Sie führen seit elf Jahren als Verleger den Münchner Hanser Verlag, davor waren Sie verlegerischer Geschäftsführer bei Dumont. Aus Verlegersicht: Wann war die beste Zeit des Büchermachens?
JO LENDLE: Die beste Zeit des Büchermachens war immer, als man selber gerade angefangen hat. Die goldenen Jahre, an die man sich verträumt erinnert. Oder vielleicht sogar der Zeitpunkt zehn Jahre davor, den man nur vom Hörensagen kennt. So funktioniert Nostalgie. Gleichzeitig ahne ich, dass spätere Generationen den heutigen Tag als die beste Zeit des Büchermachens erinnern werden. Eigentlich war es immer schon schwer und leicht zugleich. Und dass sich Dinge verändern, gehört ja zum Lauf der Welt dazu. Ich mache einfach gerne Bücher und bin über jeden Tag froh, an dem es uns gelingt, anspruchsvolle Menschen und anspruchsvolle Bücher zusammenzubringen. Wenn das gelingt, ist es eine gute Zeit fürs Büchermachen.
Wird gerade zu wenig über Bücher und zu viel über KI gesprochen?
LENDLE: Ach, alle reden natürlich gerne über das Thema der Saison, weil es die Saisons so schön voneinander absetzt. Mal ging es um Plagiate, mal um E-Books, mal um Farbschnitt. Irgendwas ist immer. Und jetzt spricht man halt über KI. Immerhin ist das tatsächlich ein riesiges Thema, das unser aller Leben verändern wird. Andererseits glaube ich, dass es wieder dieser berühmte Hype Cycle ist. Am Anfang denken wir: Alles, alles, alles, alles wird anders. Und irgendwann merken wir, dass sich vieles doch nicht verändert. Das ist der Moment, an dem ich gerade bin. Dann schaltet man einen Gang runter – und merkt auf einmal, dass die Auswirkungen mittel- und langfristig eben doch gewaltig sind.
Was hatten Sie erwartet, was bislang noch nicht eingetreten ist?
LENDLE: Allmählich kommen jetzt tatsächlich von KI geschriebene Bücher auf den Markt, gerade bei den Ratgebern oder besonders scheußlich im Kinderbuch. Aber ich hatte die schon früher erwartet. Im Augenblick rede ich mir noch ein, mich sicher zu fühlen, und vertraue darauf, dass es geradezu das Kennzeichen guter Literatur ist, nicht von KI geschrieben werden zu können. Ich weiß, das ist Pfeifen im Walde von jemandem, der extrem befangen ist. Immerhin pfeife ich selbst und nicht die Algorithmen.
Man könnte natürlich auch sagen: Nie war es so leicht, ein Buch zu machen. Als vor drei Jahren ChatGPT eingeführt wurde, musste darauf die Plattform Kindle direkt Publishing von Amazon die Zahl der veröffentlichten Bücher pro Autor auf drei pro Tag begrenzen …
LENDLE: Ein Witz. Man selbst wäre ja schon froh, ein Buch am Tag zu schreiben. Aber die KI schafft schon wieder locker drei. Im Ernst: Die Maschinen werden uns so vollmüllen, dass es ein extrem aufmerksames Publikum braucht, um sich zwischen all den zusammengeklauten Sachen noch zurechtzufinden.
Sie sprachen da auch schon vom frechsten Raubzug der Geschichte.
LENDLE: Das Hauptproblem im Zusammenhang mit KI ist tatsächlich der massive Urheberrechtsverstoß, der dahintersteht.
Das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Künstliche Intelligenz wurde mit Millionen von Büchern in sogenannten Schattenbibliotheken trainiert. Wie will beziehungsweise wie kann sich der Hanser Verlag, wie die Buchbranche künftig wehren?
LENDLE: Der einzelne Verlag ist relativ begrenzt in seinen Möglichkeiten. Aber Sammelklagen sind immer möglich. Das sehen wir gerade in den USA, wo eine Sammelklage von Autorinnen und Autoren gegen das KI-Unternehmen Anthropic zu einem Vergleich in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar geführt hat, um Urheberrechtsverstöße zu befrieden. Das ist ja nicht nichts. Es hat mich aufhorchen lassen, weil ich das so schnell und in dieser Größenordnung nicht erwartet hatte. Bislang waren die USA mit ihrem Rechtskonstrukt des Fair Use, das die Nutzung urheberrechtlich geschützten Materials recht großzügig erlaubt, immer auf der sicheren Seite. Und da die ganzen Plattformen dort gehostet werden, haben die sich immer auf dieses Recht bezogen. Dagegen kamen wir nicht an. Aber das ist nun ein Präzedenzfall, auf den wir uns künftig beziehen können.
Sie selbst haben Bücher über Entdecker und Abenteuerinnen geschrieben: über den Polarforscher Alfred Wegener, über eine Kosmonautin auf dem Weg zum Mond. Wie viel Entdecker steckt in Ihnen, wenn es um die Neue Welt des Büchermachens geht?
LENDLE: Das sind die beiden Seelen, die wir alle in der Brust haben. Es ist falsch, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, aber rückgängig machen können wir sie nicht. Für das Unrecht müssen die Urheber kompensiert werden, dann müssen wir gute rechtliche Grundlagen für die Zukunft schaffen, um uns künftig nicht mehr veräppeln zu lassen. Aber die KI kann natürlich auch zu künstlerischen Ideen einladen. Jede Erfindung hat zu neuen künstlerischen Formen und Denkweisen geführt, die Schnitttechnik des Kinos etwa hat sich sofort in der Literatur niedergeschlagen. Das sind so die Hoffnungen, dass etwas Gutes daraus entsteht. Im Moment ist da erst einmal nichts als ein großer Wust.
Wo lassen sich im Verlag von der KI bereits helfen? Bei Klappentexten, Illustrationen, Übersetzungen?
LENDLE: Wir haben eine mächtig rödelnde Arbeitsgruppe eingerichtet, die durch alle Abteilungen hinweg Ideen entwickelt, wie wir mit KI umgehen wollen. Eine Frage betraf zum Beispiel die Buchumschläge. Unsere Coveragentur hat jetzt erste Motive mit einem KI-Programm entworfen. Zu manchen Büchern mag das passen. Aber wir sind uns selbst noch in vielem unsicher. KI funktioniert ja nicht nur ganz oder gar nicht, sondern es gibt irrsinnig viele Anwendungsbereiche und Zwischenstufen. Im Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sprechen wir gerade über eine Selbstverpflichtung der Verlage, auf den Büchern zu markieren, zu welchen Teilen im Prozess KI im Spiel gewesen ist. Da merken wir, wie irrsinnig differenziert das Ganze ist. Müssen wir erwähnen, wenn in der Buchhaltung KI eingesetzt wird? Was ist, wenn der Pressetext mit KI geschrieben worden ist und so weiter. Aber wie gesagt, wir probieren es an einigen Stellen aus. Für unseren Fachverlag überlegen wir zum Beispiel, ob wir nicht unsere Websiten automatisiert in anderen Sprachen anbieten. Wenn das Hand und Fuß hat, sind wir da weniger empfindlich, weil es nicht um Schönheit von Sprache geht, sondern um Informationsvermittlung.
Weil wir damit auch bei den Übersetzern sind, die sich um ihre Zukunft sorgen – spüren Sie Angst im Kollegenkreis?
LENDLE: Ja. Es gibt bereits Verlage, die auf Übersetzerinnen zugehen und sagen: Pass auf, du bekommst nur noch fünf statt zwanzig Euro für die Seite, weil wir das Ganze schon mal haben vorübersetzen lassen, das kannst du jetzt noch einmal überarbeiten. Aber das Problem an KI-Übersetzungen ist, sie klingen gut und plausibel. Um zu merken, was alles nicht stimmt, muss man genauso tief in den Text gehen, als würde man ihn selbst übersetzen. Wobei ich in der Literatur das Problem für Übersetzerinnen und Übersetzer noch nicht sehe: KI-gestützte Programme können ein gutes Handwerkszeug sein, aber am Ende des Tages muss der Mensch entscheiden. Die Fragen, die sich in jedem einzelnen Satz stellen, sind alles andere als trivial. Was aber nicht ausbleiben wird: Dass sich Berufe in allen Bereichen verändern.
Tools wie „demandsens“ können den wirtschaftlichen Erfolg von Büchern mit einer Trefferquote von bis zu 99 Prozent Genauigkeit voraussagen. Klingt verführerisch, die Folge aber könnte sein, dass nur noch Bestsellerverdächtiges gedruckt wird, das Randständige und Wagemutige keine Chance mehr hat.
LENDLE: Das Haus der Bücher hat viele Wohnungen. Wir nennen das alles Büchermachen, völlig egal, ob es um total abgedrehte Literatur geht oder ob jemand einfach starr die engen Genre-Regeln bedient wie beim Standardkrimi oder im New Adult. Ich glaube, dass es im Genre relativ bald funktionieren wird, Erwartungen zu erfüllen. In der Literatur aber geht es ja gerade auch darum, Erwartungen zu unterlaufen und zu hinterfragen. Deswegen verspreche ich mir verblüffend wenig von diesem Tool. Hanser-Romane, über die in diesem Jahr viel gesprochen wird, sind etwa Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“, Jonas Lüschers „Verzauberte Vorbestimmung“ oder Wolf Haas' „Wackelkontakt“. Die leben genau davon, dass sie auf herrliche Weise vollkommen quer zu jeder Erwartung stehen. Deren Erfolg hätte keine KI der Welt vorausgesehen.
Paradox ist ja: Es gibt durch KI immer mehr Autoren und Bücher, aber zugleich gibt es immer weniger Leserinnen und Leser. Neben der Frage, wer schreibt morgen unsere Bücher, stellt sich die andere: Wer liest morgen Ihre Bücher?
LENDLE: Das Buch hat schon vieles lächelnd ertragen und überlebt. Für ein Haus wie Hanser kann ich sagen: Wir merken nichts davon, dass die Leute weniger lesen. Womöglich sind es etwas weniger Leute, die lesen, aber die lesen dafür mehr. Und damit können wir umgehen. Wir glauben immer noch, dass wir – und damit meine ich alle unsere Autorinnen und Autoren – der Welt etwas zu sagen haben, das die Welt auch hören will. Wir waren nie eine Branche, die sicher von sich sagen konnte: In 30 Jahren stehen wir so und so da. Das macht sie so aufregend.
Ein britischer Verlag kennzeichnet seine Romane nun mit dem Label „Human written“, von Menschen geschrieben. Wie wichtig, meinen Sie, ist es den Leserinnen und Lesern, dass ein Buch von einem Menschen stammt?
LENDLE: In allen Sparten wird die Künstlerpersönlichkeit immer wichtiger, deshalb ist mir auch da nicht bange. Die Menschen kaufen nicht nur ein Buch, sie kaufen auch das Versprechen eines dahinterstehenden Menschen, eines Geistes, einer Art, die Welt zu sehen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Menschen nahezukommen. Wer ein Buch von jemandem liest, kommt ihm wirklich ziemlich nahe. Und es ist eine unveräußerliche Eigenart unserer Spezies, uns gern mit unseresgleichen auszutauschen. Nicht anders ist es in der bildenden Kunst: Mindestens so wichtig wie das Kunstobjekt selbst ist die Geschichte dahinter. Oder nehmen Sie die Musik, wo Menschen irrsinnige Eintrittspreise für Liveauftritte zahlen. Aus dem gleichen Grund sind Lesungen gerade so erfolgreich. Es geht um das Nichtdigitalisierbare, um den Menschen hinter der Kunst, ums Versprechen von Tatsächlichkeit.
Nutzen Sie eigentlich als Schriftsteller KI?
LENDLE: Bei der Recherche nicht, weil bei der KI zu oft einfach plausibel klingender Quatsch rauskommt. Einmal habe ich versucht, die KI als Gesprächspartnerin zu nutzen. War auch nicht befriedigend. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich das bald ändert. Im Idealfall könnte die KI ein gutes Werkzeug sein, um aus Sackgassen herauszufinden, von denen es beim Schreiben ja einige gibt. Früher haben sich die Menschen beim Schreiben betrunken, künftig reden sie vielleicht mit ChatGPT.
Zum Abschluss: Woran schreibt der Mensch Jo Lendle im Moment?
LENDLE: Der Mensch Jo Lendle hat großen Spaß am Schreiben, sobald er einmal im Manuskript sitzt. Aber den Eingang zu finden, fällt ihm, also mir, jedes Mal extrem schwer. Gerade rüttele ich an einer Tür, weiß aber nicht, ob es die richtige ist. Ich weiß, worum es gehen wird, ein recht verblüffender Stoff, aber noch geht die Tür nicht auf. Vielleicht sollte ich mal mit der KI reden, ob sie den Schlüssel hat.
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