Hallo Frau Tietjen, warum reisen Sie eigentlich so gerne. Weil Reisen bildet, wie schon Goethe in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ geschrieben hat?
BETTINA TIETJEN: Unter anderem auch deswegen. Ich bin einfach gerne unterwegs, weil ich gerne Neues sehe, neue Eindrücke in mich aufnehme und Abwechslung von meinem Alltag brauche. Das Campen ist für mich die ideale Form des Reisens, weil man sich, ohne groß planen zu müssen, immer weiter fortbewegen kann. Wir machen immer Roadtrips, halten mal hier, mal da an und bleiben mal ein, zwei oder auch fünf Tage, um frische Eindrücke von der Welt zu gewinnen.
In einer komplexen Welt gilt der Urlaub im Wohnmobil vielen als letztes Refugium der Selbstbestimmung. Gilt das auch für Sie?
TIETJEN (LACHT): Letztes Refugium der Selbstbestimmung – interessante Formulierung! Leider wird das mit der Selbstbestimmung immer schwieriger, wenn man in der Hauptsaison fährt. Es reisen ja immer mehr Menschen mit immer größeren Wohnmobilen herum, und deswegen wird es auf den Campingplätzen immer enger. Wir waren letztes Jahr im August an der französischen Atlantikküste und je weiter südlich wir kamen, umso schwieriger wurde es, spontan einen Platz zu finden. Deswegen fahren wir jetzt nur noch in der Nebensaison, was aber jetzt zum Beispiel im Mai zur Folge hat, dass das Wetter manchmal schlecht ist.
„Wenn ich mich erholen will, dann kann ich das auch zu Hause auf dem Sofa.“
In der Tat. Urlaubsreisen sind nicht selten mit physischem und psychischem Stress verbunden. Studien zeigen, dass sich über die Hälfte der Menschen danach nicht optimal erholt fühlt. Warum reisen die Leute trotzdem und geben dafür so viel Geld aus?
TIETJEN: Das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ich hatte kürzlich eine Tourismussoziologin in meiner Sendung – ich wusste vorher gar nicht, dass es den Beruf gibt – und die sagt ganz klar: Selbst, wenn die Menschen kaum Geld haben und das allgemeine Lebensniveau sinkt, den Urlaub aber sparen sie sich vom Munde ab. Denn die paar Wochen, glauben jedenfalls die meisten, brauchen sie einfach. Ich glaube, das hat wirklich damit zu tun, dass man mal etwas anderes um sich hat. Ob man sich dabei nun körperlich und mental erholt, das steht dabei nicht im Vordergrund. Es geht darum, einfach mal dem Alltagstrott zu entfliehen. Bei der Generation meiner Eltern wurde sich im Urlaub noch zigmal am Tag gegenseitig gefragt und bestätigt: Hast du dich denn schon erholt? Für mich ist das nicht wichtig. Wenn ich mich erholen will, dann kann ich das auch zu Hause auf dem Sofa. Dazu muss ich nicht wegfahren.
Wie lange urlauben Sie persönlich im Jahr?
TIETJEN: Etwa drei Monate. Ich teile mir das so ein, dass ich konzentriert arbeite, und dann habe ich auch einen vollen Terminkalender. Dann brauche ich aber wieder Freizeit, um ausbrechen zu können und den Kopf wieder freizubekommen. Sieben bis acht Wochen ziehen wir im Wohnmobil los, dazu kommt Skiurlaub oder mal ein Mallorca-Trip oder auch mal eine Städtereise. Und gerade fahre ich wieder mit prominenten Gästen los, um mit ihnen ein paar Tage zusammen zu campen.
Ist das kompliziert mit Promis wie Jürgen von der Lippe oder Elena Uhlig?
TIETJEN: Es ist schon interessant zu sehen, was dabei passiert, denn viele von denen waren ja noch nie Campen. Aber es funktioniert gut, obwohl sich die Leute nicht kennen. Und es macht Spaß zu sehen, wie sich das Miteinander im Laufe einer Woche entwickelt. Denn da lernt man sich schon gut kennen. Am Ende frage ich dann immer, ob sich wer vorstellen kann, auch künftig zu campen. Die Antworten fallen ganz unterschiedlich aus. Die einen wollen sofort wieder, andere sagen: nie wieder!
„Man braucht nicht viel, um eine gute Zeit zu haben. Das merkt man beim Campen“
In ihrem neuen Buch „Tietjen sucht das Weite: Im Camper unterwegs“ nehmen Sie Ihre Leser mit auf Wohnmobil-Abenteuer von Australien bis in den deutschen Finsterwald und geben Einblicke in ihre unterhaltsamen Camping-Reisen mit prominenten Gästen. Was macht für Sie den ultimativen Reiz aus, das bequeme Hotelbett gegen den Camper einzutauschen?
TIETJEN: Das ist schwer zu sagen. Es tut auch mal gut, auf Dinge zu verzichten. Das mag ich am Campen, obwohl ich auch gerne im Hotel übernachte. Aber wenn man nur wenig mitnimmt und auf das verzichtet, was den Komfort des Alltags ausmacht, dann besinnt man sich eher wieder darauf, was wesentlich ist. Denn man braucht nicht viel, um eine gute Zeit zu haben. Das merkt man beim Campen. Allerdings heißt das nicht, dass man nicht auch Momente erlebt, in denen man denkt: Nein, keine Lust mehr!
Wann zum Beispiel?
TIETJEN: Wir kommen jetzt gerade aus Holland, da waren wir mit meiner Familie am IJsselmeer. Meine Schwester hat da einen Wohnwagen. Es war eisig kalt, sehr windig und es hat die ganze Zeit geregnet. Da sagt man am dritten Tag schon: Ich möchte wieder nach Hause! Aber das muss man durchhalten. Zum Glück hat meine Schwester ein großes Vorzelt, wo man sich gut aufhalten kann. Gutes Wetter gehört schon ein bisschen zum Campingspaß dazu. Denn wir haben ein sehr kleines Auto, das reicht im Normalfall, aber bei Regen und Kälte wird es dann schwierig. Darum fahren wir meistens in den Süden und gehen davon aus, dass die Sonne scheint.
Außer, es geht zum Rudelcampen, wie Sie es nennen. Da fahren Sie zu Pfingsten immer nach Dänemark.
TIETJEN: Ja, das stimmt. Immer mit einer Riesenclique – und das ist toll. Zwar ist das Wetter auch da manchmal schlecht, denn das ist noch Vorsaison. Aber das ist immer lustig, wir grillen, gehen am Strand spazieren und machen uns eine nette Zeit. Das ist das, was wir ancampen nennen.
„Diese Riesenwohnmobile brauche ich nicht. Das ist nicht mein Verständnis vom Campen.“
Sie selbst reisen in einem vergleichsweise engen Ducato ohne Klimaanlage, der inzwischen so eine Art Kultcharakter hat. Sie könnten sich aber wohl auch ein größeres Gefährt leisten. Warum steigen Sie nicht, wie so viele andere auch, auf einen dieser maximalen Campingbusse um, die jeglichen Luxus bieten? Liegt das an Ihrer Minimalismusromantik?
TIETJEN: Das hat damit zu tun. Das ist nicht mein Verständnis vom Campen. Diese Riesenautos brauche ich nicht. Für diese Aussage habe ich zwar schon böse Mails bekommen von Leuten, die solche Dinger mit Heckgarage fahren, und dann schreiben: Ich sei nur neidisch, weil ich mir so ein Teil nicht leisten könne. Aber das ist Quatsch. Das hat tatsächlich nichts damit zu tun. Ich mag das Nicht-so-viel-haben im Urlaub. Ich könnte mir auch im Zelt campen vorstellen, aber das tue ich mir meines Rückens wegen nicht mehr an. Das habe ich fürs Buch noch ein paar Mal ausprobiert, aber es war mir zu unbequem.
Apropos Luxus. Arbeitnehmer in Deutschland haben einen relativ hohen gesetzlichen Urlaubsanspruch. Dies bietet erst die nötigen zeitlichen Freiräume, um mehrmals im Jahr zu verreisen. Stimmen Sie Herrn Merz in diesem Zusammenhang zu, dass die Deutschen mehr arbeiten und weniger chillen sollten?
TIETJEN: Das sehe ich ganz anders. Das ist nicht meine Lebenseinstellung, ist sie nie gewesen. Mir war und ist eine Work-Life-Balance wichtig. Nur leben, um zu arbeiten, das ist nicht meine Erfüllung. Natürlich gibt es in Sachen Arbeit auch Drückeberger, die meine ich aber nicht. Doch es muss schon eine gewisse Ausgewogenheit bestehen. Zeit zu haben, das ist für mich Luxus. Ich arbeite viel, habe aber auch schon immer dafür gesorgt, dass ich auch Zeit für mich hatte.
Gibt es einen Promi, der Sie beim gemeinsamen Campen überrascht hat oder der sich vor dem wilden Leben in der Natur regelrecht gefürchtet hat?
TIETJEN (LACHT): Gefürchtet? Gefürchtet haben sich allem die Frauen. Beim letzten Mal waren Isabel Varell und Ariana Baborie dabei. Die haben aus hygienischen Gründen zweimal am Tag geduscht. Gerade Ariana hat so einen kleinen Hygienetick. Die hat sich total davor geekelt, als sie gesehen hat, dass die Toilette geleert werden musste. Oder, als sie gesehen hat, dass sich nebenan eine Frau die Fußnägel geschnitten hat. Das war für sie das Schlimmste. Ich habe zu ihr gesagt, Ariana, wo soll die arme Frau denn ihre Fußnägel schneiden, die ist im Zelt unterwegs und irgendwo muss sie es machen (sie lacht). Aber Hinnerk Schönemann zum Beispiel, der Schauspieler, fand Campen sehr schön. Der hat sich selbst einen ausgemusterten Gefangenentransporter gekauft und hat den zu einem Wohnmobil umbauen lassen. Er ist ganz begeistert davon.
Einen Gefangenentransporter, in dem andere früher in die JVA transportiert wurden, zum Mobil für die große Urlaubsfreiheit umzubauen, das ist speziell!
TIETJEN: Ja. Ich habe ihn gefragt, ob er keine Angst vorm schlechten Karma habe, doch das juckt ihn nicht. Die Gitter im Fenster hat er aber rausnehmen lassen.
Warum campen Sie mit Prominenten? Fällt es Ihnen in der entspannten Atmosphäre eines Campingplatzes leichter, aus denen etwas Privates herauszulocken, als im streng getakteten Studio-Talk?
TIETJEN: Ich habe eigentlich eine gute Taktik, um Leute zum Plaudern zu bringen. Aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn man unterwegs ist und stundenlang im Auto sitzt. Oder abends am Lagerfeuer, wenn man dann auch noch gemeinsam singt. Da lernt man sich viel besser kennen und die Leute vergessen, dass da Kameras dabei sind. Am Ende der Woche hat man das Gefühl, die anderen richtig gut zu kennen. Ich bin auch mit all meinen Gästen noch immer in Kontakt. Wir haben WhatsApp-Gruppen und schicken uns regelmäßig Nachrichten.
Eigentlich müsste man doch ganz Deutschland gemeinsam zum Campen schicken. Denn da reden die Leute miteinander, die Bubbles platzen und die Echokammern öffnen sich.
TIETJEN: Das ist tatsächlich eine gute Idee. Denn auf einem Campingplatz findet man einen Querschnitt der Gesellschaft – vom Superluxuscamper bis hin zu den kleinen Zelten der Radfahrer. Arm und Reich, Jung und Alt – alles trifft sich auf dem Campingplatz. Das Miteinander funktioniert nur, wenn man die anderen toleriert und ein bisschen Rücksicht nimmt, sonst geht das nicht. Insofern wäre das eine gute Übung für alle.
Ihr Buch ist ja nicht nur ein Reisebericht, sondern vermittelt auch eine gute Portion Lebensfreude. Welche philosophische „Camping-Weisheit“ haben Sie auf Ihren vielen Kilometern für sich persönlich gewonnen? Der Weg ist das Ziel?
TIETJEN: Das passt auf jeden Fall immer. Ich mag aber auch den Satz: ,Camping ist, wenn man die eigene Verwahrlosung als Erholung empfindet.‘
Zur Person: Bettina Tietjen, Bettina Tietjen, geboren am 5. Januar 1960 in Wuppertal-Elberfeld, ist Moderatorin und Autorin. Seit 1993 ist sie beim NDR-Fernsehen Gastgeberin der Sendung „DAS! Rote Sofa“. Einmal im Monat empfängt sie prominente Gäste in der NDR-Talkshow. Außerdem ist sie in der Sendereihe „Tietjen campt“ mit ihrem Wohnmobil unterwegs und moderiert den Podcast „Ins Blaue.“ Eben erschienen ist bei Piper ihr Buch „Tietjen sucht das Weite“ (320 Seiten, 18 Euro). Tietjen ist zweifache Mutter und lebt mit ihrem Mann in Hamburg-Eißendorf.
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