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Wenn Kakadus Mülltonnen öffnen: Mit welchen Tricks sich Tiere an ihre Umwelt anpassen

Lese-Tipp

Wenn Kakadus Mülltonnen öffnen: Mit welchen Tricks sich Tiere an ihre Umwelt anpassen

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    Elefanten in Kenia und Rothirsche in Norwegen haben gelernt, sich von ihrem Jäger, dem Menschen fernzuhalten.
    Elefanten in Kenia und Rothirsche in Norwegen haben gelernt, sich von ihrem Jäger, dem Menschen fernzuhalten. Foto: Adobe Stock

    Nachtigallen singen in der Stadt lauter, um den Verkehr zu übertönen. Killifische haben Schadstoffresistenzen entwickelt, um in verseuchtem Wasser zu überleben. Und in Sydney haben Kakadus herausgefunden, wie sie Mülltonnen öffnen, um an Essensreste zu gelangen. Ein Vogel hat angefangen, die anderen haben es ihm nachgemacht. Und die Anwohner? Überlegen sich Tricks, um die Tiere von den Tonnen fernzuhalten. Bleibt abzuwarten, wer den größeren Erfindungsgeist hat.

    Tiere können sich in kürzester Zeit an Umweltveränderungen anpassen

    In ihrem Buch „Tierwelt am Limit“ erzählen die Verhaltensbiologen Norbert Sachser und Niklas Kästner dutzende Geschichten über Tiere, die es geschafft haben, sich anzupassen. An Hitze, Lärm, Schmutz in der Luft und Giftstoffe in Gewässern. Kurz: An die menschengemachten Veränderungen ihrer Umwelt. Die Begeisterung, mit der die Autoren von den Strategien und Anpassungsfähigkeiten der Tiere erzählen, springt beim Lesen über.

    Hat sich der helle Birkenspanner-Schmetterling im Zuge der Industrialisierung tatsächlich schwarz gefärbt, um im verrußten England leichter zu überleben? Haben Saumfingerechsen auf den Bahamas durch Hurricanes wirklich größere Haftpolstern an den Zehen ausgebildet? Ist ja genial! Und es gibt sogar ein Forschungsvideo dazu? Sieht auch echt putzig aus, wie da die Echse im Youtube-Video „natural selection in a hurricane“ dem Laubbläser der Wissenschaftler standhält.

    Bestes Beispiel, wie sich Evolution bei der Arbeit beobachten lässt, schreiben Sachser und Kästner. Denn die Saumfingerechsen hatten die größeren Haftpolster nicht über Jahrmillionen hinweg entwickelt, sondern innerhalb weniger Monate, nachdem zwei Wirbelstürme über ihre Insel hinweggefegt waren. Der Fall zeigt: Tiere können sich in kürzester Zeit an Umweltveränderungen anpassen – und das nicht nur genetisch, sondern auch in ihrem Verhalten. Mönchsgrasmücken ersparen sich immer häufiger den Flug Richtung Süden und überwintern wegen der steigenden Temperaturen auch gerne mal in Deutschland. Elefanten in Kenia und Rothirsche in Norwegen haben gelernt, sich von ihrem Jäger, dem Menschen fernzuhalten.

    Knapp ein Drittel aller weltweit erfassten Arten ist vom Aussterben bedroht

    Die Geschichten von Tieren, die es geschafft haben, sich anzupassen, sind unterhaltsam und beeindruckend, aber sie sind leider die Ausnahme, wie Sachser und Kästner betonen. Denn die Belastungen werden heftiger und das Tempo, mit dem sich die Umwelt verändert, rasanter. Viele Arten kommen nicht mehr mit, ihr Bestand schrumpft. Knapp ein Drittel aller weltweit erfassten Arten ist mittlerweile vom Aussterben bedroht, mahnen die Verhaltensbiologen. Die Anpassungsfähigkeit von Tieren habe Grenzen und die würden im Anthropozän zunehmend überschritten.

    Die Autoren legen eine spannende, wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme vor und beschränken sich nicht nur auf Wildtiere, sondern beziehen auch Haus- und Nutztiere mit ein, denn die müssen mit ganz eigenen Herausforderungen klarkommen. Das zeigt allein die Menge. So wird die Biomasse aller domestizierten Säugetiere auf 650 Millionen Tonnen geschätzt, Hunde kommen auf etwa 22 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Wilde Säugetiere bringen nur etwa 61 Millionen Tonnen auf die Waage, Menschen übrigens 390 Millionen Tonnen. Für domestizierte Tiere wie Schweine, Hühner oder Rinder bedeutet das Platzmangel, Stress und teils miserable Haltungsbedingungen.

    Die Domestikation in der Landwirtschaft hat sie nicht zu dummen, abgestumpften Wesen gemacht, sondern sie verfügen über hoch entwickelte kognitive Fähigkeiten und ein komplexes Sozialverhalten. Die Frage, wie es den Tieren geht, lasse sich wissenschaftlich leicht beantworten: Schlecht, so das Fazit zahlreicher Studien.

    Im krassen Gegensatz dazu steht der Umgang mit Haustieren, aber auch die leiden unter der Vermenschlichung und Überzüchtung. Sachser und Kästner bieten aber auch Lösungen an, plädieren für Schutzprogramme, Renaturierungen, und weniger Fleischkonsum – zum Wohle aller Lebewesen.

    Norbert Sachser und Niklas Kästner: Tierwelt am Limit. Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 26 Euro

    Norbert Sachser und Niklas Kästner: Tierwelt am Limit
    Norbert Sachser und Niklas Kästner: Tierwelt am Limit Foto: Rowohlt Verlag
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