Nach all den Jahren – 27, um genau zu sein – als Carrie Bradshaw: Was würden Sie sagen – wer ist heute eigentlich Ihr Publikum?
SARAH JESSICA PARKER: Ich glaube tatsächlich, ich weiß darüber viel weniger, als ich eigentlich sollte. Hätten Sie mir diese Frage vor drei Jahren gestellt, dann hätte ich vermutlich von einem sehr klaren Profil gesprochen. Ein bestimmter Altersbereich, eine demografische Vorstellung. Aber das ist alles völlig durcheinandergewirbelt worden.
Weil plötzlich eine neue Generation dazugekommen ist?
SARAH JESSICA PARKER: Genau. Es ist überraschend, schön und irgendwie auch rührend. Da ist eine ganz neue Generation, die die Serie für sich entdeckt hat – und zwar mit einer ähnlichen Hingabe wie die ursprünglichen Fans. Und was noch spannender ist: Sie formulieren ihre Fragen, ihre Gedanken und Beobachtungen ganz anders. Es ist faszinierend zu hören, warum sie sich so angesprochen fühlen, was sie beschäftigt, was sie mitnimmt.
Und wer spricht Sie an? Wer bleibt Ihnen im Gedächtnis?
SARAH JESSICA PARKER: Ich werde ständig von Männern angesprochen. Auch von heterosexuellen Männern, die mir erzählen, dass sie die Serie ursprünglich nur gesehen haben, weil sie in einer Beziehung dazu „gezwungen“ wurden – ob in einer Ehe, einer Verlobung oder vielleicht sogar nach einer Trennung. Und natürlich: Die queere Community war von Anfang an ein enorm wichtiger Teil unseres Publikums. Ohne sie wären wir heute nicht da, wo wir sind. Deshalb: Ich glaube wirklich, es gibt diesen einen typischen Zuschauer oder diese typische Zuschauerin heute nicht mehr.
Die Freundschaften in ‘And Just Like That’ sind für viele das Herz der Serie. Was glauben Sie: Was macht weibliche Freundschaften so besonders?
SARAH JESSICA PARKER: Ich denke, es ist diese besondere Intimität, die zwischen Frauen entsteht – auch wenn es natürlich immer Ausnahmen gibt. Aber oft sind es gemeinsame Erfahrungen, die so eine Freundschaft prägen. Wie wir als Frauen durch die Welt gehen, wie wir gesehen werden, wie wir uns selbst sehen, wie wir Liebe leben oder suchen – all das verbindet.
Ist es auch eine Frage von Sprache, von gegenseitigem Verstehen?
SARAH JESSICA PARKER: Absolut. Man versteht sich oft ohne große Worte. Es gibt eine Art Kurzsprache unter Frauen – ein Blick, ein Satz, ein geteiltes Gefühl. Und selbst wenn man sich mal nicht sofort versteht, ist da diese Geduld, dieses: Ich höre dir zu, bis ich es verstehe.
Diese Art der Verbindung ist selten – aber wenn man sie hat, ist sie unglaublich kostbar.
Sie stehen wie kaum jemand sonst für Liebe, Dating, Intimität in New York. Was, glauben Sie, erzählt Carries Reise in dieser Staffel über die Möglichkeiten von Liebe und echter Verbindung – in jedem Alter?
SARAH JESSICA PARKER: Ich glaube, was Carries Geschichte zeigt, ist, dass Liebe nie aufhört, Fragen zu stellen. Und dass man auch in einem späteren Lebensabschnitt noch überrascht werden kann – im Guten wie im Schlechten.
Carrie ist am Anfang der Staffel allein. Ist das ein bewusster Neuanfang?
SARAH JESSICA PARKER: Ja, sie glaubt, in dieser Vereinbarung mit Aidan eine Form von Frieden gefunden zu haben. Sie respektieren einander, geben sich Raum. Aber das Leben verläuft eben nicht immer nach Plan. Gefühle lassen sich nicht an Absprachen halten. Carrie ist jemand, der sich immer wieder neu sortieren muss – allein, in Beziehungen, im Rückblick auf ihre Entscheidungen. Und genau das ist so tröstlich, finde ich: Dass man auch mit 50, 60 noch auf dem Weg sein darf. Noch suchen darf. Für Carrie war es immer die Frage: ‘Was ist Zuhause?’ Und ich glaube, das ist etwas, das man sich in jedem Alter immer wieder neu beantworten muss. Ein guter Freund sagte einmal zu mir: ‘Bei Carrie geht es immer um die Suche nach einem Zuhause. Und wenn man es endlich gefunden hat – dann stellt sich die wichtigste Frage: Was hat es mich gekostet, dort anzukommen?’ Und genau das erzählt diese Staffel. Leise. Schmerzhaft. Und hoffnungsvoll zugleich.
Diese Staffel zeigt viele verschiedene Arten von Beziehungen. Was glauben Sie persönlich: Was ist das Geheimnis einer starken Freundschaft – und einer stabilen Liebesbeziehung?
SARAH JESSICA PARKER: Ich glaube, dass sich Freundschaften und romantische Beziehungen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Beide brauchen Zeit – und Pflege.
Was heißt das im Alltag?
SARAH JESSICA PARKER: Dass man sich bewusst machen muss, dass das Leben unberechenbar ist. Es zieht einen in viele Richtungen. Wenn man Kinder hat, fehlt oft die Zeit – für Freundschaften genauso wie für die Partnerschaft. Und trotzdem kann man nah bleiben – wenn man lernt, zuzuhören. Wenn man Geduld mitbringt. Wenn man lernt, nicht alles zu wichtig zu nehmen. Ich glaube, am Ende ist es Großzügigkeit. Großzügigkeit im Denken. Im Fühlen. Und im Verzeihen.
Carrie liest noch ganz klassisch die New York Times auf Papier. Wie ist das bei Ihnen persönlich – lieber Print oder digital?
Sarah Jessica Parker: Oh, ich bin ganz klar Team Print. Ich liebe es, das ganze Wochenende lang die Sunday Times auf Papier zu lesen – genauso The Atlantic oder The New Yorker. Für mich gehört das einfach dazu. Die Haptik, der Geruch, das Rascheln – das ist ein richtiges Erlebnis.
Und warum ist das für Sie mehr als nur Informationsaufnahme?
SARAH JESSICA PARKER: Ich glaube, ich nehme mehr auf, wenn ich etwas in der Hand halte. Vor allem bei langen Texten – da bleibt mehr hängen. Ich lese auch keine Bücher auf dem Kindle. Wenn ich lese, dann richtig. Aber ich bin gleichzeitig sehr dankbar, wie sich die Zeitungen digital entwickelt haben. Die Qualität und die Bandbreite sind beeindruckend. Und ich schätze es sehr, dass alle Zeitungen und Magazine, die ich liebe, heute ein digitales Leben führen. Es ist wunderbar, jederzeit Zugriff auf Informationen zu haben – das ist ein Geschenk unserer Zeit. Aber Print ist für mich etwas Intimes. Etwas Echtes.
Sie sind Carrie seit fast drei Jahrzehnten treu. Was hat sich in Ihrer Herangehensweise verändert – wenn Sie zurückdenken an die allererste Staffel?
SARAH JESSICA PARKER: Ach Gott … ich erinnere mich kaum noch. Damals war alles so neu, aufregend, ungewiss. Und trotzdem: Ich mache mir heute noch genauso viele Gedanken wie früher. Ich bin immer nervös. Ich frage mich ständig: Ist es gut genug? Wird es dem gerecht, was Michael – also Michael Patrick King – sich ausmalt? Er hat so klare Vorstellungen davon, wie Geschichten erzählt werden sollen, was die Figuren fühlen, wie sie sich entwickeln. Und ich will das erfüllen. Ich will ihm gerecht werden – und allen anderen im Team auch.
Trotz all der Jahre – kein bisschen Routine?
SARAH JESSICA PARKER: Ganz ehrlich: Nein. Ich liebe diese Arbeit, und ich nehme sie nie selbstverständlich. Vielleicht wünsche ich mir manchmal, ich wäre gelassener geworden … aber ich glaube, diese Leidenschaft ist auch der Grund, warum mir Carrie noch immer so viel bedeutet. Sie ist mir vertraut – und trotzdem überrascht sie mich. Mit jeder Staffel. Mit jeder neuen Wendung. Und weil sie wächst, wachse ich irgendwie auch mit ihr.
‘Sex and the City’ hat das Fernsehen für Frauen revolutioniert. Heute ist die TV-Landschaft eine ganz andere – weiblich geprägt, vielfältiger, mutiger. Ist es heute, fast 30 Jahre später, anders, Carrie Bradshaw zu spielen?
SARAH JESSICA PARKER: Es ist anders – vor allem, weil wir heute nicht mehr allein sind. In den 90ern war die Art, wie wir über diese Frauen erzählt haben, einzigartig. Wegen HBO, wegen der Sprache, die wir benutzen durften, und der Geschichten, die wir erzählen konnten. Ich wusste zwar immer: Wir waren nicht die Ersten – Mary Tyler Moore, Marlo Thomas und ein paar andere Frauen waren vorher schon Heldinnen ihrer Serien. Aber wie wir es gemacht haben – das war neu. Heute ist das nicht mehr so ungewöhnlich. Und das ist toll.
Und trotzdem fühlt es sich besonders an?
SARAH JESSICA PARKER: Ja. Ich weiß nicht – vielleicht ist es nur meine Wahrnehmung, aber wenn wir mit unseren fünf Frauen durch New York gehen, wenn wir die Straße überqueren und einen Block für uns haben, dann fühlt sich das noch immer besonders an. Und das mit dem Segen der Stadt, versteht sich. Ich hoffe jedenfalls, dass wir niemandem auf die Nerven gehen. (lacht) Was ich großartig finde: Fernsehen wird heute von Frauen dominiert. Und das ist so normal geworden, dass wir es kaum noch bemerken – was vielleicht das beste Zeichen überhaupt ist.
Carrie trifft in dieser Staffel eine Entscheidung aus Liebe – verbunden mit einem Kompromiss. Was denken Sie über diese stillen Kompromisse, die wir manchmal machen, um mit jemandem zusammenzubleiben, selbst wenn es sich nicht ganz richtig anfühlt?
SARAH JESSICA PARKER: Ich glaube, viele von uns machen solche Entscheidungen mit den besten Absichten. Man denkt: Das ist es mir wert – die Nähe, die Geschichte, die Liebe. Aber Theorie und Alltag sind oft zwei verschiedene Dinge. Und genau das passiert auch Carrie: Was man sich zutraut, zeigt sich erst mit der Zeit.
Zur Person Sarah Jessica Parker, geboren 1965 in Nelsonville/Ohio, stand schon als Kind vor der Kamera und hatte bereits eine Karriere als Filmschauspielerin in Hollywood hinter sich, als sie nach einigem Zögern 1998 die Rolle der Beziehungskolumnistin Carrie Bradshaw in der Kultserie „Sex and the City“ annahm. Der Part machte sie nicht nur zu einer der bestbezahlten Schauspielerinnen, sondern auch zur Stilikone. Gemeinsam mit ihren alten Serienkolleginnen Cynthia Nixon und Kristin Davis ist sie auch in der Fortsetzung „And Just Like That …“ zu sehen, derzeit läuft die dritte Staffel (Sky und Wow). Parker ist seit 1997 mit dem Schauspieler Matthew Broderick verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und lebt in New York.
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