Mal eben bei Tiktok oder Instagram gescrollt und hängengeblieben – schon wieder ist eine halbe Stunde Lebenszeit weg. Aber was hat man gerade eigentlich gesehen? Oft belangloses Zeug, das schnell vergessen ist. Folgen hat das Dauerscrollen in sozialen Medien dennoch – für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft.
„Die Nutzungszeit ist extrem – und all diese Lebenszeit steht uns nicht für andere Dinge zur Verfügung“, sagt der Medienwissenschaftler Ralf Lankau. 168 Stunden hat eine Woche, etwa 50 bis 60 davon schlafen wir. Sagenhafte 72 Stunden pro Woche sind die Deutschen inzwischen online, mit keinem anderen Gerät mehr als mit dem Smartphone, wie die kürzlich vorgestellte „Postbank Digitalstudie 2025“ ergab. Bei den 18- bis 39-Jährigen sind es sogar fast 86 Stunden.
Eine Folgen überbordender Handynutzung: Schlafmangel
Sieben von zehn Befragten sind regelmäßig in sozialen Netzwerken aktiv. „Wir sehen in Studien einen Zusammenhang zwischen jüngerem Alter und einer stärkeren suchtähnlichen Nutzung der sozialen Medien“, erklärt Kognitionsforscher Christian Montag, der an der Universität von Macau lehrt. Möglicherweise sei das darauf zurückzuführen, dass der präfrontale Kortex noch nicht ausge-reift ist. Es dauere üblicherweise bis ins junge Erwachsenenalter, bis Menschen gute Selbstregulationsfähigkeiten zeigten.
Vielfach würden psychische Probleme junger Menschen mit intensiver Social-Media-Nutzung in Verbindung gebracht, ergänzt der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg. Ursächlich nachzuweisen sei dieser Zusammenhang nur schwer – allein schon deshalb, weil es keine Vergleichsgruppe ohne Smartphone gibt. Eine nachgewiesene Folge ist Lindberg zufolge Schlafmangel, der bei Kindern sowohl kurzfristige Folgen etwa für die Lernfähigkeit als auch langfristige für die Hirnreifung habe.
Im Zusammenhang mit dem Geschäftsmodell sozialer Medien, Nutzer möglichst lange im System zu halten, werde auch die sogenannte Displacement-Hypothese diskutiert, erklärt Montag. „Die Logik dahinter lautet, dass die verbrachte Zeit auf den sozialen Medien weg ist für andere wichtigere entwicklungspsychologische Aufgaben.“
Forscher spricht von einem „weltweiten Sozialexperiment unvergleichlichen Ausmaßes“
Hinzu kommen indirekte Folgen schon für die Jüngsten, wenn die Eltern Zeit in sozialen Medien statt mit ihnen verbringen, wie Lindberg sagt. Beim Stillen, auf dem Spielplatz, in etlichen Situationen schauen Eltern aufs Handy – Zeit, die für Kommunikation fehlt. „Studien zeigen ganz klar, dass soziale Interaktion extrem wichtig für die Entwicklung ist.“
Lindberg spricht von einem „weltweiten Sozialexperiment unvergleichlichen Ausmaßes“ ohne Vorabprüfung und Kontrollen. Ein Experiment, das sich womöglich auf die künftige Zahl an Patenten und nobelpreiswürdigen Ideen, auf den Erfindergeist in allen möglichen Lebenslagen und auf die Kunst auswirkt.
Zugrunde liegt unter anderem ein durch soziale Medien aussterbendes Gefühl: Langeweile. Studien zeigen, dass Gedankenwandern eine Voraussetzung für Kreativität ist. „Wenn ich in jeder freien Minute von meinem Smartphone absorbiert werde, ist es schwer, in einen reflexiven Modus zu kommen“, sagt Montag. Kreativität werde immer dann gefördert, wenn der vorgegebene Input möglichst gering sei, sagt auch Lankau. „Ein Holzklötzchen kann alles sein, was ich mir vorstelle.“ Ein Computerspiel lasse dafür wenig Raum, weil alle Handlungsoptionen vorprogrammiert sind. Aber zumindest agiere der Nutzer noch selbst. „Soziale Medien nutzen die meisten als reine Konsumenten, allenfalls für Likes und Emojis.“
Das Smartphone erschwert die Konzentration und führt zu schlechteren Noten
Dafür steht der Begriff „Brain rot“. 2024 von Oxford University Press zum Wort des Jahres gewählt, bezeichnet es den Zustand geistiger Abstumpfung nach dem Dauerkonsum trivialer Online-Inhalte. Montag zufolge lenkt der Begriff von den eigentlichen Problemen ab – etwa nicht altersangemessene Inhalte, Körperunzufriedenheit bei ständigem Konsum von Bildmaterial mit unrealistischen Körperidealen und Fake News.
Und leidet nicht auch die Konzentrationsfähigkeit? Ja und nein. Einem an das ständige Geblinker sozialer Medien gewöhnten Gehirn kann es tatsächlich schwerer fallen, sich ausdauernd etwa dem Lesen eines Textes zu widmen – erst recht, wenn das Smartphone in Reichweite ist.
Wenn man sich einem Thema widmet, dauere es etwa zehn Minuten, um reinzukommen, erklärt Lankau. Anschließend folgen typischerweise 20 bis 30 Minuten konzentriertes Arbeiten, dann eine Pause. Dieser Zyklus wiederhole sich. Das Smartphone verkürze die Konzentrationszeit nicht, erschwere es aber, die Konzentration zu halten. Das birgt die Gefahr, schlechter lernen zu können.
Statistiken weisen auf einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und Bildungserfolg hin. Demnach sinken die Denk- und Problemlösefähigkeiten von Teenagern im Lesen, Rechnen und bei naturwissenschaftlichen Aufgabenstellungen seit etwa 2010. Ein immer höherer Prozentsatz junger Menschen gebe an, sich nicht mehr so gut konzentrieren können wie früher.
Schnelle, einfache Botschaften: Soziale Medien sind eine Gefahr für Demokratien
Lankau meint: „Wenn man als Intelligenz wertet, durch die Anwendung und Kombination von Gelerntem handlungsfähig zu sein – ja, dann werden wir eher dümmer.“ Um einem Problem oder einer Fragestellung auf den Grund zu gehen, müsse man Argumente destillieren, Texte analysieren und Debatten folgen können, sagt Lankau. „Es ist eines der größten Probleme, dass kritisches Denken verlernt wird.“ Demokratien kann dies Experten zufolge gefährlich werden.
Soziale Medien seien heute zentral für die Meinungsbildung und als Informationsquelle, sagt Philipp Lorenz-Spreen von der TU Dresden. Junge Menschen nutzten oft keine anderen Angebote mehr. Und gerade sie seien empfänglich für gezielte Beeinflussung und Manipulation, sagt Lankau.
Um Nutzer im Meer der Belanglosigkeiten gezielt zu locken, muss es in sozialen Medien möglichst emotional zugehen. Die Botschaften müssen einfach sein und die Beiträge nicht so lang, erklärt Lorenz-Spreen. Schnell geschnittene, kurze Videos sind optimal, in denen lassen sich aber komplexe Sachverhalte schwer vermitteln. Kurz: Für extreme Beiträge gibt es die meisten Likes.
In den sozialen Medien werden Feindbilder geschaffen
Für Menschen wie US-Präsident Donald Trump mit simplen Statements seien soziale Medien die perfekte Bühne – und das wiederum sei brandgefährlich, sagt Lorenz-Spreen. „Soziale Medien zündeln an Gesellschaften, um Geld zu verdienen“, warnt er. „Ich wundere mich, dass die Demokratien das so hinnehmen.“
Studien zeigten, dass die Nutzung sozialer Medien statistisch mit der Unterstützung populistischer Parteien einhergeht, mit vermindertem Vertrauen in Institutionen, mit mehr Wir-gegen-die-Gefühl. Diesen Zusammenhang ursächlich zu belegen, sei schwierig, zumal es viele Faktoren wie die Corona-Pandemie und die wachsende Ungleichheit gebe, die zu zunehmender Polarisierung beitrügen. „Aber den Sprung von Unzufriedenheit zu Populismus, dafür braucht es oft den Einfluss sozialer Medien“, ist Lorenz-Spreen überzeugt. „Dort werden Feindbilder geschaffen.“
Soziale Medien beeinflussen auch, welche Nachrichten von klassischen Medien noch aufgegriffen werden, wie Überschriften dort klingen müssen und wie öffentliche politische Debatten zu führen sind, sagt Lorenz-Spreen. Der für Parteien wie die AfD typische Kommunikationsstil werde normalisiert. Aus sachlicher Ablehnung der „Anderen“ werde – stark schon in den USA, beginnend auch in Deutschland – emotionale Ablehnung. „Bis zu politischer Gewalt ist es dann nicht mehr weit.“
Expertin sagt: Soziale Medien sind die perfekte Propagandamaschinen
Soziale Medien lägen in den Händen einiger weniger mächtiger, überwiegend im Hintergrund agierender Player, sagt Lankau. „Nicht jeder Besitzer ist einfach nur auf Geld aus.“ Wer eine Plattform wie Tiktok besitzt, habe unfassbare große politische Macht und mit genug Geld könne man in sozialen Medien jede politische Richtung publik und beliebt machen. „Das ist die perfekte Propagandamaschine.“
„Es liegt unsinnig viel Geld in den Händen weniger Tech-Milliardäre, Politiker verkommen unter der Macht solcher Superreicher zu reinen Marionetten“, warnt Lankau. Als Beispiel nennt er das „Project 2025“, unterstützt von Tech-Milliardären wie Peter Thiel: ein radikaler politischer Masterplan zur Umgestaltung von US-Institutionen, den Experten als Blaupause für die Etablierung einer autoritären Regierungsform und den Abbau demokratischer Institutionen sehen.
Ein wichtiger Schritt für jeden Einzelnen ist, sich die Motivation der Betreiber sozialer Medien und die Beweggründe der dort Agierenden klarzumachen, wie die Experten betonen. Es gelte, Alternativ-Strukturen in Europa aufzubauen. „Wir müssen uns aus der Abhängigkeit von US-Plattformen lösen“, sagt Lankau.
Auch die Effekte auf unser Gehirn sind nicht unumkehrbar. Eine Studie habe zum Beispiel experimentell gezeigt, dass schon die zweiwöchige Nutzung eines Smartphones ohne Internetzugang zu einer verbesserten Konzentrationsleistung führt, erklärt Montag.
Der „Postbank Digitalstudie 2025“ zufolge wollen 36 Prozent der 18- bis 39-Jährigen künftig weniger online sein und sich persönlich mit Familie und Freunden treffen. „Der Großteil der Jugendlichen findet das Medienverhalten selbst problematisch“, sagt Lindberg. Das Bewusstsein sei da. (Annett Stein, dpa)
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