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Josef Hader im Interview: „ Die Rechten machen ihr Geschäft mit der schlechten Laune der Menschen“

Interview

Josef Hader: „Die Rechten machen ihr Geschäft mit der schlechten Laune der Menschen“

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    „Für die Menschheit bin ich Gott sei Dank sehr unbedeutend“: Kabarettist Josef Hader.
    „Für die Menschheit bin ich Gott sei Dank sehr unbedeutend“: Kabarettist Josef Hader. Foto: Sebastian Christoph Gollnow, dpa

    Herr Hader, zum Einstieg der laienhafte Versuch einer witzigen Frage. Der Winter steht vor der Tür – sowohl gesellschaftlich als auch meteorologisch gesehen. Und der Herr Hader begibt sich wieder auf das Eis, wie es in ihrer Programmankündigung „Hader on Ice“ heißt. Mal groß gedacht: Was bedeutet das für die Menschheit?

    Josef Hader: Für die Menschheit bin ich Gott sei Dank sehr unbedeutend. Das ist mir auch sehr angenehm, das wäre zu viel Verantwortung (er lacht). Ansonsten gibt es einen sehr kleinen Teil der Menschheit, der eigens für mich sein Wohnzimmer verlässt, sich anzieht, meine Veranstaltung besucht und Eintritt dafür bezahlt. Das ist auch eine große Verantwortung, für mich gerade groß genug. Mit dieser Verantwortung versuche ich in dieser kalten Zeit umzugehen. Vielleicht ist uns allen nach dem Abend etwas wärmer.

    Das kann man sich gut vorstellen. Denn Kulturexperten, also Feuilletonisten, attestieren Ihnen „die moralische Instanz Österreichs“ zu verkörpern. Wie geht es Ihnen mit dieser angetragenen Bürde?

    Hader: Also, auf diese Idee kann wirklich keiner kommen (er lacht laut)! Man findet immer alles Mögliche im Internet, aber das entspricht nicht den Tatsachen. Wenn in Österreich moralisch bedenkliche Dinge passieren, bin ich der Letzte, der angerufen wird, um eine Bewertung abzugeben. Und auch das ist mir sehr recht so! 

    Wie schaut es denn grundsätzlich aus, mit der Moral in Österreich?

    Hader: So wie anderswo auch. Mein Religionslehrer hat immer gesagt: Wo Menschen sind, da menschelt es. Ich meine, das ist nichts Länderspezifisches. Gerade, wenn man Bayern und Österreicher miteinander betrachtet. Die nehmen sich da wirklich nix weg.

    Kann man Moral eigentlich messen, im Sinne von: Wer ist moralischer? Und wenn ja: wie?

    Hader: Nein, kann man nicht. Gott sei Dank! Das wäre ja schrecklich! Das führt immer in irgendeine moralisch hochwertige Diktatur, die dann aufgrund ihrer Moral ganz viele Menschen umbringen muss. Moral liegt hoffentlich immer im Auge des Betrachters. 

    Deswegen wird auch sehr unterschiedlich interpretiert, was moralisches Handeln ist – und was nicht.

    Hader: Ja klar, es gibt Dinge, von denen Menschen behaupten, sie seien sehr moralisch. Und hundert Jahre später stellt sich heraus, sie waren komplett unmoralisch oder sogar große Verbrechen.

    Den Kirchen ist so etwas das eine oder andere Mal passiert, nicht wahr?

    Hader (lacht): Ja, die sind berühmt dafür. Die Inquisition ist ja zuerst für eine sehr moralische Veranstaltung gehalten worden.

    Genau und später konnte man später feststellen, sie war das Gegenteil. Wer hat Sie eigentlich persönlich moralisch eingenordet? Ihr Vater, der Religionslehrer, der Qualtinger?

    Hader: Die Schule, in die ich gegangen bin, im Stift Melk, die war in den 70er Jahren so ausgerichtet, dass man manche Lehrer heute durchaus als links einordnen würde. Ja, so etwas gab es damals. Heute ist das ein bisserl ausgestorben in der katholischen Kirche. Auf der anderen Seite habe ich im Fernsehen, was damals ein großes Kulturmedium war, viel mitbekommen. Gerade, weil Sie Qualtinger ansprechen, den habe ich, wie andere Kabarettisten oder Theaterstücke von Horvath, im Fernsehen schon sehr früh gesehen, als ich noch daheim bei meinen Eltern auf dem Bauernhof war.

    Sie stammen aus einem Bauernhof, hatten aber nach eigener Aussage, obwohl Sie der älteste Sohn waren, wenig Talent und Lust den Hof des Vaters zu übernehmen. Was haben Sie aus der Landwirtschaft an Moral mitgenommen fürs Leben?

    Hader: Das eine, was ich meiner Herkunft vielleicht verdanke, ist so eine Art bäuerlicher Trotz. Ich mag mir nicht gerne von anderen dreinreden lassen – und ich mag auch nicht von anderen abhängig sein. Deswegen bin ich wahrscheinlich Kabarettist geworden. Das ist auch eine Form des Einzelhofes, weil man alleine schreibt und alleine auf der Bühne steht. Zuletzt hab’ ich Filme gemacht, bei denen ist der Erfolg komplett davon abhängig, ob am ersten Wochenende nach Filmstart schönes oder kaltes Wetter ist. Da wurde ich plötzlich auch wieder auf meine bäuerliche Herkunft zurückgeworfen. Insofern bin ich bei meinen Wurzeln geblieben. Außerdem habe ich mir eine Liebe zur Natur, vor allem zum Wald behalten. Im Wald geht es mir gut. Andererseits, wenn ich zu lange auf dem Land bin, dreht sich das. Dann will ich wieder in die Stadt, denn ich bin im Grunde ein überzeugter Stadtbewohner geworden. Das liegt vielleicht an einer Stauballergie, die ich mir auf dem Bauernhof geholt habe. Wenn bei meinem Bruder am Hof staubige Arbeiten anfallen, dann fahr’ ich schnell wieder in die Stadt.

    In Ihrem Programm „Hader on Ice“! erzählen Sie von einem Menschen, der schlingert und schließlich den Halt verliert. Wenn man sich die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland – ach was, in aller Welt – so anschaut, beschleicht einen das Gefühl Ihre Figur steht für viele.

    Hader: Ja, das war ein bissl das Ziel. Ich habe das Programm im Jahr vor Corona zu schreiben begonnen. Schon damals hatte man das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten. Es war die erste Präsidentschaft von Donald Trump und es war schon spürbar, dass die Nachkriegszeit endgültig vorbei ist. Im Corona-Jahr hab’ ich es dann fertig geschrieben. Vorgestern habe ich es nach einer langen Zeit wieder auf die Bühne gebracht und fragte mich, ob es noch aktuell sei …

    Und?

    Hader: Es ist noch sehr aktuell, es ist nur alles leider schlimmer geworden. Einige Teile des Programms sind heute aktueller geworden als vor fünf Jahren. Zum Beispiel wird über einen möglichen Krieg gewitzelt, der von Boomern ausgelöst wird. Damit sie es am Ende ihres Lebens noch einmal schön krachen lassen können. Da wurde früher schon einmal mehr gelacht. 

    Sie gelten als einer der erfolgreichsten Kabarettisten des deutschsprachigen Raumes, sind Schauspieler, Autor und Filmregisseur. Wie geht es einem dabei, wenn man als Satiriker von einer Witzfigur wie Donald Trump rechts überholt wird?

    Hader: Ich mache ja kein politisch aktuelles Kabarett. Darum habe ich mit den Politikern direkt sozusagen nichts zu tun. Ich schreibe eine Form von Theaterstück, in dem ich die Hauptfigur bin. Ein Josef Hader, der in den letzten Jahren schlecht gealtert, satt und wehleidig geworden ist. Was er auf der Bühne sagt, erinnert insofern an Trump, als dass er alle fünf Minuten was anderes behauptet. Das ist eine sehr österreichische Form von Kabarett, aber auch eine bayrische. Weiter im Norden steht gern mal ein Gescheiter auf der Bühne, der über die Regierung schimpft. Im Süden ist es oft ein Trottel, der sagt, die Regierung ist super. Wir im Süden bringen lieber den Wahnsinn auf die Bühne, als ihn intellektuell zu kritisieren. Um ehrlich zu sein, diese Zeiten des Wahnsinns sind natürlich großartig für diese Form von Kabarett. 

    Sie sind beruflich seit 40 Jahren als Kabarettist aktiv. In den USA greift der Präsident persönlich ein, wenn es darum geht, Late-Night-Talker zu verbieten. Sind wir hier in Österreich und Deutschland auf einem ähnlichen Weg?

    Hader: Das kann man insofern nicht vergleichen, weil in Amerika alles von der Wirtschaft dominiert ist. Das gilt dort auch für die etablierte Satire. Jeder auf dem Papier unabhängige Fernsehsender ist dort Teil eines großen Medienkonzerns, der übergeordnete Interessen verfolgt. Und zugleich auch noch abhängig von lokalen Lizenzen, die die Regierung verteilt. Dass große Konzerne lieber Milliarden verdienen, als die Meinungsfreiheit hochzuhalten, das ist in den Staaten eine Tatsache. Aber auch hierzulande tragen viele Medien inzwischen dazu bei, keinen vernünftigen gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen, sondern – um Klicks zu kriegen – gerade Online die Konfrontationen hochkochen. Weltweit sind die Superreichen im Besitz der größten Informationskanäle. Es ist ein bisschen wie in der Renaissance. Kombiniert mit einem Imperialismus wie im 19. Jahrhundert. Da werden schöne alte Dinge wieder aus der Mottenkiste der Geschichte geholt. Und man merkt, dass die gesellschaftlichen Fortschritte, an die wir geglaubt haben, offenbar keine waren.

    Wo soll das alles enden? Geschichte setzte sich ja aus Wellenbewegungen zusammen. Können Sie schon die nächste Welle erkennen?

    Hader: Man muss einfach nur ein Geschichtsbuch nehmen und es durchblättern. Dann erkennt man die Bewegungen und Gegenbewegungen im Laufe der Jahrhunderte und weiß, dass es sicher eine Gegenbewegung geben wird. Aber, ob wir die noch erleben, das weiß niemand. 

    Satiriker und Kabarettisten haben ja ein besonders sensibles Gespür für Veränderungen in der Gesellschaft. Warum gelingt es der Politik nicht, den politischen Trend Richtung Rechtsaußen wieder zu stoppen?

    Hader: Oh – das sind aber viele Gründe. Die alle aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen. Mir fiele spontan ein, dass das große Versprechen der etablierten Parteien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gilt: Dass es fortwährend aufwärtsgeht und die nächste Generation es besser haben wird als man selbst. Auch ist nicht mehr gewährleistet, dass man mit einem 40-Stunden-Job eine Familie ernähren und sich für die Kinder eine gute Ausbildung leisten kann. All diese alten Versprechen bröckeln. Das hängt in meinen Augen damit zusammen, dass der Neoliberalismus jede Umverteilung nach unten immer stärker eingeschränkt hat. Jetzt kommen die rechten Parteien, deren Geschäftsmodell es ist, zu behaupten, sie würden die Schuldigen der Misere kennen: also Ausländer, die EU und die Sozialschmarotzer. Vor allem alles, was über den Begriff der Nation hinausgeht, weil die Nation ist ja ihr Superheilmittel. Die Rechten machen ihr Geschäft mit der schlechten Laune der Menschen. Eventuell haben auch die Politikerinnen und Politiker nicht mehr das Format früherer Zeiten. Es gibt kaum mehr Quereinsteiger, wenig interessante Persönlichkeiten. Und falls sich eine komplexe Persönlichkeit in die Politik verirrt, wird sie sofort von den Parteisoldaten mit feinem Gespür identifiziert und nach Strich und Faden fertig gemacht. Nur sind die Parteisoldaten oft nicht die beste Besetzung für Spitzenämter, in denen man vielleicht unangenehme Entscheidungen treffen sollte und sie den Menschen erklären. 

    Wie steht es um die freiheitliche Demokratie?

    Hader: Die liberale Demokratie ist in einer schweren Krise, das ist offensichtlich. Immer mehr Menschen glauben inzwischen, dass sie kein Modell für Lösungen ist. Und die Parteisoldaten tun ihr Möglichstes, um diese Meinung zu bestätigen. Ich würde gern hoffnungsvoller sein. Andererseits hat noch jede Generation Lösungen für die Probleme ihrer Zeit gefunden, das dürfte auch bei den kommenden Generationen der Fall sein. Die Frage ist, mit wie vielen unguten Nebengeräuschen das gelingen wird. 

    Zur Person Josef Hader, geboren in Oberösterreich, hat bereits in der Schule Kabarett gemacht. Sein Durchbruch war das Soloprogramm „Privat“ sowie die Verfilmung des mit Kollege Alfred Dorfer gespielten Theaterstücks „Indien“ 1993/94. Seit 2000 ist Hader auch in der Rolle des Brenner aus den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis bekannt. Am 16. Oktober kommt Hader mit seinem Kabarettprogramm „Hader on Ice“ nach Augsburg in den Kongress am Park (19.30 Uhr). Hader, 63, Vater zweier Söhne, wohnt mit seiner Lebensgefährtin in Wien.

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