt keiner, heute Morgen im Kindergarten warst du doch viel größer.“ Da wirken Mitra, Mantel und Bart! Was aber alle umtreibt: Wie kommt der Nikolaus zum Haus? Von drauß vom Walde? Geflogen, gefahren, mit dem Schlitten? „Das beschäftigt sie unheimlich.“ Und die Wahrheit? Auto, Motorrad, zu Fuß …
2. Auftraggeber
Die Erwartungshaltung an den Nikolaus ist groß – nicht nur bei den Kindern, sondern auch den Auftraggebern, sprich den Eltern. Am Konferenztisch herrscht da Einigkeit. Nicht selten soll der Nikolaus in ein paar wenigen Minuten schaffen, was den Eltern das ganze Jahr nicht gelingt. Ho, ho, ho … Das Kind zum Beispiel zum regelmäßigen Zimmeraufräumen bewegen, zu mehr Begeisterung bei den Hausaufgaben, das übliche eben. „Manche Eltern erhoffen sich das ja: Dass der Nikolaus kommt und ab morgen ändert sich alles“, sagt Nikolaus Hermann: „Aber ich sage schon bei der Anmeldung: Ich bin der Nikolaus und kein Erziehungsberechtigter.“ Zustimmung aller Anwesenden. Nikolaus Philipp ergänzt: Besonders anspruchsvoll seien übrigens häufig Lehrerinnen und Erzieher …
Was die Nikoläuse sich wiederum von den Eltern erhoffen: Einen Spickzettel, auf dem im Idealfall eher mehr Positives als Negatives steht oder bei dem Lob und Tadel zumindest ausgewogen verteilt sind. Was wird gelobt? Vor allem die Hilfsbereitschaft. Nikolaus Christoph: „Das wird ganz oft angesprochen, dass die Kinder im Haushalt zum Beispiel beim Kochen oder Backen mitmachen.“ Oder auch: Wie lieb sie mit ihren Geschwistern umgehen. Nur bei etwa 15 Prozent der Eltern, so Nikolaus Philipp, liest sich der Zettel wie eine Liste von Tadeln: „Da denkt man natürlich, was stimmt denn da nicht im Elternhaus?“
Die Wirkung des Nikolausbesuchs verpufft in der Regel nach wenigen Wochen
Was kann der Nikolaus aber machen, wenn die Balance nicht stimmt? „Ich nehme das dann schon auf, aber die Kunst ist es, dass man daraus eine positive Botschaft macht“, sagt Nikolaus Enrique. Allgemeines Nicken. Wobei der Nikolaus natürlich schon Eindruck macht, so auch die Rückmeldung der Eltern. Plötzlich wird aufgeräumt – Nikolaus Christoph: „Ich sage ja auch immer: Meine Engel sehen alles“, Nikolaus Philipp: „Ich schaue mir mit den Kindern dann manchmal auch ihr Zimmer an“ – aber nach wenigen Wochen verpufft die Wirkung in der Regel. Nikolaus Enrique: „Das hält nur für eine begrenzte Zeit.“ Was die Nikoläuse auch daran merken, dass im Goldenen Buch im kommenden Jahr die Klassiker dann ja wieder stehen. Nikolaus Christoph: „Zimmeraufräumen, das habe ich immer zu etwa 50 Prozent.“
Kurzer Erfahrungsaustausch: Wie erlebt man die Familien? „Man hat in dieser kurzen Zeit schon Einblicke“, sagt Nikolaus Philipp: „Als Nikolaus kommt man in Häuser, da weiß man gleich, da ist das Familienbild intakt und in andere, da merkst du nach 60 Sekunden, da kriselt es gerade.“ Schlechte Erfahrungen? Die absolute Ausnahme. Zum Beispiel? Nikolaus Christoph: „Ich war einmal in einer Familie, alles schön, alles wunderbar. Aber dann merke ich, der Vater ist komplett betrunken, der wollte auf uns losgehen.“ Er habe dann die Geschenke abgestellt und seinen Engeln gesagt, wir gehen. In 33 Jahren sei das aber das einzige Mal gewesen, dass so etwas passiert sei. Sein schönster Einsatz? 2007, da lernte er bei einem Nikolausauftritt seine Frau kennen! Allgemeine Heiterkeit beim Zwischenruf: Und wie steht es mit dem Zölibat …
Wie ist das Verhältnis zwischen Auftraggebern und Nikolaus? In der Regel vertrauensvoll. In vielen Familien gibt es einen Stammnikolaus, jedes Jahr wieder angefragt und zu Besuch. Nikolaus Philipp: „Ich bin bei Familien, da war ich sogar schon als Nikolaus bei einem Elternteil.“
Eltern, die wollen, dass man wirklich poltert, sind weniger geworden.
Haben sich die Eltern verändert? Helikoptern vielleicht ums Kind herum, sorgen sich, dass das Kind einen nachhaltigen Nikolausschreck bekommt? Abwinken bei allen Anwesenden. Nikolaus Hermann: „Jede Familie ist anders“. Nikolaus Philipp ergänzt: „… es gibt da keine Faustformel.“ Nikolaus Christoph aber sieht doch einen kleinen Wandel: „Eltern, die wollen, dass man wirklich poltert, sind weniger geworden. Das machen wir auch nicht.“ Häufiger hingegen würden heute Eltern nachfragen, ob der Knecht Ruprecht nicht draußen bleiben könne. Denen biete er Folgendes an: Wir lassen die Rute draußen. „Davor haben die Kinder ja wenn am meisten Angst. Das funktioniert“. Seinen Knecht Ruprecht stellt er als seinen besten Freund vor – der zudem die Geschenke im Sack hat. Auch das hilft!
Was sich geändert hat: Dass oft während des Besuchs bereits die ersten Bilder in den sozialen Medien gepostet werden, der Nikolausbesuch vor allem auch zum Fototermin wird. Nikolaus Enrique: „Das ist übertrieben“. Nikolaus Philipp: „Da muss ich dann auch mal die Eltern maßregeln, aber so ist eben unsere Gesellschaft.“ Kleine Hinweise an die Eltern sind im Übrigen kein Tabu, wie lange sind die Erwachsenen zum Beispiel selbst am Handy? Nikolaus Philipp: „Ich sag’ auch mal, das Aquarium könnte schon mal wieder geputzt werden.“ Fazit aller Anwesenden aber: „Wir erleben wunderbare Momente mit den Familien.“
3. Umsatzentwicklung
„Kommt da an Heiligabend dann der 7,5-Tonner?“ – diese Frage hat sich Nikolaus Philipp schon öfter gestellt, wenn er den Geschenkeberg der Auftraggeber erblickte. Ein iPhone zu Nikolaus und zu Weihnachten gleich das erste Auto – ist das heute normal? Die vier Branchenvertreter geben Entwarnung.
„Zu 80 bis 90 Prozent sind die Leute sehr vernünftig“, sagt Nikolaus Christoph. In den Sack kommen Süßes, Äpfel, ein Buch oder ein kleines Spielzeug. Es gebe allerdings weiterhin Familien, die zum Nikolaus einen ganzen Geschenkeberg vorbereiten. Die lassen die Nikoläuse ganz ohne schlechtes Gewissen dann auch mal vor der Tür stehen. „Das schleppen wir nicht rein, wir sind ja kein Weihnachtsmann!“, sagt Nikolaus Philipp „Die Kinder wissen doch gar nicht mehr, womit sie zuerst spielen sollen“, ergänzt Nikolaus Hermann. Am Ende bekomme der Nachwuchs meist trotzdem alles – zumindest wenn sie versprechen, das ganze Jahr über brav zu sein.
Oft wissen die Nikoläuse selbst nicht, was sich in den prächtigen Päckchen verbirgt – „wie viele Väter auch“, fügt Nikolaus Enrique mit einem Grinsen an. Doch egal wie üppig der Inhalt ausfällt: Ein großer Sack muss sein. Nikolaus Christoph: „Der macht optisch einfach mehr her.“
Nikolaus Hermann beobachtet sogar eine rückläufige Umsatzentwicklung: Vor zehn Jahren hätten Eltern und Großeltern oft deutlich mehr Geschenke vorbereitet. Warum das derzeit weniger wird, wissen die Experten nicht – an der wirtschaftlichen Lage liege es jedenfalls nicht. „Der Spendenbetrag steigt eher.“ Manchmal wundern sich die Nikoläuse ein wenig. Nikolaus Philipp: „Wenn in der Einfahrt ein Porsche steht und dann gibt es nur zehn Euro, dann denke ich mir meinen Teil.“ Aber die Branchenvertreter werden ebenso von Großzügigkeit überrascht, wo sie sie nicht unbedingt erwarten.
Zwischen 25 und 50 Euro kostet so ein Nikolausbesuch meist, abhängig von den Fahrtkosten, manche lassen den Betrag als Spende offen. Nikolaus Philipp: „Das große Geld machst du nicht in den Familien, sondern natürlich bei Firmenfeiern und Vereinen.“ Insgesamt komme da bei ihnen ganz schön was zusammen. „Unser Ziel im Team ist es, die 10.000-Euro-Marke zu knacken.“ Wohin das fließt? In karitative Projekte, schon der eine oder andere Spielplatz wurde damit gebaut. Nikolaus Hermann: „Bei mir wird alles für die Kinder- und Jugendarbeit in der Pfarrei verwendet.“ Dass mit der Nikolausarbeit so viel Gutes getan werden kann, ist ein Antriebsmotor der Branche.
Und was bleibt den Nikoläusen? Die Antworten unterschiedlich. Manche arbeiten rein ehrenamtlich, manche ziehen Unkosten oder auch eine Aufwandsentschädigung ab. Was alle gemeinsam haben: Mindestens ein Teil des Gelds wird gespendet für den guten Zweck. „Wir machen es ja nicht für die Kohle”, betont Nikolaus Philipp.
4. Arbeitsbedingungen
Die Arbeitszeit von Nikoläusen liegt weit unter 36 oder 40 Stunden pro Woche – würde man sie auf das ganze Jahr umrechnen. Wenn man sich nur den Dezember anschaut, lässt sich der Einsatz jedoch schwerlich mit dem Arbeitszeitgesetz in Einklang bringen. Nikolaus Enrique scherzt: „Vielleicht müsste man mal beim Deutschen Gewerkschaftsbund nachfragen, ob es da einen Fachbereich gibt, der sich kümmert.“ Der turbulenteste Tag ist der 6. Dezember, auch der 5. hat es in sich. Pausen? Nikolaus Enrique, nur am Nikolaustag im Einsatz: „Da gibt es keine. Man ist unter Strom.“ Allgemeine Zustimmung. Die Taktung ist eng. Für einen Besuch bei den Familien werden in der Regel 10 bis 30 Minuten eingerechnet. Es gibt Faktoren, die in der heißen Phase den Stresspegel steigen lassen. Beispielsweise, wenn statt vier Kindern plötzlich doppelt so viele dastehen, denen der Nikolaus gerecht werden möchte. Das frisst Zeit, die nicht eingeplant ist. Nikolaus Philipp: „Wenn dir das zweimal am Tag passiert, hast du verloren.“ Einig sind sich die Branchenvertreter, dass Pünktlichkeit wichtig ist. „Ich baue daher immer einen zeitlichen Puffer von ungefähr zehn Minuten ein“, sagt Nikolaus Hermann. So verfahren auch die Kollegen. Nikolaus Philipp kann sich bei Kolping auf ein Backup-Team verlassen, das in Notfällen einspringt. Ho, ho,ho!
Auch Nikoläuse kennen Parkplatzprobleme und Strafzettel
Was bringt Nikoläuse noch zum Schwitzen? Die Arbeitskleidung? „Nö. Nö. Nö“ – kleiner Heiterkeitsausbruch. Nikolaus Hermann sachlich: „Es geht.“ Nicht der Mantel, sondern Bart und Haar jagen wenn den Schweiß auf die Nikolausstirn. Zumal es nach Aussagen der Branchenvertreter die Neigung gibt, sie im Wohnzimmer direkt neben Wärmequellen wie dem Ofen zu platzieren. Die Runde blickt auf Knecht Ruprecht am Konferenztisch, mit Kapuze und dunklem Bart, und ist sich einig: Der muss noch ein bisschen mehr schwitzen. Knecht R. zeigt, was noch unter Kapuze und Zotteln steckt. Eine Sturmhaube. „Ich bin allergisch gegen die Haare.“
„Das Problem ist, mal hast du einen Termin draußen und mal einen drinnen“, so Nikolaus Philipp. Falls mehrere Wohnzimmereinsätze anstehen, nehme er sich schon mal kurz drei Minuten, um einen Pulli auszuziehen. Bei längeren Draußen-Einsätzen wiederum empfiehlt sich eine lange Unterhose. Im beheizten Möbelhaus wird auch mal unterm Mantel T-Shirt und kurze Hose getragen. Für bebrillte Nikoläuse stellt vor allem Regen ein Problem dar. Nikolaus Hermann: „Das ist das Schlimmste.“ Nikolaus Philipp: „Das ist der größte Feind des Nikolaus“. Beim Wechsel zwischen Kaltem und Warmen laufen die Brillengläser an, der Nikolaus sieht nicht mehr klar! Kurz noch zur Mitra, das würdevolle Tragen erfordert Geschick – vor allem in Kindergärten lauert beispielsweise durch herabhängende Kunstwerke der Kinder Gefahr. Aber auch bei niedrigen Türrahmen und Decken. Nikolaus Christoph: „Ich habe schon mal die Mitra verloren, die Kinder haben einen Lachanfall bekommen.“ Lustig, lustig, tralalalala…
Apropos Anfahrt: Auch Nikoläuse kennen Parkplatzprobleme und Strafzettel! Bewährt hat sich das Hinweisschild im Fahrzeug: „Nikolaus im Einsatz.“
5. Mitarbeiter
Das Nikolausgeschäft ist anspruchsvoll, und hinter einem Besuch steckt oft ein ganzes Team. Nikolaus Enrique gehört zur Agentur für Arbeit in Augsburg, die als einzige eine Nikolaus-Hotline anbietet. Dort werden Termine vermittelt; Nikolaus Enrique fährt allein, ohne Engel oder Ruprecht, dafür aber mit dem Motorrad samt Beiwagen. Er zeigt ein Bild: starker Schlitten!
Nikolaus Philipp kommt mit dem Auto, hat wie seine Kollegen auch einen eigenen Fahrer. Bei Kolping unterstützen außerdem Terminplaner die Organisation der Besuche. Im Partykeller eines Vereinsmitglieds befindet sich das „Headquarter“, von dem aus acht Nikoläuse samt Fahrer und Krampus ausschwärmen.
Wie steht es eigentlich um die Frauenquote?
Doch es geht auch ohne Organisation: Seit Jahrzehnten ist Nikolaus Hermann gemeinsam mit seinem „Engele“ auf Tour. Die Begleiterinnen steigen meist nach drei bis vier Jahren wieder aus – schlicht, weil sie aus den Kommunionskleidern herauswachsen, die als Engelsgewänder dienen. Nachwuchs- oder Fachkräfteprobleme hat die Branche dennoch nicht. Nikolaus Philipp: „Wir haben auch Nikoläuse, die sind unter 30.“ Er selbst konnte sogar seinen eigenen Sohn für den Traumjob begeistern.
Nikolaus Christoph wiederum ist mit der größten Crew unterwegs – und hat sie auch gleich zur Sitzung mitgebracht. Knecht Ruprecht Rihanna und die beiden Engel Alea und Amelie bilden sein Team. Rihanna war früher Engel, doch „Knecht Ruprecht passt besser zu meiner Art“, begründet sie ihren Abteilungswechsel: „Ich mag es, wenn die Kinder Respekt vor mir haben.“ Weil sie eine Frau ist, sei sie allerdings eher eine stumme Version des traditionellen Ruprechts. Was ist die Herausforderung am Engelsjob. Engel Amelie: „Nicht zu lachen.“
Und wie steht es um die Frauenquote generell? Einheitliches Kopfschütteln: Eine Nikolausfrau passe nicht zum historischen Vorbild, findet die Runde. Auch Engel Amelie sieht es kritisch: Stimme und Figur verrieten Frauen zu schnell – und der Nikolaus sei nun einmal ein Mann. Einzig Nikolaus Enrique hält dagegen: „Frauen als Nikolaus – das ist doch okay!“ Er selbst hat Diskriminierung erlebt, der Größe wegen! Im Herzen sei er schon immer Nikolaus gewesen, aber die frühere Nikolaus-Vorgesetzte habe Nikolaus-Gardemaß vorausgesetzt.
6. Berufsvoraussetzungen
Was muss ein Nikolaus mitbringen? Flexibilität, Empathie, ein Gespür für Kinder. Die Branchenvertreter sind sich da einig. Bart, Mitra und Mantel machen noch keinen Nikolaus. Nicht jeder, der sich berufen fühlt, ist auch geeignet. Man muss auch ein wenig die Show mögen. Nikolaus Philipp zieht den Vergleich zur Stand-up-Comedy. „Vor allem, wenn du die Familien nicht kennst, kannst du ja gar nicht planen. Du weißt nicht, was auf dem Zettel steht, musst spontan auf die Situation reagieren können.“ Beispielsweise dann, wenn der Nikolaus kurz vor der Enttarnung steht. Er von scharf beobachtenden Kindern gefragt wird: Warum bist du mit dem Mercedes gekommen und nicht mit dem Schlitten? Nikolaus Philipp: „Die frage ich, siehst du da draußen Schnee“ – „Nö“- „Eben“.
Nicht jeder, der sich berufen fühlt, ist auch zum Nikolaus geeignet
Auch nicht zu vergessen, ein gutes Namensgedächtnis. Der Nikolaus verliert an Glaubwürdigkeit, wenn er Marie als Lena anspricht. Nikolaus Hermann: „Das ist ungut, du musst dir die Namen schon merken.“ Natürlich auch, um die Geschenke korrekt verteilen zu können. Am wichtigsten aber: Mit Kindern können! Nikolaus Hermann: „Mit den Kleinen musst du ganz anders umgehen als mit den Sieben- oder Achtjährigen.“ Und mit den Schüchternen anders als mit den Frechen, die – so vorgekommen – zum Beispiel dem Knecht Ruprecht die Rute abluchsen wollen … Und auch die Eltern sind ja Publikum, mit dem der Nikolaus interagieren möchte. Nikolaus Christoph: „Wir waren letztes Jahr bei einer Familie, supernett, und da hat uns der Vater immer so ein bisschen aufgezogen. Da haben wir uns einen Spaß daraus gemacht, ihn auch ein bisschen zu maßregeln. Und am Ende hat Engel Amelie den Vater fest angeschaut und gesagt, mein Freund, wir haben dich im Blick.“ Da konnte der Nikolaus fast nicht mehr an sich halten vor Lachen … Kichern aus der Engel-Ecke am Konferenztisch.
7. Auftragslage und Zukunftsaussichten
Die großen Kirchen erleben eine Krise, erstmals in der Geschichte Deutschlands bilden Konfessionslose einen größeren Anteil an der Bevölkerung als Katholiken und Protestanten. Was bedeutet das für den Berufsstand des Nikolaus? Tun sich da wie in den Kirchenbänken auch in den Goldenen Büchern plötzlich Lücken auf? Schütteln der Bärte! Die Auftragslage ist konstant gut. Nikolaus Christoph: „Ich habe schon an die 50, 60 Anfragen fürs nächste Jahr, und der 6. Dezember ist schon komplett voll.“ Nikolaus Enrique: „Ich gehe nur einen Tag und dann bin ich voll ausgebucht.“ Nikolaus Philipp: „Bei uns wird es sogar definitiv mehr. Wir sind auch mehr Nikoläuse. In einer Kommune, in der es viel Zuzug gibt, wird jedes Jahr ein neuer Kindergarten eröffnet. Da muss dann auch ein Nikolaus hin!“ Lediglich Nikolaus Hermann sieht einen leichten Rückgang im Vergleich zu früher, seit der Pandemie habe es etwas nachgelassen. Eine Erfahrung, die Nikolaus Christoph nicht gemacht hat: „Auch während der Pandemie hatten wir unglaublich viele Anfragen. Da habe ich dann zum Teil auch personalisierte Videobotschaften verschickt, mit allem Drum und Dran, oder wir sind vor den geöffneten Fenstern oder Haustüre erschienen.“
Der Nikolaus wird verweltlicht – und immer wieder verwechselt
Was die Nikoläuse aber alle bemerken: Um das Wissen um die Figur des Heiligen Nikolaus ist es immer schlechter bestellt. Er wird verweltlicht. Nikolaus Christoph: „Die Kinder wissen zwar, da kommt der Bischof Nikolaus, aber dass er eigentlich eine kirchliche Gestalt ist, ist ihnen gar nicht so klar.“ Immer wieder kommt es auch zu Verwechslungen mit der Konkurrenz, dem omnipräsenten Weihnachtsmann! Nikolaus Hermann klärt dann wie auch die Kollegen auf: „Ich versuche, das Wissen den Kindern schon näherzubringen. Was zeichnet den Bischof Nikolaus aus? Wie erkennt ihr ihn? Warum trägt er eine Mitra? Und so weiter.“ In vielen Familien aber spielt der christliche Glaube kaum mehr eine Rolle, diese Entwicklung registrieren auch die Nikoläuse beim jährlichen Besuch. Früher stand im Goldenen Buch auch immer mal die Ermahnung, dass die Kinder am Sonntag häufiger in die Kirche gehen sollen. Nikolaus Philipp: „Das steht gar nicht mehr drin.“ Nikolaus Enrique fügt ergänzend hinzu: „Ein Kreuz oder eine Marienfigur habe ich noch in keinem Haus gesehen.“ Zu den Auftraggebern zählen längst nicht mehr nur christliche Familien. „Da sind ja vermutlich auch atheistische Eltern dabei“, so Nikolaus Hermann. Auch muslimische Familien gehören selten, aber doch gelegentlich zu den Auftraggebern.
Wird es den Berufsstand also auch noch in zehn oder zwanzig Jahren geben? Die Nikoläuse sind mehr als zuversichtlich. Ein einstimmiges „Auf jeden Fall“. Nikolaus Enrique: „Dann kommt er aber vielleicht digital, als Hologramm.“
8. Motivation
Abschlussrunde. Der Plätzchenteller hat sich ein wenig geleert. Krümelspuren führen in die Engel-Ecke. Was ist das Schönste am Nikolausdasein? Einigkeit. Wenn man frohe Kinder zurücklässt! Nikolaus Philipp: „Wenn man da in die Gesichter schaut und die Augen leuchten, das macht es für mich aus.“ Nikolaus Christoph: „Definitiv“. Nikolaus Enrique und Nikolaus Hermann stimmen zu. Der Nikolaus gibt nicht nur – „wir bekommen auch wahnsinnig viel zurück.“ Ende der Konferenz. Stimmung froh und munter.
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