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Was sind Ihre Lieblingsweine? Die Antwort unseres Sommeliers Herbert Stiglmaier überrascht

Genuss

Was sind die Lieblingsweine des Sommeliers?

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    Beste Lage, beste Weine: Der Röttgen in Winningen ist eine der spektakulärsten und renommiertesten Spitzenlagen an der Terrassenmosel. Auch das Weingut Heymann-Löwenstein bewirtschaftet hier vier Parzellen.
    Beste Lage, beste Weine: Der Röttgen in Winningen ist eine der spektakulärsten und renommiertesten Spitzenlagen an der Terrassenmosel. Auch das Weingut Heymann-Löwenstein bewirtschaftet hier vier Parzellen. Foto: Heymann-Löwenstein

    Als Sommelier wird man immer wieder nach den persönlichen Lieblingsweinen gefragt. Vielleicht nur als Bestandteil eines gekonnten Smalltalks oder weil jemand erwartet, dass die Expertise ein ganz besonders fundiertes Urteil hervorbringt. Die Antwort unseres Autors auf diese Frage ist zugegebenermaßen spröde: Er hat gar keinen Lieblingswein. Die Sache liegt für ihn ganz woanders – nämlich im Moment.

    Sprudel: Es war uns nach Champagner. Ein guter Freund wollte seine Promotion feiern, die gute zehn Jahre gedauert hatte. Was Großes sollte es da schon sein. Dann kam Thomas Hausmann an den Tisch, der mit seinem kleinen Laden „Zum Weinmeister“ das Lokal „Fischmeister“ in Ambach am Starnberger See mit erstaunlichen Tropfen bespielt. In der Hand hatte er nicht etwa eine Flasche mit wohlklingendem Namen oder wenigstens mit beeindruckendem postmodernen Etikett, sondern eine grüne Pulle mit Kronkorken-Verschluss und weißem Gekrakel drauf. „Tribolo“ stand da, was im Italienischen als Verbum „tribolare“ so viel wie „bedrängen“ oder „quälen“ heißt. Gequält werden hierbei die Winzer in der Emilia-Romagna von der Traube namens „Trebbiano di Espagna“, die so unregelmäßig verschieden reif wird, dass sie in den meisten Jahren nur als einzelne Beeren und nicht als ganze Traube gelesen werden kann. Trebbiano? War das nicht diese belanglose Weißwein-Rebsorte, mit der halb Italien bestockt ist?

    Nach dem ersten Schluck waren wir geheilt: Noten nach Himbeerblättern und Quitte tauchten in eine lässige Salzigkeit ein und hinterließen die Lust auf das nächste Glas.

    Jetzt waren wir reif für die Geschichte dieses Weines, die weiterhin nicht angibt: Genau aus dieser Traube machen die (Wein-) Bauern in der Emilia gerne ihren Essig. Und ja: es ist Lambrusco in Weiß, ausgebaut als sogenannter PetNat mit einer einzigen Gärung in der Flasche, in der auch die Hefe verbleibt. Ganz im Gegensatz zu Champagner, von dem an diesem Abend überhaupt nicht mehr die Rede war.

    2023 Tribolo, Marchesi di Ravarino, € 26, www.zumweinmeister.de

    Weiß: Dass es Bücher über Winzer gibt, wissen wir. Meistens sind es Ausgaben mit perfekten Fotos, vielen Weinflaschen und gelegentlich großem Lob-Gehudele. Wein-Literatur in ganz anderer Art erschien im vergangenen Jahr: „Ein Glas voller Zeit. Von einem Winzer und seinem Wein“ heißt das kleine Werk. Geschrieben hat es der vielfach ausgezeichnete Roman-Autor Ilja Trojanow. Er nähert sich auf lesenswerte Art dem feinen Saft über die Dimension der Zeit an und beschreibt dabei, wie er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenbringt.

    Im Mittelpunkt steht dabei ein einziges Weingut, und zwar Heymann-Löwenstein von der Terrassen-Mosel. Die Rieslinge aus diesem Betrieb stehen komplett für sich und sind praktisch nicht zu vergleichen. Sie sind gleichermaßen saftig wie filigran, vibrierend und in sich ruhend, harmonisch und aufreizend. Und das Ganze passiert genauso, angefangen vom Gutswein bis hin zum Großen Gewächs.

    Nun haben Cornelia und Reinhard Löwenstein ihr Weingut, nach dreizehn Generationen im Familienbesitz, verkauft. Es lohnt sich also, die Weine mit der definitiven Handschrift der Löwensteins einzulagern. Zeit zum Reifen benötigen sie ohnehin.

    2024 Schieferterrassen, € 23.50, www.gute-weine.de
    „Ein Glas voller Zeit“, Residenz Verlag, € 18.

    Lieblingsweine? Für Herbert Stiglmaier kommt es nicht allein auf den Wein, sondern auch auf den Moment an.
    Lieblingsweine? Für Herbert Stiglmaier kommt es nicht allein auf den Wein, sondern auch auf den Moment an. Foto: Privat

    Rosé: Es ist eine zweiseitige Angelegenheit mit dieser Weinfarbe. Auf der einen Seite läuft sie immer, belächelt von „ernsthaften“ Weinfreunden am Rande mit. Oft zurecht, weil nun wirklich viele komplett banale Exemplare unterwegs sind mit allen Segnungen des hochindustriellen Weinbaus, die auch noch weitgehend identisch schmecken. So bin ich in jedem Jahr auf der Suche nach freudigen und dennoch ernsthaften Rosé-Weinen. Klar, in Deutschland beeindruckt das Weingut Knipser (Pfalz) mit dem „Clarette“ und „Fumé“. Aldinger (Württemberg) ist eine sichere Bank mit dem „Bentz“ und der „Großen Reserve“. Der jeweils erst genannte Wein ist ein Apero-Begleiter für mediterrane Vorspeisen. Die zweitgenannten verkörpern einen Rosé-Stil, der sich gut mit gehaltvolleren Gerichten verträgt und auch absolut wintertauglich ist. An diesem Punkt wird der Rosé dann wirklich überraschend spannend. 

    Zauberhaft, ernsthaft – der Rosé aus dem Weinberg des Bären

    Im vergangenen Jahr habe ich viel probiert ab dem Frühjahr. Es war viel Gutes dabei, aber, ehrlich gesagt, nichts, was mich in Wallung gebracht hätte. So wurde es Juni, Juli und August und ich war froh, dass unser Keller gereifte Rosé (ja, auch das kann er) hergab. Dann kam dieser eine Abend im September. Die Nächte wurden schon wieder kühler und Rosé war eigentlich fast kein Thema mehr. Auf dem Tisch stand eine Flasche eines Weines, den ich vergessen hatte zu verkosten. „L´Accent“ hieß er. Das Weingut verwundert mit dem eigenartigen Namen „Clos de L´Ours“ was übersetzt so viel „Weinberg des Bären“ bedeutet. Wenn man sich dann ein Foto vom Besitzer, Michel Brontons, ansieht, ahnt man, wie der Name wohl zustande gekommen sein mag.

    Der Schmuckhändler aus Marseille hatte vor Jahren seinen Beruf verlassen, um im Departement Var ein ramponiertes Weingut zu erwerben, das allerdings alte Rebbestände hat, die schon seit dem Jahr 2000 biologisch bewirtschaftet wurden.

    Im Rosa dieses Weines schimmerte ein kupferfarbener Reflex, der schon ahnen ließ, dass wir uns jenseits des Mainstreams befinden. Dann erst der Gaumen: Mediterrane Kräuter, immer wieder verhüllt von einer herb-provokanten Würzigkeit. Ein Tropfen, bei dem man den Eindruck, er würde sich nie ganz zeigen – zumal nicht nach der ersten Flasche. Zauberhaft. Ernsthaft.

    2025 „L´Accent“, Clos de L´Ours, Côtes de Provence, € 16.90, www.weinhalle.de

    Rot: „Pofadder“! Das erste Mal als ich dieses Wort hörte, war es der Schreckens-Schrei eines Winzers in Südafrika. Schon früh am Morgen, vor der Hitze des Tages, waren wir aufgebrochen in die Weinberge zur Besichtigung. An einem Boden-Profil sah ich diesen putzig-überdimensionierten Wurm im Kalk-Gestein kriechen und wollte hingreifen. Dann kam der Schrei. Es war eine der giftigsten Schlangen in dieser Gegend, eine Puffotter.

    „Pofadder“ begegnete mir zum zweiten Mal in einer Gegend in Südafrika, die der Reisende nicht unbedingt auf dem Zettel haben muss. Doch im knapp zwei Autostunden von Kapstadt entfernten Swartland, das seinen Namen von der schwarzen Erde hat, findet man gleich mehrere großartige Winzer. Eben Sadie ist einer von Ihnen. Er hat eine Rebsorte aufs Podest gehoben, die bislang immer unter dem Radar lief und eher als Hauswein reussierte: Cinsault. Der eher helle Wein aus dieser Traube, deren eigentliche Heimat Südfrankreich ist, strahlte mit feiner Frische dahin und wurde gerne mit Cabernet Sauvignon verschnitten, um ihm eine farbliche Tiefe zu verleihen. „Thema verfehlt“ möchte man zu dieser verfehlten Praxis sagen, wenn man erst den „Pofadder“ von Eben Sadie im Glas hat. Dieser Wein kommt federleicht und unkompliziert im ersten Angang daher und transportiert dahinter richtig große Substanz mit Anklängen an getrocknete Maulbeeren und rotem Pfeffer. Ein „Hauswein“ auf Sterne-Niveau.

    2024 Pofadder, Eben Sadie, € 69, www.shop.weinamlimit.de

    Ohne Alkohol: Der Hype ist gigantisch geworden, die Nachfrage steigt. Getränke, die Bier und Wein ersetzen sollen, verkaufen sich wie geschnitten Brot. Die Brauer tun sich mit ihrem alkoholfreien Bier da leichter mit den zwei Jahrzehnten Vorsprung in der Technologie. Bei Getränken, die den Wein vergessen machen sollen, ist die Sache ungleich schwieriger. Viele Produkte laufen mit zu viel Süße auf. Die „Sparkling teas“ basieren oft auf Schwarz- oder Grüntee, was nicht jedermanns Sache am Abend ist. Alkohol-befreiter Wein bewegt sich, gelinde gesagt, in engen geschmacklichen Grenzen, welche die Frage aufwerfen, ob man nicht gleich etwas ganz Anderes besser trinken sollte.

    Gut Feeling – wenn bei der Ernte nicht nur Trauben eingefahren werden

    Eduard und Stefanie Tscheppe sind in ihrem „Gut Oggau“, das sie bio-dynamisch bewirtschaften und großartige Weine erschaffen, einen ganz anderen Weg gegangen: „Wir haben die Monokultur gebrochen und haben deshalb, neben den Trauben, ganz andere Ernten eingefahren, wie zum Beispiel Brennnessel, Löwenzahn, Wermut, Kamille und Schafgarbe.“

    Daraus stellen die Tscheppes einen Auszug her, der ganz zart, ohne Zugabe von Kohlensäure perlt. „Gut Feeling“ heißt das feine Getränk und zeigt dabei die ganze Eigenständigkeit vom Gut Oggau.

    Gut Feeling, Gut Oggau, € 19.50, www.weinamlimit.de

    Mit Luft: Zugegeben, die Aktion macht immer Eindruck am Tisch. Bei mäßigen Weinen in den vielen ebensolchen Lokalen ist sie geradezu lächerlich. Dem Primitivo aus Apulien beim Haus-Italiener ist die Karaffe völlig egal. Nicht aber den anspruchsvollen und vielleicht etwas zu jungen Weißweinen (!), gerbstoff-betonten Rotweinen und, ja, manchmal gereiften Champagnern. In diesen Fällen muss die Sauerstoff-Dusche, die man durch das Karaffieren erreicht, gar nicht so üppig, mit einer weit gefassten Karaffe, ausfallen.

    Das perfekte Gefäß kommt aus derselben Manufaktur wie die Gläser, die man von Südafrika bis zur Mosel antrifft, wenn es um große Weine im Weingut oder im Restaurant geht. Die Blüten, die aus dieser Qualität entstehen, sind erwähnenswert: Mittlerweile gibt es bereits Lokale, die Gläser-Pfand dafür verlangen. Und Mitbewerber, die sich an Plagiaten versuchen. Gerne vergeblich oder durch Gerichts-Urteile gestoppt.

    „67“ heißt die Karaffe, die, ganz schlank, Wasser und Wein aufnimmt und mit einer schlichten Glaskugel als Verschluss, elegant bewahrt und ganz praktisch in die Kühlschrank-Tür dabei passt.

    Karaffe „67“, € 128.90, www.zaltoglas.at

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