Pro: Unangekündigte Begegnungen sind die beste Auszeit
Manchmal zuckt man ja innerlich zusammen, wenn es an der Tür klingelt. Nichts ausgemacht, der Postbote war schon da, wer kann das sein? Misstrauischer Blick durch den Spion, die Freundin steht unangemeldet da. Panikmoment und kurzer Verwahrlosungscheck: Schnell noch den Wäscheberg wegräumen oder erst mal den Schlafanzug ausziehen? Kaffee ist noch da. Milch? Leer, aber egal, trinkt sie eh nicht.
Spontanbesuche können überrumpeln, man kann sich gestört oder seiner Zeit beraubt fühlen. Man kann sich aber auch einfach darüber freuen, denn unangekündigte Begegnungen sind die beste Auszeit. Kurz mal vom Sofa aufgerüttelt, von der Arbeit abgelenkt oder aus den eigenen Gedanken geklingelt zu werden, tut gut. Muss auch nicht lang sein, auf einen Kaffee oder Spaziergang, schon ist der Alltag für einen Moment vergessen. Wenn man nicht gerade auf dem Sofa fläzt, bekommt man die Pause, die man sich selbst oft nicht gönnt. Und die interessantesten Gespräche entstehen sowieso meistens spontan.
Man muss sich auch nicht fünfmal entschuldigen und den Wäschehaufen größer machen als er ist. Gute Freunde wissen, dass man chaotisch ist und werden einem den ungespülten Geschirrturm nicht vorwerfen. Ein bisschen Unordnung hat noch keiner Freundschaft geschadet.
Und überhaupt, wer spontan klingelt, rechnet nicht mit einer penibel aufgeräumten Wohnung oder damit, dass der Kuchen gerade fertig ist. Darum geht es auch nicht. Wer unangemeldet vor der Tür steht, will den Menschen dahinter sehen. Eine Umarmung, ein kurzer Plausch und Tschüss. War da Chaos in deiner Wohnung? Hab ich gar nicht bemerkt. Zeit also, mal wieder spontan zu klingeln. (Felicitas Lachmayr)
Contra: Den Gastgeber vorzuwarnen, das ist wahre Gastfreundschaft
Dafür hat der Mensch doch die Telefonie erfunden! Noch dazu mobile Handapparate, mit Whatsapp drin und possierlichen Katzen-Emojis. Auch die elektronische Post bleibt eine Option, ein Kanal, auf dem sich zum Beispiel nigerianische Prinzen freundlich voranmelden, wenn sie gerade ihr Millionen-Erbe zu verschenken haben – Grüße aus dem Spamordner. Und noch ein sachdienlicher Hinweis: Die Deutsche Post nimmt weiter Einschreiben an. Selbst manches Faxgerät piepst noch Lebenszeichen von sich. Also bitte: Warum klingelt man dann unangekündigt an einer Tür?
Nicht, dass Ihnen jetzt ein Verdacht kommt. Dass der zu Besuchende etwa ein Schwerverbrechen zu verbergen hätte. Nein, nichts zu verstecken – bis auf den Wäscheberg im Sessel und den Tellerberg in der Spüle, Mount Essensrest. Dabei ist es nur ein Zeichen von Respekt, diesen Anblick keinem Besucher zuzumuten, einander Zeit zur Vorbereitung zu lassen. Gut soll es der Gast haben und sich wie zu Hause fühlen. Sogar besser als zu Hause. Weil hier ist aufgeräumt, hier glänzt es.
Kündigt man Besuche 24 Stunden im Vorlauf an, kann der Gastgeber noch den Perser saugen und abfragen, ob Gummibären oder Chips Ungarisch. Duftkerze Vanille oder Sandelholz. Übertrieben? Vielleicht, aber sich anzumelden ist ein Akt von wechselseitiger Wertschätzung, eine Steigerungsform von Gastfreundlichkeit: Gastfreundschaft! Und dann kann man ja immer noch die Wohnlandschaft versauen – gemeinsam. Wohnzimmermöbel neu arrangieren für eine Tango-Tanzfläche. Teller mit Pastasauce bemalen und zur Feier Rotwein in den Teppich träufeln. Die Spuren sind ja schnell beseitigt. Bis zum nächsten Besuch. Aber mit Ansage! (Veronika Lintner)
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