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Wie noch miteinander reden? So liest sich „Sommer 24“ von Navid Kermani

Literatur

Wie noch miteinander reden? So liest sich „Sommer 24“ von Navid Kermani

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    Der Schriftsteller Navid Kermani hat seinen neuen Roman „Sommer 24“ vorgelegt.
    Der Schriftsteller Navid Kermani hat seinen neuen Roman „Sommer 24“ vorgelegt. Foto: Thomas Banneyer/dpa

    Manchmal kommen die Bücher, die Licht in diese komplizierte Gegenwart bringen, bescheiden daher. Nur 150 Seiten stark ist Navid Kermanis neuer Roman „Sommer 24“, der im Titel schon sein Thema trägt. Es ist der Sommer, in dem Donald Trump in den USA wieder Wahlkampf führt, in dem Joe Biden zurückzieht und Kamala Harris doch keine Chance aufs Präsidentenamt hat. Es ist der Sommer, in dem Israel das Kampfgebiet nach dem Terroranschlag am 7. Oktober 2023 ausweitet und nun auch im Libanon Krieg führt. Kermani greift dazu noch weiter aus, weil bei ihm Spuren in den Iran führen sowie zu einer Begegnung mit Ruhollah Chomeini in Paris – im Jahr 1978 bevor die islamische Revolution Erfolg hat.

    Vor diesem großen weltpolitischen Geschehen webt Kermani in lockerem Ton Episoden aus dem Leben seines Ich-Erzählers und Alter Egos ein. Es gibt da die Freundschaft zu einem berühmten Münchner Galeristen, der seine Galerie schließen musste, als er Sympathien für die AfD geäußert hat. Ein alter Jude, Nachfahre von Holocaust-Überlebenden, der seine liberalen Überzeugungen verliert, sich vehement gegen die deutsche Flüchtlingspolitik stellt, seine liberalen Überzeugungen verliert und für den Ich-Erzähler immer unmöglicher wird. Beide reden nicht mehr miteinander. Dann bekommt der Ich-Erzähler aber mit, dass Rudolf seinem Leben selbst ein Ende setzen will. Er stattet dem Ex-Galeristen einen Besuch ab: am Abend vor dem Suizid.

    Kermani verhandelt Sprachgrenzen in seinem neuen Roman

    Kermanis Roman wirkt wie eine Reflexion darüber, wie viel Gegensatz Sprache heute überbrücken kann. Wie ein Pendant zu Rudolf wirkt Olaf, der ebenfalls einmal liberal war, jetzt aber bedingungsloser Unterstützer der Palästinenser im Gaza-Krieg ist. Argumente, die diese einseitige Unterstützung ins Wanken bringen, lässt er nicht gelten. Dazu meldet sich eine Frau beim Ich-Erzähler, über die der junge Romancier eine seiner ersten Geschichten geschrieben hat, ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Vergewaltigung. In dem Brief wirft sie ihm vor, dass er, der Autor, sie ebenfalls vergewaltigt habe. Der Erzähler besucht sie in der Psychiatrie, versucht sich zu rechtfertigen und hat Angst davor, dass die Vorwürfe publik werden.

    Kermani stellt Thomas Mann und Antonin Artaud gegenüber

    In „Sommer 24“ gibt es keine einfachen Antworten, sondern diese Fülle an Motiven. Der Erzähler liest Thomas Mann und bereitet sich auf eine Jubiläumsrede vor. Doch er wird nicht warm mit diesem kühlen Mann. Dem entgegen stellt Kermani den französischen Schauspieler und Dramatiker Antonin Artaud, dessen Theater der Grausamkeit heute wie eine Zumutung klingt. Dieser Artaud war ebenfalls viele Jahre in der Psychiatrie. Motive werden gedoppelt, werden kontrastiert. Und es geht auch um die Kunst, wenn beschrieben wird, wie die Schauspielerin Simone Thoma während den Proben für einen Artaud-Abend gestorben ist. Statt einer Trauerfeier wünschte sie sich die Premiere des Stücks. „Als Aufführung war der Abend misslungen, konnte so unmittelbar nach dem Tod nicht gelingen, die wirkliche Trauer erstickte das Trauerspiel.“

    Eine einfache Antwort auf diesen „Sommer 24“, auf die Polarisierung der Gesellschaft, hat Kermani nicht. Und doch weist der Roman einen Weg: die Komplexität dieser Gegenwart wahrnehmen, ihre Vergangenheit miteinholen und das Blickfeld auf weit stellen. Lesenswert!

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