Nina Hagen, wie ist die Stimmung?
NINA HAGEN: Ich bin total happy und euphorisch heute. Wir haben gerade das Video zu „Alle wollen in den Himmel“ veröffentlicht, und eine junge Frau hat mir online geschrieben: „Wegen dir und weil du so ein lustiges Lied singst, habe ich jetzt gar keine Angst mehr vor dem Tod“.
„Alle wollen in den Himmel“ ist Ihre Version von „Everybody Wants to Go to Heaven, But Nobody Wants to Die“ von Loretta Lynn.
HAGEN: Ich mochte diese kitschige Bluegrass-Southern-Gospel-Schmonzette immer gern. In meiner deutschen Übersetzung heißt es „Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod“. Und die erste Strophe, die habe ich Bertolt Brecht gewidmet.
Was verbindet Sie mit Brecht?
HAGEN: Während andere Mädchen sich „Lassie“ oder „Unsere kleine Farm“ angeschaut haben, saß ich schon mit elf Jahren abends ab 19.55 Uhr im Theater „Berliner Ensemble“ und habe diese tollen Musicals gesehen, denn jedes Brecht-Stück war ja zugleich ein Singspiel. Von Brecht habe ich mein Handwerk von der Pike auf gelernt. Wegen ihm bin ich so eine komödiantische, satirische, manchmal provokant rüberkommende Künstlerin geworden. Und bei Brecht kommen biblische Weisheiten und biblische Ratschläge immer total zum Tragen. 1928, nach dem Erfolg der Dreigroschenoper, wurde Brecht einst gefragt: „Welches Buch hat Ihnen in Ihrem Leben den größten Eindruck gemacht?“ Er antwortete: „Sie werden lachen: die Bibel.“ Meine zahlreichen Besuche im Berliner Ensemble führten dazu, dass ich in meiner Jugend und bis zu meinem 21. Lebensjahr, als ich aus der DDR rauskam, bei mir zuhause immer eine Bibel in die Hand nahm, um darin zu forschen. Mein Glaube an Jesus Christus hat eine große Kontinuität seit meiner Kindheit in den Fünfzigern und Jugend in den Siebzigern.
Auch in Ihrer Kunst?
HAGEN: Dort ganz besonders. Schon auf dem ersten Album der Nina Hagen Band gab es Ende der Siebziger den Song „Auf’m Friedhof, wo die Vampire tanzen und die Gerippe strippen, bis mir das alles zu gruselig wird und ich Jesus um Hilfe rufe. Denn ich will nicht sterben, „ick hab keen Bock uff Tod!“, und Jesus hat den Tod als Endstation für uns Sterbliche für immer besiegt und den Weg frei gemacht in unsere himmlische, ewige Heimat! Auch auf meinem ersten englischsprachigen Album „NunSexMonkRock“ habe ich viele Bibelzitate eingestreut.
Sie haben bis zu Ihrer Flucht 1976 in einigen DDR-Filmen mitgespielt. Hatten Sie je Zweifel daran, Ihr Leben als Künstlerin zu verbringen?
HAGEN: Nein. Für mich war das der Alltag. Meine Mutter war Filmschauspielerin, mein Vater Drehbuchautor, leider wurde ich schon seit meinem 3. Lebensjahr zum Scheidungskind. Als ich fast zehn war, kam Wolf Biermann in die Familie und wurde mein Stiefvater. Bis 1961 durften wir immer rüber nach West-Berlin, wo meine Mutter regelmäßig Schallplatten gekauft hat. Auch Gospel. Wir hatten Platten von Mahalia Jackson, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong und vielen anderen. Sogar eine Vinylplatte von Marilyn Monroe. Meine Mutter hat jahrzehntelang am Theater „My Fair Lady“ gespielt. Es war also alles andere als weit hergeholt, dass der liebe Gott mich auch für diese Art von Berufung vorgesehen hatte.
„Ich bin sehr dafür, Körper, Geist und Seele gesund zu halten. Aber nur mit Liebe“
Was halten Sie von dem Trend zur Langlebigkeit, an dessen Ende der Wunsch steht, den Tod als solchen auszuhebeln?
HAGEN: Das ist doch alles hysterischer Schnickschnack. Ich meine, schön, wenn sich Menschen gegenseitig Gesundheitstipps geben wie „Bei Husten hilft Ingwertee mit Honig“. Und toll auch, wenn sich Menschen Liebe und Zeit schenken. Ich bin sehr dafür, Körper, Geist und Seele gesund und sauber zu halten. Aber nur mit Liebe.
Ihre Duett-Partnerin auf „Never Grow Old“ ist Nana Mouskouri. Wie lange kennt ihr euch?
HAGEN: Schon ewig. Seit wir in den 80er Jahren einmal im französischen Fernsehen zusammen „Lili Marleen“ gesungen haben. Nana ist ein ganz wunderbarer Mensch und eine meiner allerliebsten Freundinnen. Ich bin glücklich, dass wir jetzt ein zweites Mal miteinander singen.
Nana ist sogar schon 91. Sie selbst haben im vergangenen Jahr Ihren 70. Geburtstag gefeiert.
HAGEN: Man denkt doch nicht die ganze Zeit darüber nach, wie alt man wohl ist. Man ist doch einfach mit der Daseinsfreude beschäftigt. Wie jeder andere Mensch jedweden Alters auch. Es ist Unsinn zu denken, dass jemand, nur weil er uralt ist, sich ständig mit dem Tod beschäftigt. Wir sind bedingungslos geliebte Kinder Gottes, die nach ihrem letzten Atemzug abgeholt werden und rüberfahren in ihre ewige Heimat. Das ist ähnlich wie im Film „Avatar“. Wir kriegen einen himmlischen Körper.
„Ich weiß doch, wem ich in der ewigen Heimat begegnen werde.“
Sie scheinen vor dem Tod keine Angst zu haben, kann das sein?
HAGEN: Nee, diese Angst habe ich nicht. Im Gegenteil. Ich freue mich mein ganzes Leben auf den Tod, beziehungsweise auf mein ewiges Leben bei Gott, das nach dem irdischen Tod auf uns wartet! Ich weiß doch, wem ich in der ewigen Heimat begegnen werde. Ich habe mich schon vor langer Zeit zu Jesus Christus bekannt. Unser irdisches Leben dient uns Menschen dazu, uns auf das ewige Leben vorzubereiten. Gott ist unser Meisterplaner. Er hat alles im Griff.
Jesus Christus steht wie kein Zweiter für den Frieden.
HAGEN: Genau!
Wenn Sie jetzt das Weltgeschehen auf sich wirken lassen, mit Kriegen an jeder Ecke, unberechenbaren Regierungschefs, einem Deutschland, das über Aufrüstung und Wehrpflicht spricht, was macht das mit Ihnen?
HAGEN: Jesus hat immer die friedliche Koexistenz gepredigt. „Jagd dem Frieden nach“, hat er gesagt. Wir sollen nicht nachtragend sein, schnell sein im Vergeben, uns aussprechen, sanftmütig miteinander. All diese tollen Ratschläge stehen in der Bibel. Freundlichkeit, Barmherzigkeit, Nachgiebigkeit, das sind alles hervorragende Tipps für die Friedensgestaltung. Ich habe neulich so einen schönen Dokumentarfilm gesehen über Astronauten, die da oben im Orbit rumfliegen und über den Schöpfergott philosophieren, der so einen herrlichen Kosmos, solch ein riesenhaftes Universum geschaffen hat. Und dann gucken sie runter auf diese wunderbare, einzigartige, unsere unbeschreiblich schöne Erde, deren Atmosphäre von Elon Musik und Co zugemüllt wird. Die Erde von oben zu betrachten ist jedenfalls ein Privileg, das uns weiterhelfen könnte.
Weiterhelfen wobei? In Frieden zu leben?
HAGEN: Weiterhelfen dabei, unsere verhärteten Herzen wieder weich und sanft zu machen. Um zu erkennen, auf was für einem Juwel wir zuhause sein dürfen und uns hier auf unser ewiges Leben vorbereiten zu dürfen. Ich finde es traurig, dass sich die Menschen nicht euphorisieren lassen durch den wunderschönen Tatbestand des ewigen Lebens. Stattdessen führen sie meckernde Gespräche voller Getriebensein und Hysterie.
„Das Böse gibt es, seit es aus dem Himmel rausgeschmissen worden ist.“
Aber wie weit kommt man mit Gutmütigkeit und Sanftheit bei Leuten wie Putin, Trump oder Netanyahu, die einfach rücksichtslos und egoistisch vorgehen?
HAGEN: Es gab schon immer solche Menschen auf der Welt, die andere in Angst und Schrecken versetzt haben. Die aber auch hinter verschlossenen Türen irgendwelche geheimen Verabredungen treffen. Wir dürfen uns von dem Theater nicht zu sehr beeindrucken lassen. Das Böse gibt es, seit es aus dem Himmel rausgeschmissen worden ist. Es will die Menschen verführen, mit Hass, Stolz, Hochnäsigkeit, Gier, Eitelkeit, den Sieben Todsünden. Für die Menschen, die Kriege anzetteln und vorantreiben, können wir nur beten. In der DDR haben wir uns in den Kirchenhäusern versammelt, haben unsere Kerzchen angezündet, verbotene Lieder gesungen, wir haben uns liebgehabt und gegenseitig gestärkt und ermutigt. Wir hatten keinen Bammel mehr vor den Folterbrigaden der Stasi, vor den Gefängnissen, Zuchthäusern, Zwangspsychiatrien. In den letzten Tagen der DDR gab es keine Angst mehr vor den Machthabern. Und wir machten die Türen auf und konnten uns frei bewegen.
Also Mut statt Resignation?
HAGEN: Natürlich. Wir müssen uns füreinander engagieren. Es gibt so viele Menschen, die ehrenamtliche Arbeit machen, die bei den Tafeln arbeiten, die gemütliche, schöne Situation für ärmere Menschen schaffen, das kann und sollte immer mehr werden.
Engagieren Sie sich ehrenamtlich?
HAGEN: Ja, schon mein ganzes Leben lang. Aber ich hänge das nicht an die große Glocke.
Sie schauen also, trotz allem, hoffnungsvoll in die Zukunft?
HAGEN: Ich bin mir sicher: Die Liebe siegt immer. Love will survive. Die Liebe wird immer stärker als der Hass sein. Und die Zuversicht immer stärker als Hoffnungslosigkeit und Depression. Hören wir nicht auf die Miesmacher, die dafür sorgen wollen, dass die Menschen ihre Lebensfreude verlieren.
„Mich zu informieren, gehört dazu. Ich halte das alles aus“
Können Sie das tägliche Nachrichtengeschehen denn noch ertragen?
HAGEN: Ja, ich halte das alles aus. Ich bin ein Mensch, der mitten im Leben steht. Mich zu informieren, gehört dazu. Gleichzeitig bete ich für eine gute Zukunft und für eine Welt, in der Russland aufhört, die Ukraine anzugreifen. Ich war Ende der Neunziger in der Ukraine, die Menschen dort tun mir unendlich leid. Ich habe Ende der Neunziger in der Ukraine im Märchenfilm „Wasilisa, die Schöne“ mitgespielt und dort wirklich Freunde fürs Leben gefunden. Es ist anstrengend und traurig, mitansehen zu müssen, wie das Böse dort fortbesteht, wie Menschen einfach von Bomben zerfetzt werden. Und doch denke ich: Der kriegerische Rüstungswettlauf der Welt muss gekontert werden durch einen Friedenswettlauf, durch echte Anstrengungen, für den Frieden zu kämpfen, zu marschieren, zu singen und zu beten. Hier steht gerade wirklich die Zukunft unserer Kinder auf dem Spiel.
Apropos Kinder. Ihr Sohn Otis hatte kürzlich eine Rolle im „Tatort“. Ist er jetzt Schauspieler?
HAGEN: Das war sein Filmdebüt! Ob noch mehr kommt, müssen wir ihn aber direkt fragen. Otis macht ganz viele tolle Sachen. Er ist ein begnadeter Graphic Artist & DJ: DJ Oski O.G. Er ist auch der beste Koch, den ich kenne, und der beste Papa der Welt!
Wenn Ihr Sohn der beste Papa der Welt ist, sind Sie dann die beste Oma der Welt?
HAGEN (LACHT): Ich bin die glücklichste Oma der Welt.
Haben Sie eigentlich vor, mit den Liedern von „Highway To Heaven“ auf Tournee zu gehen?
HAGEN: Möglich, dass ich das eine oder andere Konzert spiele. Aber für eine richtig große Tour fehlt mir gerade die Zeit. Ich bin voll beschäftigt mit zwei Filmprojekten. Es ist ein Biopic über mein Leben in Arbeit, und dann wird es noch ein Kinospektakel geben, so eine Art Dokumentarfilm mit Material, das noch nie jemand gesehen hat.
Wer soll Sie denn in dem Biopic spielen?
HAGEN: Das steht noch nicht fest. Ich hoffe, eine wunderbare Persönlichkeit mit großen Stimmbändern.
Zur Person: Catharina „Nina“ Hagen, geboren am 11. März 1955 in Ost-Berlin, gilt als deutsche „Godmother of Punk“. Die Sängerin, Songschreiberin und Schauspielerin, 1977 nach ihrer Flucht von der DDR ausgebürgert, hat mit „Highway To Heaven“ – 17 Jahre nach „Personal Jesus“ – nun erneut ein spektakuläres Gospel-Album aufgenommen. Beseelt singt die gläubige Christin Klassiker wie „Somebody Prayed For Me“ oder „Everything’s Gonna Be Alright“, stilistisch spielt sie auch mit Folk, Rock, Americana, Country und Soul. Hagen hat zwei Kinder: Die Schauspielerin Cosima Shiva Hagen und ihren Sohn Otis Hagen Chevalier, der im Januar 2026 sein schauspielerisches Debüt im Bremen-„Tatort“ gab.
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