Herr Schilling, nachträglich herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag. Gab es ein rauschendes Fest?
PETER SCHILLING: Danke schön und nein, ich habe im kleinen Kreis gefeiert, mit Menschen, die ich gerne mag. Wenn man siebzig Mal Geburtstag gefeiert hat, dann gewöhnt man sich langsam daran (lacht).
Sie wirken so gar nicht wie ein Siebzigjähriger.
SCHILLING: Das kommt mir auch so vor. Ich bin der Natur dankbar für das, was sie mit mir gemacht hat. Ich bin tatsächlich topfit und fühle mich sehr gut.
Wie halten Sie Körper und Geist in Schuss?
SCHILLING: Ich gehe sehr achtsam mit mir selbst, also quasi dem Haus, in dem ich wohne, um. Ich ernähre mich gut, ich achte auf ausreichend Schlaf, ich tue im Grunde all die Dinge, die man tun sollte, um seine Gesundheit zu unterstützen. Das alles führt wohl dazu, dass ich so gut beieinander bin. Und natürlich habe ich mir als Musiker den schönsten Beruf der Welt ausgesucht.
Mit Ihrer neuen Single „Antistar“ haben Sie sich also selbst das schönste Geschenk zum Geburtstag gemacht.
SCHILLING: Sie sagen es! Ich bin ja schon eine ganze Weile im Geschäft und habe meine Karriere nie als selbstverständlich empfunden. Von daher nehme ich dieses Geschenk mit Demut und großer Dankbarkeit an. Ich bin wahrlich gesegnet. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Ich stehe jeden Morgen gerne auf und freue mich auf den Tag. Gerade produziere ich mein Album „Antistar“, und ich merke, wie sehr ich diese Arbeit genieße.
Was bedeutet Ihnen das Songschreiben?
SCHILLING: Das ist ein innerer Drang. Ich kann gar nicht anders. Ich möchte Songs schreiben, und ich muss Songs schreiben. Wie das im Detail passiert, kann ich gar nicht sagen, denn wenn ich texte oder komponiere, bin ich in einer Art meditativem Zustand. Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die nach Plan und am Reißbrett arbeiten, sondern aus dem Bauch heraus. Später kommt dann oft der Moment, wo ich denke „Das ist dir wieder gut gelungen“. Nennen wir es einfach Talent (lacht).
Sie haben mit 15 Ihren ersten Plattenvertrag als Schlagersänger bekommen. Hätten Sie sich in jener Zeit vorstellen können, mit 70 über Ihre neue Single zu sprechen?
SCHILLING: Nein, niemals. Eine Karriere in dieser Größenordnung, mit dieser Kontinuität, auch mit dieser Konsistenz – wenn mir das damals jemals erzählt hätte, dann hätte ich es ihm niemals geglaubt. Aber so ist es nun mal gekommen, und das ist auch ein Ergebnis harter Arbeit. Es gab genügend Phasen in meinem Leben, in denen andere vielleicht aufgegeben hätten. Ich aber habe weitergemacht.
Dass „Antistar“ ein bisschen nach David Bowies „Let’s Dance“ klingt, ist vermutlich so gewollt, oder?
SCHILLING: Bei allem, was ich mache, denke ich mir etwas. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Ich würde es allerdings noch weiter fassen und sagen, dass in dem Lied insgesamt sehr viele 80er-Zitate vorkommen. Auch auf meinem kommenden Album wird das so sein. Da komme ich her. Ich liebe diese Sounds. Die 80er waren – nach meiner Wahrnehmung – nie out. Endlos viele Produzenten und Kreative bedienen sich sehr erfolgreich bei den Einflüssen aus jener Zeit, und ich denke, dann darf ich das erst recht. Ich komme aus den 80ern, ich habe diesen Sound ja miterfunden. Auch meine Stimme klingt sehr stark nach den Achtzigern.
Gerade erlebt dieses Pop-Zeitalter dank Serien wie „Stranger Things“ wieder einen Boom, wirklich weg gewesen waren die alten Hits, zu denen auch dein „Major Tom (völlig losgelöst)“ zählt, jedoch nie. Woran kann das liegen?
SCHILLING: Wenn du damals auf musikalisch kreativer Seite dabei warst, wundert dich das überhaupt nicht. Ich erinnere mich, wie ich vor einem Keyboard saß, zum Beispiel dem Roland Juno-60, das 1982 auf den Markt kam, hier einen Knopf und da einen Knopf drückte, und überall kamen Sounds raus, die du noch nie gehört hast. Das gab es ja vorher alles nicht, und das ist natürlich hoch inspirierend. Und so haben all die talentierten, guten Leute mit dieser neuen Technologie richtig tolle Songs gemacht. Auch „Terra Titanic“ ist ein fantastisches Stück, kreiert habe ich es am Yamaha DX7, das auch zu der Zeit rauskam.
Mit „Terra Titanic“ oder auch „Die Wüste lebt“ haben Sie 1983, 1984 bereits Themen wie den Klimawandel aufgegriffen. Waren Sie Ihrer Zeit voraus?
SCHILLING: Gut möglich. Sogar schon 1982 habe ich den Song „Fast alles konstruiert“ veröffentlicht, einen frühen Beitrag zum Thema KI. Ich beschreibe in dem Lied, dass die Musik irgendwann nicht mehr von Menschen gemacht wird, sondern von Computern. So weit sind wir jetzt seit ein paar Jahren. Die Entwicklung wird immer schlimmer, und das Rad ist auch nicht mehr zurückzudrehen. Das ist eine große Herausforderung für uns Kreative. Wobei meine Überzeugung ist, dass der menschliche Faktor hier immer siegen wird.
Wieso?
SCHILLING: Weil die KI nur auf etwas zugreifen kann, das es schon gibt. Ich hingegen versuche immer etwas zu erschaffen, was es in genau dieser Form eben noch nicht gibt. Auch wenn meine neuen Lieder Mixturen aus 80ern und Aktuellen sind, bleiben sie in sich Originale.
Haben Sie eine Erklärung dafür gefunden, warum gerade „Major Tom“ zu solch einem Welthit wurde?
SCHILLING: Wenn ich das erklären könnte, hätte ich bestimmt schon viele weitere „Major Toms“ geschrieben. Es ist, wie es ist, und ich mag mich da nicht in Analysen verlieren.
Worum geht es inhaltlich im Album „Antistar“?
SCHILLING: Einerseits kann man es natürlich wissenschaftlich deuten. Demnach besteht das Weltall zu 80 % aus dunkler und heller Materie, und auch jeder Mensch trägt beides in sich. Das muss man erkennen, damit sollte man sich auch in gewisser Weise konfrontieren. Niemand ist nur gut oder nur böse. Diese dunkle Materie eingehender zu erforschen, ist übrigens sehr schwierig, denn man sieht sie ja nicht. Andererseits beziehe ich mich in dem Song vorwiegend auf die eigenen Schattenanteile, psychologisch gesehen, die jeder von uns in sich trägt. Schließlich kann der Titel aber auch augenzwinkernd auf mich selbst und meine Persönlichkeit bezogen werden, da ich in der Öffentlichkeit sehr defensiv und zurückhaltend bin. Mich drängt es nicht vor jede Kamera. Ich möchte mit Inhalten überzeugen.
So wie mit Ihrer regelmäßigen und immersiven Live-Show im Berliner Zeiss-Großplanetarium?
SCHILLING: Erstens: Ich liebe Planetarien. Zweitens: Das ist ein schalltoter Raum, das heißt, du hörst alles. Du darfst dir da keinen Fehler erlauben, musst ganz exakt singen. Das ist einerseits eine Herausforderung, andererseits macht es mir unglaublich viel Spaß, die Leute mitzunehmen und ihnen etwas zu geben, was sie so noch nicht erlebt haben.
Ihre Liebe zum Weltall zieht sich irgendwie durch die ganze Karriere. Wie hat diese Faszination angefangen?
SCHILLING: Mit der Mondlandung. Ich war 13, und diese Rakete, die da hochgeschossen wurde, habe ich anschließend im Modell nachgebaut. Dann kam der Film „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick. Der hat mich dann endgültig umgehauen.
In wenigen Jahren wollen NASA und die Chinesen wieder Menschen auf den Mond schicken. Wird das noch ein Weltereignis sein oder irgendwie eine alte, aufgewärmte Idee?
SCHILLING: Sobald wir den Planeten Erde verlassen, begeben wir uns in menschenfeindliche Sphären. Insofern wird auch die kommende Mondmission für den Menschen sehr gefährlich sein. Nur haben wir heute ganz andere technische Mittel. Man muss sich nur mal angucken, was für Computer bei der ersten Mondlandung im Einsatz waren. Man kann wirklich nur nachträglich Stoßgebete in den Himmel schicken, dass da nichts passiert ist.
Wie hat der „Antistar“ Peter Schilling es denn weggesteckt, mit „Major Tom“ zu einem der größten Popstars des Landes aufzusteigen und sogar im Ausland Erfolg zu haben?
SCHILLING: Das war wie ein Orkan. Erst Jahre später habe ich begriffen, was da eigentlich passiert ist. Plötzlich ist wirklich alles anders. Du kannst nicht mehr auf die Straße. Das war ein Kulturschock. Es gibt ja auch keine Schule, in der du lernen kannst, dich ans Berühmtsein zu gewöhnen. Geliebt habe ich es nicht. Abtauchen war auch nicht möglich, weil ich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit erfolgreich und überall erkannt wurde.
Was haben Sie dann gemacht?
SCHILLING: Weiterkomponiert. Das war ein ungeheurer Druck, der auf mir lastete. Das Reisen, das ungesunde Leben, die Arbeit, der Druck, neue Hits schreiben zu müssen, das hat mich an den Rand gebracht. Aber erst Jahre später. Ich bin erstmal nach New York gezogen, wo ich eine sehr schöne Zeit hatte. Die Stadt liebe ich immer noch sehr. Zugleich hat mich das Leben zwischen Deutschland und Amerika ausgezehrt, und es kam zum Burnout, zum Zusammenbruch, zum Nullpunkt. Ich wog nur noch 52 Kilo und bat meinen Plattenboss in New York, mich aus meinem Vertrag zu entlassen. Die internationale Karriere abzubrechen, während ich mit „The Different Story“ gerade wieder einen Hit hatte, war schwer, aber ich weiß nicht, ob ich das Weitermachen überlebt hätte.
Sie haben nach einer Erholungsphase wieder Musik gemacht, Ratgeber für Männer geschrieben, und es gibt seit 2018 mit „Der kleine Major Tom“ eine ganze Kinderbuchreihe nach Ihren Ideen. Seit einigen Jahren nun nutzen alle deutschen Fußballnationalmannschaften, also auch die Jugend- und Frauenteams, „Major Tom“ als Tor-Hymne.
SCHILLING: Auch das ist eines dieser wunderbaren Geschenke, mit denen man nicht rechnen kann. Die Fans haben den Song für sich entdeckt, und bis dann irgendwer in einem Stadion auf „Play“ drückte, musste in der rechtlichen Nahrungskette viel geklärt werden, aber jetzt bin ich einfach sehr stolz und sehr dankbar.
Verdienen Sie an jedem Tor einer deutschen Mannschaft mit?
SCHILLING: Das weiß ich gar nicht. Geld spielt für mich im Zusammenhang mit meiner Musik überhaupt keine Rolle. Ich mache Musik, weil ich sie liebe. Wenn das naiv klingt, dann ist das in Ordnung für mich.
Viel hat ja nicht gefehlt, und Sie wären mit 15 nicht Musiker, sondern Profi beim VfB Stuttgart geworden.
SCHILLING: Doch, später hätte dann schon einiges gefehlt. Mit 15 war ich in der Entwicklung den anderen ein bisschen voraus, was die Technik und Schnelligkeit als Linksaußen anging. Aber dann haben die anderen aufgeholt, und ich wusste, dass ich dem ganzen Rempeln, Grätschen und Foulen im Spiel nicht gewachsen sein würde.
Vorausgesetzt, die deutsche Mannschaft schießt das eine oder andere Tor – wird „Major Tom“ dann auch bei der Fußball-WM in Amerika zu hören sein?
SCHILLING: Ich hoffe es. Aber darüber entscheidet die FIFA.
Können Sie sich auf diese jetzt schon ziemlich umstrittene WM freuen?
SCHILLING: Ja, ich freue mich auf die WM. Ich mag die Mannschaft, den Trainer, die ganzen Mitarbeiter. Ein winzig kleiner Teil dieses Universums zu sein, ist mir eine große Ehre.
Zur Person: Der Höhenflug begann für Peter Schilling, geboren 1956 in Stuttgart, mit diesem Song: „Major Tom“, geschrieben während einer Autofahrt, landete 1983 für acht Wochen auf Rang eins der deutschen Charts, flog um die Welt und machte ihn zum Star der „Deutschen Welle“. Mittlerweile ist der Welthit die offizielle Torhymne der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Dazwischen aber erlebte Schilling einen Absturz, litt unter Burnout, kündigte 1989 alle Verträge. Diese Erfahrung hat er in seinem Buch „Völlig losgelöst. Mein langer Wert zum Selbstwert“ verarbeitet. 2002 kehrte er auf die Bühnen zurück. Schilling, der in München lebt, ist auch Autor der Kinderbuchreihe „Der kleine Major Tom“. Eben erschien seine neue Single „Antistar“, das gleichnamige Album folgt im Herbst.
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