Mit jedem Hammerschlag, der auf den Meisel niederfährt, schält sich aus dem Kalkstein vor Frédéric mehr und mehr die Form einer Pyramide heraus. Kein futuristisches Gebilde aus Glas und Stahl, wie das, was rund zehn Kilometer entfernt vor dem berühmten Louvre in den Himmel ragt. Einfach nur eine kleine Pyramide aus Stein. Wie lange der Steinmetz dafür brauchen wird? „Das kommt darauf an, wie viele Leute mich vom Arbeiten abhalten“, sagt der Mann mit dem beigen Fischerhut und grinst, bevor er doch noch die Antwort nachschiebt. „Einen Tag.“ Dann wird wieder ein Stein fertig sein. Einer von mehr als 15.000, die sie brauchen, damit die Kathedrale von St.-Denis nach über 170 Jahren endlich ihre zweite Turmspitze zurückbekommt.
Fünf Jahre wird das schätzungsweise dauern. Auch, weil Frédéric und seine Kollegen dafür in der „Fabrique de la Flèche“ im Schatten der berühmten Kathedrale auf moderne Hilfsmittel verzichten. Jeder kann ihnen dabei zusehen. Oder gleich selbst mit Hand anlegen. Das auch durch Spenden finanzierte Projekt, es steht symbolisch für die Renaissance von Saint-Denis im Norden von Paris. Einer Stadt, die nach dem ersten Bischof von Paris benannt ist, der nach nach seiner Enthauptung am Montmartre mit seinem Kopf in Händen sechs Kilometer weit bis hierher gelaufen sein soll. Wo er schließlich tot zusammenbrach und sie ihm eine Kirche bauten.
In der Kathedrale von Saint-Denis sind 43 Könige begraben
Die gilt als ein Meisterwerk der Gotik, mit spektakulären Buntglasfenstern, die das Sonnenlicht in Regenbogen über die unzähligen Grabmale im Inneren tanzen lassen. Über Jahrhunderte wurden hier die Herrscher Frankreichs beerdigt. 43 Könige und 32 Königinnen ruhen in der Kathedrale. Auch Marie Antoinette und ihr Gemahl sollen hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, nachdem man sie aus einem Massengrab umgebettet hat. Wobei, gesteht der Kirchenführer, ob man da wirklich Ludwig XVI. erwischt habe, da sei man sich nicht so ganz sicher. „Bei ihr schon eher.“
Die Kathedrale von Saint-Denis, sie gilt als die ältere Schwester von Notre-Dame. Und doch steht sie seit Langem in ihrem Schatten. Denn sie liegt eben nicht auf der Île de la Cité. Sondern in der Nachbarstadt, die bis vor wenigen Jahren noch vielen als die „Bronx von Paris“ galt. Eine Banlieu, geprägt von Armut, Kriminalität, hoher Arbeitslosigkeit. Doch wie die Kathedrale erlebt ganz Saint-Denis aktuell eine Renaissance. Und das ist auch den Olympischen Spielen 2024 zu verdanken. Denn hier stehen das Stade de France und das brandneue Wassersportzentrum. Und hier wohnten während der Spiele auch die fast 14.500 Athleten im Olympischen Dorf, das zwischenzeitlich in Wohnungen umgewandelt wurde.
Dort wo die Olympioniken frühstückten, entsteht ein Kulturzentrum
In der riesigen Backsteinhalle gleich nebenan steht Didier Gouband unter den Olympischen Ringen, die immer noch an der Glasfassade hängen. Wo einst der Strom für den Betrieb der Pariser U-Bahn erzeugt wurde, tankten die Sportler während der Spiele hier im Restaurant Energie für Höchstleistungen. Nun sind die Athleten weg. Und Gourband und sein Team arbeiten daran, dass in dem historischen Gebäude bald wieder Leben einkehrt. Im Mai soll die „Cité de Cinema“ wieder eröffnen. Ein Kulturzentrum soll aus dem Areal werden, das der Regisseur Luc Besson lang vor den Spielen aufgebaut hatte. Platz für Großveranstaltungen, Tanzprojekte, einen Comedy Club. Ein Ort, an dem die Bevölkerung von Saint-Denis sich mit den hippen Parisern mischt. Und vor allem ein Ort, der dem Film huldigt. „Man kann hier lernen, wie Kino funktioniert. Und selbst experimentieren, wie man in drei Stunden einen Film dreht.“
Ehemalige olympische Stätten, sagt Gouband, hätten eine besondere Anziehungskraft für Touristen. Von dieser Neugier wollen sie auch im Hollywood an der Seine profitieren. Und natürlich vom Glamour der Filmwelt. Erst letzte Woche, erzählt Gouband, war Al Pacino in den Studios zum Dreh vor Ort. Auch für Serienkracher wie „Lupin“ oder „Emily in Paris“ wurde dort schon gefilmt. Dann führt er ins frisch sanierte Art-Deco-Treppenhaus. Und verrät, dass die Eröffnungsszene von Luc Bessons „Léon - der Profi“ genau hier gedreht wurde, als das Land ringsum noch eine riesige Industriebrache war. Nicht etwa im hippen New York.
„Hier hat man den urbanen Vibe, das authentische Paris“
Eben jenes New York bemüht Tomas Kennedy in einem genauso rustikalen Backsteingebäude drei Kilometer entfernt für einen Vergleich. Die Brauerei seines Vaters ist vor knapp einem Jahr aus Paris nach Saint-Denis umgezogen. In dem historischen Gebäude, wo einst Champagner und Calvados abgefüllt wurden, brauen sie unter dem Namen „Paname“, einem alten Spitznamen für Paris, jetzt ihr Bier, servieren neben den Braukesseln Smashburger und Fritten. Saint-Denis, sagt Kennedy, das sei gewissermaßen das Brooklyn von Paris. Der Ort, wo die Zukunft der Metropole liege. „Es gibt viel Platz, alte Gebäude, hier hat man den urbanen Vibe, das authentische Paris.“ Den trendigen Kontrast zu den idyllischen Postkartenmotiven, zum Eiffelturm, zur Champs Élysée mit ihren Luxusboutiquen.
Shoppen, das kann man natürlich auch im aufstrebenden Department mit der berühmt berüchtigten Postleitzahl 93. Aber eben anders. Wie in St. Quen, wo 3000 Stände zum quirligen Flohmarkt Marché aux Puces verschmelzen. Dior, Chanel, Balenciaga, das gibt es dort auch - aber Secondhand bei „Chez Sarah“. Unter einer Glasüberdachung, die an den Camden Market in London erinnert, stöbern die Besucher zu lauter Musik durch Tausende von Platten. Auf dem größten Flohmarkt der Welt gibt es nichts, was es nicht gibt. Exquisite Antiquitäten und billigen Tand findet man hier gleichermaßen. In einer der Buden wartet gar ein tonnenschwerer Kaminsims aus einem französischen Chateau auf solvente Schlossbesitzer. Der Pariser Norden kann auch Luxus.
Genauso wie Türme. Nicht nur die neue Spitze der Kathedrale wächst dort gerade in den Himmel. Pünktlich zu den Spielen ist auch das H4 in einem 140 Meter hohen weißen Wolkenkratzer gestartet. Die größte Pariser Hoteleröffnung der letzten 50 Jahre, 697 Zimmer. Die ganze Hauptstadt liegt einem in der Hotelbar im 40. Stock zu Füßen. Der Eiffelturm schickt des nachts mit einem Scheinwerfer sein Leuchtsignal über die glitzernde Metropole an der Seine herüber. Auch die weißen Türme von Sacré-Cœur sind deutlich zu erkennen. Dort ist der kopflose St. Denis einst losgelaufen. Von hier oben wird klar: Es war ein langer Weg. Mit der U-Bahn sind es heute nur noch knapp 20 Minuten.
Die Recherche wurde unterstützt vom H4 Hotel Wyndham Paris Pleyel Resort, der Agentur für Attraktivität der Plaine Commune und Choose Paris Region.
Weitere Informationen über St. Denis
Übernachten: Ein Doppelzimmer im Viersterne-Hotel H4 Wyndham in Saint-Denis gibt es teilweise schon für unter 100 Euro pro Nacht.
Anreise: Saint-Denis ist von den Flughäfen Charles de Gaulle und Orly gut zu erreichen. Mit der Linie 13 ist man in knapp 20 Minuten in der Pariser Innenstadt. Seit Kurzem bindet auch die neue Linie 14 die Stadt nördlich von Paris an.
Essen: Authentische französische Küche zum kleinen Preis gibt es im „Le Bouillon de Coq“, das der französische Sternekoch Thierry Marx 2024 in St. Quen eröffnet hat.
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