Für Ernest Shackleton und sein Expeditionsteam sah es im Oktober 1915 nicht gut aus. Nachdem die 28 Männer neun Monate in der zugefrorenen Antarktis mit ihrem Schiff festgesteckt hatten, zerbrach die Endurance schließlich doch im drängenden Eis. Mehr als fünf Monate kampierten der irisch-britische Entdecker und seine Crew im dunklen Polarwinter, bevor sich ein kleines Team auf einem der Beiboote auf Rettungsmission begab. Im Herbst 1916 kehrten alle 28 Männer nach Hause zurück.
Wie in Krisenzeiten optimistisch sein?
Eine fast unglaubliche Heldengeschichte, die Stoff lieferte für Romane, Filme, Seminararbeiten, Motivationskurse und Lebensratgeber: Mach es wie Shackleton, einfach nicht aufgeben! Auch der britische Physiker Sumit Paul-Choudhury erzählt sie noch einmal in seinem im Münchner Kjona-Verlag erschienenen Sachbuch „The Bright Side. Eine optimistische Geschichte der Menschheit“ (384 Seiten, 25 Euro). Wie gelang es Shackleton diese Expedition, die an einem unwirtlichsten der Orte der Welt strandete, zu einem glücklichen Ende für alle zu führen? Mit Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Mut?
Eine Antwort, die Paul-Choudhury auf diese Frage gibt: Indem Shackleton schon bei der Auswahl seiner Teammitglieder auf ein Kriterium besonders Wert legte. Optimismus sei die Eigenschaft, nach der er suche, zitiert er den Polarforscher: „Vor allem Optimismus angesichts von Rückschlägen und vermeintlichen Misserfolgen. Optimismus ist wahre Zivilcourage.“ Am schwersten zu bewahren in schwierigen, scheinbar ausweglosen Situationen, aber gerade dann am wichtigsten, so Paul-Choudhury. „Er ist kein Luxus, den wir uns leisten können, wenn die Zeiten gut sind. Er ist eine Ressource, die wir anzapfen können, wenn es hart auf hart kommt – und dann kann er den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.“
Dies zur Einstimmung.
Geborene Optimisten – und was ist mit den anderen?
Ist Shackleton als Optimist zur Welt gekommen? Oder sein zweiter Kommandant Frank Wild, der mit dem Großteil der Mannschaft im Eis zurückblieb und auf Rettung hoffte? Die Männer hätten Wild ihr Leben zu verdanken, schrieb Shackleton: „Die Dämonen der Niedergeschlagenheit konnten nirgends Fuß fassen, wenn er in der Nähe war.“ Tatsächlich ist Optimismus eine Sache der Gene, genauer gesagt, „auch“ eine Sache der Gene. Es gibt sie, die Glückskinder, denen eine positive Lebenseinstellung in die Wiege gelegt wird – der prädispositionale Optimismus. Was diese Menschen auszeichnet? „Eine generell positive Zukunftserwartung“, sagt Judith Mangelsdorf, Deutschlands erste Professorin für Positive Psychologie an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport. Wer die Grundüberzeugung habe, dass die Welt prinzipiell ein guter Ort sei, für den ist es sinnvoll anzunehmen, dass auch die Zukunft sich in eine gute Richtung entwickle oder sich Dinge im positiven Sinne lösen lassen. Die Shackletons eben. Und die anderen? Die können optimistische Denkmuster übernehmen – Optimismus erlernen, zum Beispiel durch die Prägung in der Kindheit, wenn immer wieder positive Zukunftserwartungen gespiegelt werden: „Du schaffst das.“ Und als Erwachsener? Dazu später.
Zur Orientierung an dieser Stelle ein kleiner Test, entwickelt 1985 von den US-amerikanischen Psychologen Michael Scheier und Charles Carver, der sogenannte Life-Orientation-Test, kurz LOT, der Optimismus als Wesenszug misst. Zehn Fragen, schnell gemacht also, es gibt keine richtigen oder falschen Antworten – folgende Skala zählt: 0 – trifft überhaupt nicht zu, 1 – trifft kaum zu, 2 – teils/teils, 3-trifft etwas zu, 4 – trifft voll und ganz zu.
- Auch in ungewissen Zeiten erwarte ich normalerweise das Beste.
- Es fällt mir leicht, mich zu entspannen.
- Wenn bei mir etwas schieflaufen kann, dann tut es das auch.
- Meine Zukunft sehe ich immer optimistisch.
- In meinem Freundeskreis fühle ich mich wohl.
- Es ist wichtig für mich, ständig beschäftigt zu sein.
- Fast nie entwickeln sich die Dinge nach meinen Vorstellungen.
- Ich bin nicht allzu leicht aus der Fassung zu bringen.
- Ich zähle selten darauf, dass mir etwas Gutes widerfährt.
- Alles in allem erwarte ich, dass mir mehr gute als schlechte Dinge widerfahren.
So kommen Sie zum Ergebnis: Die Punkte für 2,5,6 und 8 kann man bei der Auswertung beiseitelassen, weil sie sozusagen nur als Nebelkerzen dienen. Da die Aussagen 3,7 und 9 negativ sind, werden die Punkte ausgetauscht: Für eine 0 eine 4, für eine 1 eine 3. Diese Werte dann addieren und die Punkte für die restlichen Aussagen dazuzählen. Ist der Wert unterhalb von 13, besitzen Sie einen geringen Optimismus, oberhalb von 19 dagegen einen großen Optimismus. Dazwischen: Mäßiger Optimismus.
Auch Paul-Choudhury, zehn Jahre lang Chefredakteur des New Scientist, stellt den Test in seinem Buch vor, samt seinen Zweifeln daran: ziemlich durchschaubare Fragen zum Beispiel. Und dann auch noch eine Selbsteinschätzung? Aber der LOT ist zu einem der wichtigsten Messinstrumente in der Forschung geworden. Und glücklich kann sich schätzen, wer sich im eher oberen Bereich verorten kann, also grundsätzlich eine optimistische Veranlagung besitzt. Zahllose Studien haben seitdem gezeigt, dass Optimisten tendenziell länger, gesünder und glücklicher leben, unter anderem auch besser schlafen, sich weniger gestresst fühlen und im Durchschnitt mehr Geld verdienen. Um die Sache hier kurz zu machen. Sie sind evolutionär im Vorteil. „Sie sind nicht nur Traumtänzer, sondern Problemlöser, die versuchen, die Situation zu verbessern“, so Michael Scheier.
Was Sumit Paul-Choudhury nach seiner Recherche quer durch alle Fachgebiete jedoch als Fazit nennt: „Wir sind optimistischer als wir denken – trotz Klimakrise, Krieg und künstlicher Intelligenz.“ Ohne Optimismus nämlich wäre die Menschheit längst am Ende …
Optimismus – welcher soll es sein?
Blind, realistisch, gefährlich, absolut, defensiv, individuell, kollektiv, positiv, negativ, toxisch, naiv, dispositional, funktional, vergleichend, erlernt – es gibt viele Arten von Optimismus, beziehungsweise Deutungsweisen. Sogar Romanfiguren haben es ins Lexikon geschafft mit ihrer Version des Optimismus: Panglossianismus, benannt nach Dr. Pangloss aus Voltaires Roman „Candide oder Der Optimismus“, der die Lehre einer sich ständig verbessernden Welt verkündet – während sein Schüler in ein Unglück nach dem anderen rennt. Eine beißende Satire auf Gottfried Wilhelm Leibniz, der Optimist unter den Gelehrten, und auf blinden Optimismus. Vielleicht würde man heutzutage Meister Pangloss auch toxischen Optimismus unterstellen – ein Begriff, der erst seit einigen Jahren im Umlauf ist. Gemeint ist damit eine zwanghaft positive Einstellung, die negative Gefühle nicht zulässt. Auch einen grausamen Optimismus gibt es, der Begriff wurde von der amerikanischen Kulturtheoretikerin Lauren Berlant geprägt und sie meinte damit einen Optimismus, mit dem sich der Mensch an falsche Versprechen klammert – unausweichlich also ein schlechtes Ende wartet.
Und dann gibt es auch noch eine Optimismusverzerrung, ein Phänomen, das erstmals 1980 der amerikanische Psychologe Neil Weinstein untersuchte und dessen Ergebnisse seitdem von Hunderten Studien bestätigt wurden. Generell neigen Menschen demnach dazu, ihre Aussicht auf Glück zu überschätzen und die auf Unglück zu unterschätzen. Simples Beispiel: An der eigenen Hochzeit gehen vermutlich die wenigsten davon aus, dass ihre Ehe scheitern wird – ungeachtet aller Statistiken. Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot geht davon aus, dass etwa 80 Prozent der Menschen einen Optimismus-Bias zeigen, zehn Prozent Realisten sind und zehn Prozent Pessimisten, die mit dem Schlimmsten rechnen.
Auch der amerikanische Nobelpreisträger Daniel Kahnemann befasste sich in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ mit diesem Phänomen – das er auch bei amerikanischen Unternehmensgründern entdeckte. 81 Prozent schätzten einer Studie nach ihre Aussichten gut ein, ein Drittel hielt sogar Scheitern für unmöglich. Tatsächlich überleben aber nur 35 Prozent der kleinen Firmen die ersten fünf Jahre. Auch Elon Musk zählt zum Kreis, der die Zukunft etwas zu schillernd zeichnet: Seit Jahren schon müssten sonst die Teslas komplett autonom über die Straßen fahren … Er habe Probleme mit der Zeit, so Musk, er werde versuchen, darin besser zu werden.
Gibt es aber so etwas wie den idealen Optimismus? Ja, sagt Psychologin Judith Mangelsdorf. Der passende Fachausdruck: funktionaler Optimismus oder auch realistischer Optimismus. Beispiel Klimakrise: Wenn man pessimistisch sei und von der globalen Katastrophe ausgehe, sei die Konsequenz Passivität. Um handlungsfähig zu werden, sei es daher wichtig, dass die Menschen sich eine positive Zukunft vorstellen können und proaktiv handeln. Aber wiederum nicht so weit gehen zu sagen: Lass uns mal aussitzen, wird doch alles gut … „Da gibt es einen Kipppunkt, an dem es ins Extrem geht, und der Optimismus dann eben nicht mehr funktional ist“, sagt Mangelsdorf. Beispielsweise, wenn man die Risiken des eigenen Verhaltens falsch einschätzt und damit sich oder andere in Gefahr bringt. „Was die Forschung daher sagt: Ein hohes Maß an Optimismus ist hilfreich. Ein extremes Maß aber nicht mehr.“
Eine gute Zukunft für mich, aber keine gute Zukunft für die Welt?
Es ist ein Paradox: Befragt man die Menschen, wie sie ihre eigene Zukunft und die der gesamten Gesellschaft sehen, dann gibt es eine Lücke. Für sich selbst nämlich sehen die Menschen eher positiv. 2020 gingen Catherine de Vries von der Bocconi-Universität und Isabell Hoffmann von der Bertelsmann Stiftung dieser „Optimismuslücke“ innerhalb der Europäischen Union nach. Was sie feststellten: In der EU sahen zu diesem Zeitpunkt 58 Prozent der Befragten optimistisch auf ihre persönliche Zukunft, aber nur 42 Prozent auch auf die Zukunft ihres Landes. Wie erklärt sich der Unterschied?
„Beim individuellen Optimismus schaue ich auf die Zukunft aus meinem jetzigen Leben und Erleben heraus“, sagt Judith Mangelsdorf. Nimmt das gerade eine positive Entwicklung, kann man sich auch eine entsprechend positive Zukunft vorstellen. Für den kollektiven Optimismus spielt aber das eigene Leben nicht die entscheidende Rolle, sondern das abstrakte Bild, das wir von der Welt zeichnen und durch mediale Berichterstattung erhalten – oft eher negativ. Und so entsteht die Lücke – die in verschiedenen europäischen Ländern jedoch unterschiedlich groß ausfällt. Frankreich und Italien haben den höchsten Anteil von Befragten, die sowohl ihre persönliche Zukunft als auch die Zukunft ihres Landes pessimistisch einschätzen. Die größte Optimismuslücke zeigt sich in Deutschland und Spanien. 65 Prozent der Deutschen blickten damals positiv in die eigene Zukunft, für das eigene Land sah die nur bei 44 Prozent rosig aus … besonders die Jugend in Europa sieht die Zukunft düster. Einfluss hat das auch an den Wahlurnen, wie de Vries und Hoffmann ermittelten: Sowohl hinsichtlich ihrer persönlichen Zukunft als auch der ihres Landes waren Anhänger rechtspopulistischer Parteien überdurchschnittlich pessimistisch.
Sehen wir zu pessimistisch in die Zukunft?
Realistischer Blick oder Schwarzmalerei? In seinem Buch „Aufklärung jetzt“ vertrat der kanadische Harvard-Psychologe Steven Pinker die These: Die Aufklärung hat funktioniert, alles ist besser geworden! Die Menschen leben länger, gesünder, sicherer, glücklicherer, friedlicher und wohlhabender denn je – für all das gibt es Fakten, nur spricht kaum jemand darüber. Als er sein Buch verfasste, war gerade Donald Trump zum ersten Mal auf dem Weg ins Präsidentenamt – genau der richtige Zeitpunkt also nach Ansicht Pinkers, den Untergangspropheten etwas entgegenzusetzen und „um die Leute darauf hinzuweisen, dass es entgegen ihrem Glauben an nahezu allen Fronten aufwärtsgeht?“. Sehen wir also zu pessimistisch auf die Gegenwart und damit auch zu negativ in die Zukunft? Nämlich in den Abgrund? Negativ-Verzerrung, das dunkle Gegenstück zur Optimismus-Verzerrung. Der Grund dafür liegt jedenfalls auch in der menschlichen Natur: Negatives bleibt länger im Gehirn, Negatives wird stärker beachtet – wie zahlreiche Studien zeigen. Und der größte Teil aller negativen Gedanken schwirrt sinnlos durch den Kopf. Denn: 90 Prozent aller Sorgen, die sich Menschen täglich machen, seien völlig nutzlos – weil die Probleme niemals eintreten, zeigten die Psychologen Lucas LaFreniere und Michelle Newman 2020 in einer Studie.
Zeit für die Klassikerfrage: Ist das Glas also nun halb voll oder halb leer? Die Antwort ist eigentlich egal. Die realistische Situation könne man ohnehin oft nicht klar benennen. Das Wichtigste sei vor allem, sagt Glücksforscherin Mangelsdorf, „dass wir Pessimismus und Optimismus unter dem verstehen, was es für Handlungskonsequenzen auslöst.“ Passivität oder Aktivität nämlich? „Ein optimistischer Mensch wird viel häufiger einen positiven Ausgang von zukünftigen Situationen erleben und nicht deswegen, weil das durch Zufall häufiger bei ihm vorkommt, sondern weil er mehr tut, um zu einer positiven Entwicklung der Zukunft beizutragen.“
Und das Gegenteil? Ist die Pessimismusfalle, auch nämlich wer negativ in die Zukunft blickt und nicht ins Handeln kommt, wird ja bestätigt – durch negative Ergebnisse. Paul-Choudhury verweist in seinem Buch auf Aesops Fabel von den zwei Fröschen, die in ein glattwandiges Gefäß voller Milch gesetzt werden. Der eine ertrinkt, weil er keinen Ausweg entdeckt und an seinem Schicksal verzweifelt. Der andere strampelt, strampelt, strampelt – bis die Milch zu Butter wird und er hinausspringt.
Mangelsdorf Antwort auf die Wasserglasfrage lautet übrigens so: Realistisch gesehen ganz voll, „halb voll mit Wasser, halb voll mit Luft.“
Ist es unverantwortlich, nicht optimistisch zu sein?
An dieser Stelle drei Zitate.
Eines vom Philosophen Karl Popper, der in Anlehnung an Immanuel Kant schrieb: „Optimismus ist eine Pflicht. Die Zukunft ist offen. Sie ist nicht vorherbestimmt. Wir alle bestimmen sie mit durch das, was wir tun. Wir sind alle gleichermaßen für ihr Gelingen verantwortlich.“
Eines von Christiana Figueres, einst oberste UN-Klimaschützerin und Mitgründerin des Beratungsunternehmens Global Optimism: „Wir haben nicht das Recht, aufzugeben oder nachzulassen. Optimismus bedeutet, sich unsere gewünschte Zukunft vorzustellen und dann aktiv an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. Optimismus öffnet das Feld der Möglichkeiten, er befeuert den Wunsch, einen Beitrag zu leisten, etwas zu bewirken, er lässt einen morgens aus dem Bett springen, weil man sich herausgefordert und gleichzeitig hoffnungsfroh fühlt.“
Und ein Letztes von der Historikerin Anne Applebaum: „Was soll ich denn meinen Kindern oder ihren Freunden sagen? Dass alles furchtbar enden wird? Das ist keine Option. Nichts ist festgelegt, wir können Geschichte jeden Tag ändern. Es gibt keine Regel, die besagt, dass die Demokratie untergehen oder die Autokratie aufsteigen muss. Alles, was morgen passiert, hängt von dem ab, was wir heute tun. Deshalb müssen wir optimistisch bleiben und daran glauben, dass Veränderungen möglich sind, weil sie es immer sind.“
Pflicht? Judith Mangelsdorf zögert kurz. Denn: Optimismus ist nicht zu vergleichen mit dem Abwasch, der ansteht: „Das wirkt ja so, als ob wir jederzeit die freie Wahl hätten, unser Denken in die eine oder andere Richtung zu bestimmen.“ Zumal: Wer genetisch eher zum Pessimismus veranlagt ist, wird ebenso wie der geborene Optimist von seinem Wesen stets in eine Richtung gedrückt. „Always“ auf „the bright side of life“, frei nach Monty Python, oder die andere. Wo sie aber Popper folgt und auch Figueres und Applebaum: „Wir können nur dann Zukunft gestalten, wenn wir an eine gute Zukunft glauben. Wer immer Gestaltungswillen in sich trägt, ist insofern auch aufgefordert, an einer positiven Vision der Zukunft zu arbeiten.“ Zumal Optimismus sozial ansteckend ist – wie auch das Gegenteil. Wo aber sind die passenden Geschichten?
Und da jetzt ein kurzer Ausflug zu Kjona nach München, einem Verlag, der nicht nur schöne Geschichten verlegt, sondern über den es auch eine solche Geschichte zu erzählen gibt. Von zwei Freunden, die sich getraut haben, 2021 in München einen Verlag nach ihren Vorstellungen gründeten, alles nachhaltig, beide wegen der Familie in Teilzeit, und bereits noch davor sich die Rechte am Buch von „The Bright Side“ sicherten, weil sie etwas von diesem positiven Gefühl in die Welt tragen wollten…
Deshalb noch ein Zitat von Sumit Paul-Choudhury selbst: „Wir sind es uns selbst, unseren Kindern und denen, die noch nicht geboren sind, schuldig, ins Unbekannte vorzudringen, in der Hoffnung, dort Antworten zu finden. Das ist unsere gemeinsame Pflicht.“
Und damit zur für die Zukunft entscheidenden Frage.
Wie können wir optimistischer werden?
So wie sich ganze Regale in den Buchhandlungen mit Dystopien füllen lassen, in denen noch viel schlimmere Welten beschrieben werden – was eigenartigerweise aber beim Lesen auch recht tröstlich sein kann – so leicht lassen sie sich auch mit Ratgebern zu diesem Thema bestücken. Optimismus also einfach lernen, so wie Französisch oder Klavierspiel? Mit Ratschlägen wie diesen: Dankbarkeitstagebücher führen, jeden Tag etwas Gutes tun, barfuß über eine Wiese laufen … Man kann sich über solche Tipps lustig machen oder eben auch nicht. Ganz offenbar gibt es einen Bedarf danach. Und daneben wissenschaftliche erforschte Methoden, mit denen man sich einen realistischen Optimismus durchaus antrainieren könne, sagt Judith Mangelsdorf. Zum Beispiel WOOP, entwickelt von der Psychologin Gabriele Oettingen. Man nimmt sich eine konkrete Idee oder Herausforderung, die man optimistisch angehen möchte. Dann stellt man sich vier Fragen: Was ist der konkrete Wunsch, das Ziel? (Wish)? Was ist das Bestmögliche, was entstehen könnte (Outcome)? Welches Hindernis könnte dem Ziel entgegenstehen (Obstacle)? Wie werde ich mit dieser Hürde umgehen (Plan)? „Wenn man diese vier Schritte strukturiert im Kopf geht, dann kann das wirklich einen großen Unterschied machen, in Bezug auf ein konkretes Ziel optimistischer zu sein“, sagt Mangelsdorf. Auch was die großen Krisen betreffe, zum Beispiel der Klimawandel, gehe es darum, sich konkret zu überlegen, was kann ich in meinem Umfeld vielleicht für einen Unterschied machen? Herauskommen also aus der Ohnmacht, rein in die Selbstwirksamkeit. Und sich mit anderen zum Beispiel verbinden, in Gruppen oder Vereinen, sich gemeinsam starkmachen. „Gerade die großen Krisen verlangen einen kollektiven Optimismus und brauchen daher auch eine kollektive Selbstwirksamkeit.“
Was also sind unsere Wünsche für die Zukunft? Was wollen wir unseren Kindern erzählen? Was wollen wir ändern? Wie können wir gemeinsam an etwas Besseres glauben – an die Beste aller Welten? Im Buch „The Bright Side“ plädiert Sumit Paul-Choudhury für eine Zukunft, die nicht nur aus den akademischen Tugenden der Vernunft, des Intellekts und der Planung, sondern auch aus den irrationalen Tugenden der Hoffnung, der Fantasie und der Möglichkeit – aus dem Optimismus also geboren werde. Er wandelt dabei ein berühmtes Zitat des Italieners Antonio Gramsci, geschrieben in einem Brief aus einem der Gefängnisse Mussolinis, etwas ab. Bei ihm lautet es:
„Heute wie damals stirbt eine alte Welt. Unsere Aufgabe ist es, der neuen Welt zur Geburt zu verhelfen und dafür zu sorgen, dass sie nicht von Monstern zur Welt gebracht wird.“
Sumit Paul-Choudhury: The Bright Side. Eine optimistische Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, 384 Seiten, 25 Euro.
Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Jahr 2025. Er stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er im April 2025 veröffentlicht.
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