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Immer mehr Menschen wünschen sich eine Tochter – warum das problematisch ist

Meinung

Warum wünschen sich Eltern lieber Mädchen?

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    Pink steht für Mädchen, Blau für Jungen. Häufig wird das Geschlecht des Kindes von Geburt an hervorgehoben.
    Pink steht für Mädchen, Blau für Jungen. Häufig wird das Geschlecht des Kindes von Geburt an hervorgehoben. Foto: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

    „Oh, du wünschst dir aber ein Mädchen, oder?“ – „Hoffentlich wird es eine Prinzessin!“ – „Dafür gibt es die schöneren Klamotten.“ In einem Online-Forum tauschen sich Frauen über Erfahrungen während der Schwangerschaft aus. Sie diskutieren, ob Mädchen heute die beliebteren Kinder seien. Und tatsächlich zeigen Studien aus Europa und den USA: Die Mehrheit wünscht sich keinen Sohn, sondern eine Tochter. Die Gründe? Mit Feminismus hat es jedenfalls wenig zu tun.

    Über Jahrtausende waren Jungen die bevorzugten Sprösslinge. Denn ab dem tatkräftigen Alter von sechs bis sieben Jahren unterstützten sie ihren Herrn Papa bei harter, körperlicher Arbeit. Zugleich sicherten sie den Fortbestand der Familie – Win-Win, aber nur für Väter und Söhne, denn Töchter blieben bei diesem Generationenlotto außen vor. Doch mit den Jahrzehnten schritt auch ein Sinneswandel voran: Mädchen wurden immer beliebter.

    Deswegen wollen immer mehr Eltern eine Tochter

    Während 2015 noch weltweit 1,7 Millionen weibliche Föten abgetrieben wurden, sank die Zahl bis 2025 auf etwa 200.000. In der westlichen Hemisphäre laufen Töchter den Söhnen in Sachen Kinderwunsch glatt den Rang ab. Aber ist die Welt in Zeiten von Epstein und Pelicot wirklich ein besserer Ort für Mädchen? Oder wollen Eltern einfach nicht noch einen Mann in ein System gebären, in dem Jungen oft als Problemkinder gelten? Der Grund, wieso viele Eltern bei sogenannten „Gender Reveal Partys“ traurig dreinschauen, wenn es blaue Konfetti regnet, ist viel banaler.

    Denn im Gegensatz zu Jungen gelten Töchter als „leichter zu erziehen“. In den Elternforen fallen Worte wie „pflegeleicht“, wenn es um Mädchen geht; man könne sie „wie kleine Püppchen“ hübsch anziehen. Laut einer Meinungsumfrage aus den USA seien sie angepasster, fürsorglicher und fleißiger. Das ist auch zum eigenen Vorteil, denn schließlich würden sich die Töchter – wenn einmal erwachsen – um die senilen Eltern kümmern; so die Vorstellung. Und die zeichnet ein eindeutiges Frauenbild: familiär, zurückhaltend, adrett und brav. Mädchen sollen nicht mit Rittern und Drachen spielen, sondern mit taillierter Barbiepuppe und Kinderwagen. Mädchen sollen zart sein, Jungen hart – „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ und eine Frau unterdrückt ihre eigenen Bedürfnisse. Tut sie das nicht, heißt es oft: „Wie, du machst Karriere?? Willst du denn keine Kinder?“

    Ein „Mädchenwunsch“ für traditionelle Rollenbilder

    Das passt in eine Welt, in der Frauen noch immer weniger als Männer verdienen und weiter hauptsächlich für Haushalt, Familie und Pflege zuständig sind. Forschende sprechen dabei von „Retraditionalisierung“ – also der Rückkehr zu alten Rollenverteilungen. Der „Mädchenwunsch“ ist dann kein einfacher Kinderwunsch, sondern Mittel zur Erfüllung des eigenen Bedürfnisses nach emotionaler Nähe, Fürsorge und Harmonie. Und der stereotypische Junge passt nicht in diese Vorstellung: Mittlerweile gibt es sogar einen Begriff dafür, dass Eltern von dem Geschlecht ihres Kindes enttäuscht sind: „Gender Disappointment.“

    Dabei zeigt eine Studie aus dem Journal of Consumer Psychology, dass sich Mütter eher Töchter und Männer eher einen Sohn wünschen. Woran das wiederum liegt? Vielleicht an dem Wunsch, sich möglichst mit seinem Kind zu identifizieren: Im besten Fall teilt es die eigenen Leidenschaften. Soll es Spaß am Fußball haben? Oder doch am Malen? Soll es im Wald toben oder dem Klavierspiel frönen? Soll Familie im Vordergrund stehen oder Karriere?

    Darum sollten Eltern andere Erwartungen an die Kinder haben

    Gedanklich erschaffen Eltern den idealen Nachfahren – häufig mit Merkmalen und Hobbys, die in unserer Gesellschaft nur einem Geschlecht zugeschrieben werden. Und schnell fühlt man sich da ins letzte Jahrhundert zurückkatapultiert, als noch diskutiert wurde, ob Mädchen nicht auch Fußball spielen könnten und Jungen kochen? Aber in der Realität entsprechen die meisten Kinder sowieso nicht vollends den Wünschen ihrer Eltern. Und das ist gut: Kinder sind eigenständige Wesen und kein „Mini-Ich“, das sich nach eigenem Gusto formen lässt.

    Grundsätzlich ist der Wunsch nach einer Tochter oder einem Sohn nicht verwerflich. Und durch Erziehung und Gesellschaft haben wir alle bestimmte Vorurteile verinnerlicht, die sogar teilweise von Studien belegt werden: Jungen bekommen oft schlechtere Noten in der Schule, sie werden häufiger auffällig und greifen statistisch eher zu Drogen. Aber Eltern, die sich eine Tochter wünschen, nur weil sie „hübsch anzuziehen“ ist und darauf hoffen, dass sie in der Pubertät nicht revoltiert, zementieren damit Strukturen, in denen Frauen als angepasste Schauobjekte gelten und „starke“ Männer den Ton angeben. Entscheidend ist nicht das Geschlecht – sondern welche Erwartungen Erwachsene daran knüpfen. Kinder machen dann ohnehin, was sie wollen.

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