Die Präsenz seiner Gedichte in großen Lyriksammlungen ist bezeichnend für die Wahrnehmung, die diesem Autor widerfährt. Finden sich im „Großen Conrady“, dem „Buch deutscher Gedichte“, in der Ausgabe von 2008 noch sechs Gedichte von Heinz Piontek, so hat die 2023 erschienene Neuauflage des „Ewigen Brunnen – Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten“ keine Zeile mehr von ihm für aufnehmenswert befunden. Dabei war Heinz Piontek lange Zeit ein Name, der nicht zu übersehen war, wenn man sich für Literatur interessierte, der mit Gedichten oder Erzählungen selbst in den Schulbüchern begegnete. „Dreimal war er sogar im bayerischen Deutsch-Abitur vertreten“, sagt Anton Hirner, der wohl beste Kenner von Pionteks Leben und Werk.
Hirner tut sein Möglichstes, um die Erinnerung an den mittlerweile fast vergessenen Piontek zu bewahren. Dazu hat er dem Dichter in Lauingen an der Donau in ehemaligen Klosterräumen ein kleines, feines Museum eingerichtet, das seit zwölf Jahren besteht. Heinz Piontek ist für Anton Hirner zu einer Lebensaufgabe geworden. Der 70-Jährige rührt, wo er kann, die Trommel für den Dichter, führt ein Piontek-Archiv, bestückt eine Website, tätigt Ankäufe, gibt einschlägige Bände heraus. Sein jüngstes Projekt: Ein Literaturweg für Piontek entlang der Donau zwischen Lauingen und Dillingen, der an diesem 15. November eingeweiht werden soll. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, es ist der 100. Geburtstag des Dichters.
Die ersten Gedichtbände brachten Piontek raschen Erfolg
Wer war Heinz Piontek? Geboren 1925 im oberschlesischen Kreuzburg, wurde er 1943 zum Kriegsdienst eingezogen. Nach dem Krieg und der Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft bewog ein Freund den heimatlos Gewordenen, ins schwäbische Lauingen zu ziehen. Dort lernte Piontek nicht nur seine Frau kennen, sondern beschloss auch, künftig als freischaffender Schriftsteller zu leben. Mit seinen ersten, Anfang der 50er Jahre erschienenen Gedichtbänden „Die Furt“ und „Die Rauchfahne“ hatte er schlagartig Erfolg. 1955 zog er nach Dillingen, sechs Jahre später weiter nach München. Pionteks Werk umfasst nicht nur Lyrik, sondern auch Erzählungen, Romane, Essays, Autobiografisches und Übersetzungen. Vielfach wurde er mit Preisen ausgezeichnet, gipfelnd 1976 in der Verleihung des Büchner-Preises – was fatalerweise jedoch zum Knickpunkt in Pionteks literarischer Laufbahn wurde. Denn die Preisvergabe zog heftige Polemiken in Teilen des Feuilletons nach sich, der Preisträger wurde als gestriger Naturlyriker geschmäht, die gesellschaftspolitische Relevanz seines Schreibens in Abrede gestellt. Die Reaktionen setzten Piontek heftig zu, zunehmend hatte er auch mit Depressionen zu kämpfen, setzte sein Schreiben jedoch unbeirrt fort. 2003 starb er, auf dem Friedhof in München-Feldmoching befindet sich sein Grab.
Anton Hirner ist heute sein Nachlassverwalter. Der Lauinger ist kein Germanist, von Berufs wegen arbeitete der Betriebswirtschaftler zuletzt als freier Projektentwickler. Für Gedichte aber zeigte er schon immer Interesse, und so stieß er eines Tages auf die Lyrik Pionteks – und ließ sich von ihr gewiss auch deshalb faszinieren, wie Hirner einräumt, dass der Dichter entscheidende Jahre hier in Lauingen und Dillingen verbracht hat. Piontek selbst ist Hirner nicht mehr begegnet, umso intensiver begann er, Kontakt herzustellen zu Personen, die Piontek nahestanden. Darunter die seinerzeit bereits hochbetagte Schwester, die ihm Sammlungsstücke für das Museum in Lauingen überließ und ihn auch zum Rechtsnachfolger einsetzte. Parallel dazu sammelte und kaufte Hirner Erstausgaben und Briefkonvolute, den eigenen Geldbeutel nicht schonend, ließ eine Gedenktafel am einstigen Lauinger Wohnhaus anbringen.
Im Austausch mit Paul Celan
Natürlich bedauert er, dass der Stern des Dichters mehr und mehr im Sinken begriffen ist. Teilweise macht er dafür die Germanistik hierzulande verantwortlich. „Die macht einen Bogen um Piontek.“ Sehr im Gegensatz zu den Kollegen in Polen - an der Uni in Breslau, wohin Hirner Kontakt pflegt, bestehe eine rege Auseinandersetzung mit dem gebürtigen Schlesier Piontek. Dabei führe doch gerade das Lauinger Museum vor, welchen Stellenwert der Dichter einst in der Nachkriegs-Literaturszene besaß. Hirner zieht zum Beleg Bände aus Pionteks umfangreicher Lyrikbibliothek hervor, in denen der Dichterkollege Paul Celan, der auch selbst Piontek-Bücher besaß, persönliche Widmungen geschrieben hat. Der Nachlassverwalter mag die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich dereinst ein Student für eine Doktorarbeit dem Schaffen Pionteks zuwenden möge. „Hier und im Bayerischen Staatsarchiv, wohin Piontek seinen Vorlass gegeben hat, ist alles vorhanden“, sagt Hirner, „das sind doch paradiesische Verhältnisse für eine Doktorarbeit.“
Jetzt aber ist erst einmal die Einweihung jenes Projekts angesagt, das Hirner in den letzten Jahren stark beschäftigt hat: der Piontek-Literaturweg entlang der Donau. 14 quaderförmige, brusthohe Stelen aus Edelstahl sind zwischen Lauingen und Dillingen am Fluss entlang aufgestellt, eine jede von ihnen mit Texten Pionteks bestückt. Zumeist sind es Gedichte, etwa das frühe „Die Furt“, das anhebt mit den Versen: „Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie, / dort ist die seichteste Stelle. / Wolken im Wasser, wie nahe sind sie! / Zögernder lispelt die Welle.“ Aber auch Biografisches informiert über den Dichter.
Das kleine, mit Fotos, Erstausgaben, persönlichen Hinterlassenschaften und präzise informierenden Texttafeln bestückte Museum, eine nach Heinz Piontek benannte Straße, nun der neue Literaturweg am Fluss – Lauingen ist dank Hirner und einiger Mitstreiter zu einem Erinnerungsort an den Dichter geworden. Was er als nächstes im Sinn hat in Sachen Piontek? „Jetzt“, sagt Hirner mit Blick auf das Erreichte, „muss ich erst mal durchatmen.“
Das Heinz Piontek Museum in Lauingen (Brüderstraße 10) ist nur nach vorheriger Anmeldung geöffnet, telefonisch unter 09072 – 910 44 oder per Mail unter anton.hirner@gmx.de. Ausführlich über Heinz Piontek informiert die Website www.heinz-piontek.de.
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