Pro: Eine kleine Nettigkeit mit großem Effekt
Es sprießt der Bärlauch und es wuchert der Löwenzahn. Die ersten zarten Brennnesseln bahnen sich ihren Weg aus dem Boden. Vertreter der Feld- und Wiesenküche rücken in diesen Tagen aus, um das junge Gemüse aus der Wildnis zu ernten. Gekocht und zerkleinert findet das saisonale Grünzeug seinen Weg aber nicht nur in Genießermägen, sondern leider auch in die Zahnzwischenräume. Die Liebe zum naturnahen Kochen kann dann schnell in einer Peinlichkeit enden.
Ob beim wichtigen Meeting mit der Chefin oder am Elternsprechtag, beim Flirt in der Bar oder im Bewerbungsgespräch als Fotomodell: Den grünen Belag bezahlt man mit Seriosität und Sympathie. Besonders ärgerlich ist es, den Störenfried erst Stunden später beim Blick in den Badezimmerspiegel zu bemerken.
Wie praktisch, dass sich so die Möglichkeit bietet, sich als Alltagsheld und Helferlein ins Spiel zu bringen. Denn die anderen auf Spinat zwischen den Zähnen hinzuweisen, kostet nichts als eine kleine Geste und hat einen großen Effekt. Eine Nettigkeit, ganz umsonst, und schon darf man sich gut fühlen. Wer‘s nicht tut, muss außerdem damit rechnen, dass es ein anderer später übernimmt. Und man am Ende doof dasteht, als gleichgültig und rücksichtslos.
Noch ein schlagender Grund, sich der grünen Zahnzwischenräume anzunehmen: Es lenkt ab. Einmal bemerkt, ziehen die Gemüsefasern alle Blicke auf sich. Jedes noch so geistreiche Gespräch geht dann leider an die Essensreste zwischen den Zähnen verloren. Wer also lieber zuhören als hingucken will, tut sich selbst und dem Gegenüber einen Gefallen. Und sorgt dafür, dass der grüne Blickfang aus den Zahnreihen verschwindet. (Veronika Ellecosta)
Contra: Freche Intervention, die jedes Gespräch ruiniert
Vielleicht hätte er sich nie, niemals wieder ein Herz gefasst, und ihr eben nicht seine Liebe gestanden – wenn sie denn seinen Monolog unterbrochen hätte mit den Worten: „Entschuldigen Sie! Aber Ihnen hängt da eine Nudel von der Nase.“ Ja, willkommen in der Welt von Loriot, in einem Restaurant, in dem der Kosakenzipfel ganz oben auf der Karte steht. Legende dieser Sketch, in dem er ihr bei Tisch seine Gefühle beichtet. Während ohne sein Wissen eine einzelne Nudel quer über sein Gesicht wandert. Sie? Starrt still. Bleibt sprachlos. Und Recht hat sie! Warum Aufhebens machen, um das bisschen Gebissdekoration? Warum sollten Sie Ihr Gegenüber beschämen? Sie könnten eine Liebeserklärung verpassen – und noch mehr solcher kostbaren Momente.
Da redet sich einer die Gedanken heiß überm Suppenteller, steht kurz davor, im Gespräch unter seinen Stammtischfreunden die Weltwirtschaftskrise zu lösen. Oder die Ehekrise. Dann aber, ein „äh du …“, gefolgt von „hast da was“, was ins Selbstwertgefühl sticht wie ein Zahnstocher ins Zahnfleisch. Dann: Zungen-Akrobatik unter Scham und Anleitung. „Links … nein, das andere! Höher … Zwischenraum!“ Eine Intervention, die jedes Gespräch sprengt. Eine Frechheit wie TV-Werbepausen, denn … wo waren wir stehen geblieben? Lieber schweigen. So schnell greifen Karius und Baktus nicht an, und ist das Grün nicht zwei Schluck Wasser später eh fortgespült? Ja, falls sich da ein ganzer Wald bildet im Lächeln Ihrer guten Freundin, die in 20 Minuten auf ein Date geht, dann geben Sie Bescheid. Bitte! Aber sonst? Ob da nun ein Sträußchen Petersilie im Gebiss kleben bleibt, ist doch Grünkohl mit Pinkel. Also Wurst. (Veronika Lintner)
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