Doris Kraus ließ sich nicht so leicht beeindrucken. Wenn etwa der große Philosoph Theodor Adorno bei ihr vorbeikam, um einen seiner Vorträge abtippen zu lassen. Und erst recht nicht von einem Germanistik-Professor, der sie, die erfahrene Sekretärin, belehren wollte, wie sie Kommata zu setzen hätte. Kurzerhand schrieb Doris Kraus, die in den TEE-Zügen (Trans-Europ-Express) der Deutschen Bahn in einem extra eingerichteten Schreibabteil saß und während der Zugfahrt Tipparbeiten für die Fahrgäste erledigte, an die Dudenredaktion. Die bestätigte ihr prompt, dass sie recht hatte. Mit Genugtuung hat die Frau in den 1950er Jahren jene Episode in ihrem Tagebuch vermerkt, das sie über ihre Dienst-Reisen führte. Erzählt bekommt man dies bei einem Telefongespräch mit Marlene Kayen, früher selbst eine regelmäßige Tagebuchschreiberin und Vorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen. „Eine sehr emanzipierte Frau für die damalige Zeit“, vergisst Kayen nicht anzumerken, wenn sie von Doris Kraus erzählt.
Im Deutschen Tagebucharchiv werden über 28.000 Selbstzeugnisse von „Herr und Frau Jedermann“ aufbewahrt
In dem kleinen badischen Ort im Breisgau ruhen im Alten Rathaus, einem Barockgebäude mitten in der Stadt, und in drei Magazinen in einer ehemaligen Schraubenfabrik über 28.000 Selbstzeugnisse von Menschen, die über ihr Leben Buch geführt haben. Lebenserinnerungen, festgehalten in Tagebüchern, Briefen, auf losen Blättern, manchmal noch geschrieben in schwer lesbarer Kurrentschrift, manchmal ausgestaltet mit Fotografien, Zeichnungen, Einklebungen.
Das älteste dort bewahrte Tagebuch stammt aus dem Jahr 1760, das kleinste hat etwa die Größe einer Streichholzschachtel. Wissenschaftlern bietet das Tagebucharchiv die Möglichkeit, Geschichte im Kleinen nachzuzeichnen. Persönliche Zeugnisse, die Menschen oft ein Leben lang begleitet haben, beeindruckende Dokumente, die Vergangenheit spürbar machen, nicht aus Sicht der Großen und Berühmten, sondern mit dem Blick auf den Alltag, den „Herr und Frau Jedermann“, wie es Marlene Kayen ausdrückt, erlebt haben.
Tagebücher halten Erinnerungen fest, sortieren die Gedanken, lassen Erlebtes verarbeiten, schärfen den Blick für die Freuden und Schwierigkeiten des eigenen Lebens – und sind seit Mark Aurels „Selbstbetrachtungen“ in der Antike nie aus der Mode gekommen. Auch wenn heute oft von „Journaling“ die Rede ist, für das sich ein eigener Markt aufgetan hat. Bücher wie „6-Minuten Tagebuch“, „Ein guter Plan“ oder „Happinessplaner“ haben Millionenauflagen und führen, garniert mit Kalendersprüchen und Coaching-Tipps, mit Fragen wie „Wofür bist du dankbar?“, „Was hast du für andere getan?“ und „Was hast du heute gelernt?“ durch den Tag.
„Man hält die Zeit an und betrachtet die Aussicht“ schreibt der Schriftsteller Olaf Georg Klein über das Tagebuchschreiben
Es sind wohl eher nicht diese ins Genre „Optimierungs-Tagebücher“ fallenden Bände, an die Olaf Georg Klein denkt, wenn er in seinem Buch „Tagebuch schreiben“ (Wagenbach, 192 Seiten, 20 Euro) bemerkt: „Man hält die Zeit an und betrachtet, wie bei einer schönen Bergwanderung, die Aussicht. Nur eben die Aussicht auf das eigene Leben und was da an Schönheiten und Perspektiven, an Widersprüchen und Abgründen sichtbar wird.“ Bildhaft formuliert der Schriftsteller hier einen Effekt des Tagebuchschreibens. Doch was sind die Gründe, warum Menschen beginnen, ihr Leben auf Papier zu bringen?
Sie sind so unterschiedlich wie die Tagebücher selbst, weiß Marlene Kayen aus vielen Gesprächen mit Menschen, die dem Archiv in Emmendingen ihre Niederschriften übergeben. „Es ist wie ein Geländer, an dem ich mein Leben nachverfolgen kann“, habe ihr eine Krankenschwester erzählt, die in ihren über 200 Tagebüchern immer wieder nachliest, was sie im Laufe der Jahre notiert hat. „Ich reise niemals ohne mein Tagebuch. Man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen bei sich haben“, pries der Schriftsteller Oscar Wilde – in seinem Fall wohl auch mit einer Prise Eitelkeit – diese Begegnung mit dem früheren Ich.
Viele Menschen schreiben Tagebuch, aber nicht nur zur Selbsterforschung und -vergewisserung, sondern um ihrer Nachwelt etwas zu hinterlassen, weiß Marlene Kayen. Oft entstehen Tagebücher dabei in Zeiten von markanten Wendepunkten und Krisen – persönlichen wie weltpolitischen, in denen sich die Menschen buchstäblich die Last von der Seele schreiben: enttäuschte Liebe, Krankheit, Tod eines nahestehenden Menschen, Krieg. Schon sind auch die ersten Corona-Tagebücher in Emmendingen angekommen. „Zwischen zwei Buchdeckeln gewinnt man Distanz und tut sich leichter damit, dies zu verarbeiten“, vermutet Marlene Kayen. Nicht selten raten deshalb auch Psychologen im Rahmen einer Therapie dazu, schriftlich zu reflektieren über Erlebnisse, Gedanken und Gefühle.
„Liebste Kitty“ : Für Anne Frank wurde das Tagebuch zur engsten Freundin
Für eine große Zahl der Schreibenden ist das Tagebuch aber auch ein Vertrauter, dem sie sich öffnen können. „Liebste Kitty“ und „Beste Kitty“ leitete Anne Frank viele ihrer Einträge in das zur Weltliteratur gewordene Tagebuch ein, weil sie eine enge Freundin so sehr vermisste. Oft wählen Tagebuchschreiber die weniger persönliche Anrede „liebes Tagebuch“. „Wenn ein Mensch niemanden hat, mit dem er das Innerste nach außen kehren kann, findet er hier Ersatz“, weiß Marlene Kayen und erinnert sich an eine ältere Dame, die ihre Aufzeichnungen auf Spiralblöcke schrieb und diese ihre „liebe Silberfee“ nannte. Doch Spiralblöcke, Tagebücher wie das Rot-weiß-Karierte von Anne Frank oder einfache Schreibhefte haben heute starke digitale Konkurrenz bekommen. In Posts auf TikTok, Instagram, Facebook oder in Blogs erlebt das Tagebuch in den Sozialen Medien einen Boom.
Und damit zurück zu dem Schriftsteller Olaf Georg Klein, für den diese Form des Diariums schlicht Marketing und Selbstdarstellung sind, die immer den Leser oder Nutzer im Blick haben und nicht das Selbst. „Das Tagebuch ist eine weitgehend zweckfreie Angelegenheit, die höchstens auf Selbsterkenntnis zielt und nicht an andere Personen gerichtet ist.“
Franz Kafka am 7. Juni 1912: „Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit“
„Einfach mal losschreiben“ spricht sich Klein für eine gute alte Methode aus, denn das Tagebuch macht alles mit, bewertet weder noch zensiert es. Ob man nun Zugsekretärin ist oder berühmter Schriftsteller. Ob man über scheinbar belangloses schreibt wie die richtige Kommasetzung oder den Versuch, in einem Hinterhaus dem Naziterror zu entkommen. Das Tagebuch bietet seinem Schreiber allergrößte Freiheit, selbst wenn er sich ihm bisweilen verweigert, wie der Schriftsteller Franz Kafka: „Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit“, notierte der am 7. Juni 1912 in sein Tagebuch.
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