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So liest sich „Trag das Feuer weiter“, das Finale der Familien-Trilogie von Autorin Leïla Slimani

Leïla Slimani

Eine Entwurzelte sucht ihre Wurzeln: So liest sich Leïla Slimanis Finale ihrer Familien-Trilogie

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    Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani.
    Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani. Foto: picture alliance/dpa

    Nach vielen Jahren kehrt Mia auf die Farm der Familie in Marokko zurück. Ihre Großmutter Mathilde ist tot, ihr Großvater Amine ebenfalls, der Verwalter erkennt sie nicht mehr. Eine Entwurzelte sucht Wurzeln, wühlt in Kisten, mistet Kleider und nimmt am Ende kein einziges Erinnerungsstück mit. Im Gegenteil, sie weist den Verwalter an, all die staubigen Kisten zu verbrennen. „Ich hasse Romane, in denen jemand ein verschollenes Manuskript findet, Kassetten mit Bekenntnissen, die Spuren eines Lebens, das man nicht gelebt hat.“

    „Trag das Feuer weiter“ ist der letzte Teil von Leïla Slimanis Trilogie über ihre Familie. Und wieder taucht man gerne ein in diesen Kosmos der starken Frauen-Generationen. Mathilde, die aus dem Elsass stammende Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg alles hinter sich gelassen hat, um mit ihrem Mann Amine das Landgut bei Meknès aufzubauen. Dann Aïcha ihre kluge Tochter, die erste in der Familie, die studiert hat und in Rabat als Frauenärztin arbeitet. Und nun also „Mia“, die erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, die mit Corona-Folgen und Schreibblockaden kämpft.

    Man freut sich, die Lebensfäden weiterzuverfolgen

    Im weiten Bogen erzählt Leïla Slimani von ihrer Familie – und von sich selbst. Von ihrer ersten großen Verliebtheit – in die Klassenkameradin Abla, von den Schlägen, die ihr Ablas Bruder vor den Augen der ganzen Schule verpasst, als ihre Neigung bekannt wird. Und gleichzeitig sind alle wieder da, wie es sich für ein Familienepos gehört. Wie bei einem großen Verwandtentreffen freut man sich, die Lebensfäden weiterzuverfolgen. Selma, die glamouröse Großtante, Selim, der unstete Onkel, der es vom Hippie zum erfolgreichen Fotografen in New York gebracht hat. Die Lebensgeschichte von Mia geht einher mit der tragischen Lebensgeschichte von Mehdi, ihrem Vater. Der erfolgreiche, intellektuelle Banker, der seine Tochter zum Bücherlesen animiert, der früh davon überzeugt ist, dass sein kluges Kind Schriftstellerin werden wird – und dessen Leben so ungerecht und tragisch endet. Mehdi wird wegen Korruption entlassen und ins berüchtigte Salé-Gefängnis gesteckt – unschuldig, wie sich herausstellen wird. Der wunde, dunkle Punkt einer Familie, die ein gut situiertes Leben in der marokkanischen Upperclass führte. Ihrem Vater strebt Mia nach, will mehr Kerl als Mädchen sein, interessiert sich für Fußball, studiert Wirtschaft und sucht später die Einsamkeit des Schreibens, so wie ihr Vater einsam in der Gefängniszelle sitzt. Schicksalsgenossen auf eine gewisse Art und Weise.

    Erst in Paris verteidigen die Schwestern ihre marokkanische Herkunft

    „Trag das Feuer weiter“ ist mehr als das Finale einer illustren Familienchronik, es geht auch immer wieder um Heimatlosigkeit in der eigenen Heimat. Dieses Leben im europäischen Viertel von Rabat, die verleugnete, marokkanische Verwandtschaft des Vaters, Arabisch gesprochen wird eigentlich nur mit der Hausangestellten Fatima. Verrückterweise verteidigen Mia und Ines erst in Paris, wohin es beide Schwestern verschlägt, ihre marokkanische Herkunft.

    Slimani brilliert auch im letzten Teil ihrer Trilogie, der sicherlich der für sie schwierigste war. Vielschichtig erzählt die Autorin nicht nur über sich selbst und den Zusammenhalt der Frauen, sondern webt auch die marokkanische Geschichte, den Fall der Mauer und das Lebensgefühl der 90er Jahre ein – und findet am Ende ihren Weg zu einem inneren Frieden.

    Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Aus dem Französischen übersetzt von Amelie Thoma. Luchterhand, 444 Seiten, 25 Euro.

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