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Gisèle Pelicot in München: Wir alle haben die Kraft, wieder aufzustehen

Lesung

„Alle Welt sollte auf die 51 Vergewaltiger schauen, sie sollten zu Kreuze kriechen“

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    „Gehört und ernst genommen zu werden, war der erste Schritt zur Heilung“, sagt Gisèle Pelicot, die ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“, in Deutschland vorstellte. Das Bild zeigt ihren Auftritt in Hamburg.
    „Gehört und ernst genommen zu werden, war der erste Schritt zur Heilung“, sagt Gisèle Pelicot, die ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“, in Deutschland vorstellte. Das Bild zeigt ihren Auftritt in Hamburg. Foto: Christian Charisius, dpa

    Man wünscht sich, dass Standing Ovations in den Theatern mittlerweile nicht so zum Ritual geworden wären, dann blieben sie nämlich Ereignissen wie diesem am Donnerstagabend im Münchner Residenztheater vorbehalten. Schon als Gisèle Pelicot die Bühne betritt, brandet Jubel und Beifall im bis auf den letzten Platz besetzten Zuschauerraum auf und die Menschen erheben sich aus Respekt vor dieser Frau. 

    In einem dunklen Anzug mit weißer Bluse und schwarz-weiß gemustertem Schal, den rötlichen Pagenkopf wie immer akkurat frisiert, steht die 73-jährige Französin auf der Bühne, eingerahmt von Sandra Kegel, Feuilletonchefin der Frankfurter Allgemeinen und Moderatorin des Abends, und der Schauspielerin Caroline Peters. Sie wird aus Pelicots gerade erschienenem Buch „Eine Hymne an das Leben“ lesen. Ernst und gefasst blickt Pelicot ins Publikum, fast demütig nimmt sie die Ovationen hin.

    So schmal und zerbrechlich sieht sie aus, aber genau das ist sie eben nicht: daran zerbrochen, dass sie von ihrem Ehemann Dominique Pelicot jahrelang unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und anderen Männern zum Missbrauch ausgeliefert wurde. Auf der Bühne steht eine Frau, die stark, mutig und trotz allem immer noch voller Lebensfreude ist.

    Gisèle Pelicot im Residenztheater München: Ganz Frankreich hat mir Ruhe und Kraft gegeben

    Durch einen Zufall kamen die Taten ans Licht, der Prozess im Jahr 2024 wurde öffentlich geführt, weil Gisèle Pelicot es so wollte. „Die Scham muss die Seiten wechseln“ – jener Satz, der schon lange als Forderung für Opfer von Vergewaltigungen in der Welt ist und seit dem Fall Pelicot erst richtig in ein kollektives Bewusstsein getreten ist – war ihr Antrieb dafür.

    Ein Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so erklärt sie es, hätte bedeutet, in dem Prozess einer „Meute“ von Männern mit ihren Verteidigern und Verteidigerinnen gegenüberzustehen, zur „Geißel ihrer Blicke“ zu werden. „Aber alle Welt sollte auf die 51 Vergewaltiger schauen, sie sollten zu Kreuze kriechen, nicht ich.“

    Ganz Frankreich habe ihr die Ruhe und Kraft gegeben, dem zu begegnen, sagt sie und erzählt von den vielen Menschen vor dem Gerichtssaal, den Plakaten, auf denen „Merci Gisèle“ stand, von dem Zuspruch in Briefen, die einfach an „Gisèle Pelicot, Frankreich“ gerichtet waren und sie erreicht hatten. „Gehört und ernst genommen zu werden, war der erste Schritt zur Heilung.“

    Ein Mann hält ein Plakat mit der Aufschrift "Danke für Ihren Mut Gisele Pelicot" vor dem Gerichtsgebäude in Avignon.
    Ein Mann hält ein Plakat mit der Aufschrift "Danke für Ihren Mut Gisele Pelicot" vor dem Gerichtsgebäude in Avignon. Foto: Lewis Joly, AP/dpa

    Mit dieser Strategie der Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit hat Gisèle Pelicot letztendlich sogar eine Änderung im französischen Rechtssystem bewirkt, das nun eine Vergewaltigung nicht nur bei fehlender Einwilligung, sondern ausdrücklich auch bei fehlender Reaktion des Opfers anerkennt. „Doch ein Rechtssystem lässt sich leichter verändern als Mentalität“, sagt Pelicot im Residenztheater, in dem sich an diesem Abend Männer nur spärlich in den Reihen verteilen, und spricht damit ein Problem an, das gerade auch in der zeitlichen Koinzidenz mit der Veröffentlichung der Epstein-Akten in den USA überdeutlich wird.

    Unfassbar, zu hören, wie sich Gisèle Pelicot vor dem Prozess die Videos der Taten ansieht

    Ruhig, in sich gekehrt, meist mit gesenktem Blick, hört Pelicot Caroline Peters zu, die Passagen aus ihrem Buch liest. Manchmal muss sie schlucken, manchmal atmet sie tief durch. Im Publikum herrschen Stille und Konzentration, wie man sie selbst in diesem Theaterraum selten erlebt. Manchen Frauen laufen Tränen über das Gesicht. Unfassbar ist es, zu hören, wie Pelicot sich im Vorfeld des Prozesses die Verhöre der Angeklagten durchliest, wie sie die Videos ansieht, die ihr Mann von den Taten gedreht hat. „Das war nicht ich. Wo war mein Leben?“

    Gisele Pelicot verlässt das Berufungsgericht.
    Gisele Pelicot verlässt das Berufungsgericht. Foto: Lewis Joly, AP/dpa

    Wie sie ihr Leben wiedergefunden hat? Woher sie die Kraft und Resilienz genommen hat, damit fertig zu werden? Neben vielem anderen durch jenes Buch, das sie zusammen mit der Journalistin Judith Perrignon verfasst hat. Sie schreibt darin nicht nur von dem „Tsunami“, der ihr Leben erfasst hat, sondern auch von ihrer glücklichen Kindheit, der großen Liebe, mit der sie von ihren Eltern aufgezogen wurde, von ihrer Ehe, die bis zu jenem Tag im Jahr 2020, als das Telefon klingelte und ein Kommissar sie bat, ins Polizeipräsidium zu kommen, eine wie viele andere war. „Ich musste mir mein Leben neu aufbauen, indem ich mich damit beschäftigte, wer ich wirklich bin.“

    Doch das Buch ist auch eine „Botschaft der Hoffnung“, die sie an andere Opfer sexueller Gewalt weitergeben möchte. Nicht allein zu bleiben mit ihrem Schmerz, sich nicht schuldig zu fühlen, Anzeige zu erstatten, die Täter aus dem Schutz der Anonymität zu holen und damit die Situation ins Gegenteil zu verkehren. Sie wird nicht müde, diese Appelle auch im Residenztheater beharrlich zu wiederholen. „Man kann wieder aufstehen, wir alle haben die Kraft dazu.“

    Gisèle Pelicot: Mann und Frau sind dafür gemacht, miteinander zu leben

    Aber letztendlich ist es neben vielem anderen die Gabe, immer wieder zu vertrauen – den Menschen, dem Rechtssystem, vor allem sich selbst – die Gisèle Pelicot haben überleben lassen. Das wird deutlich, wenn man „Eine Hymne an das Leben“ liest, wenn man sie auf der Bühne sprechen hört. Gisèle Pelicot hat mittlerweile einen neuen Lebenspartner gefunden, mit dem sie auf der Île de Ré lebt. Und sie ist sich sicher, dass Mann und Frau keine natürlichen Gegner sind, sondern dafür gemacht sind, miteinander in Harmonie zu leben.

    Das letzte Kapitel ihres Buches liest sie zuerst selbst, bevor Peters es in der deutschen Übersetzung vorträgt. Es führt zurück ins Jahr 1968, als die Frauen für ihre Rechte auf die Straße gingen. Oft habe sie dies als Keil empfunden, der zwischen Männern und Frauen getrieben werde. Sie habe sich davon ferngehalten und gefragt, was wohl ihre Rolle im Leben sei. Und sie schreibt: „Möglicherweise habe ich die Aufgabe erfüllt, die ich mit 16 gesucht habe.“ Standing Ovations und „Merci, Gisèle“.

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