Ein gedeckter Frühstückstisch in einer kleinen Stube. Wallace sitzt da und liest Zeitung, Gromit löffelt seine Schoko-Pops. Das Arrangement gleicht einer Filmkulisse, nur deutlich verkleinert. Besucher blicken durch Glas auf diese Miniatur und damit in die Welt der Figuren des britischen Animators Nick Park, die fast jedes Kind kennt. Die Ausstellung „Inside Aardman: Wallace & Gromit and Friends“ im Young V&A, einer Dependance des Victoria and Albert Museums im Osten Londons, setzt genau hier an und zeigt, wie dieses filmische Universum aus Knete, Metall und Schaumstoff entsteht.
Dazu führt sie gefühlt mitten hinein in die Werkstatt des britischen Animationsstudios Aardman, das seit über 50 Jahren Figuren erschafft, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben – von Wallace, dem Erfinder, bis Shaun das Schaf. Parks spezieller Humor und der Fokus auf handgemachte Knetanimation („Claymation“) sind dabei stilprägend geworden. Mehr als 150 Objekte sind zu sehen, darunter frühe Skizzen von Feathers McGraw, dem Pinguin-Bösewicht, Puppen wie Robin, ein kleines Rotkehlchen aus dem Film „Robin Robin“ (2021) sowie das rostig wirkende U-Boot aus „Wallace & Gromit – Vergeltung mit Flügeln“ (2024). Die Ausstellung zeigt, wie diese zum Leben erweckt werden: vom ersten Strich bis zum fertigen Film.
Ausstellung zeigt frühe Entwürfe von Shaun und Wallace
Am Anfang stehen die Entwürfe. Frühe Zeichnungen von Morph, einer einfachen Knetfigur aus den Anfangsjahren des Studios, und erste Skizzen von Shaun, dem Schaf, zeigen, wie reduziert diese Figuren zunächst angelegt sind. Wallace selbst, so lernen die Besucher, sah zunächst anders aus: Sein Gesicht war länglicher, schmaler. Erst mit der Stimme von Peter Sallis, dem britischen Schauspieler, der Wallace im Original sprach, veränderte Nick Park dessen Form. Aus dem gesprochenen Wort formte sich die Figur – mit runden Wangen und dem breiten Grinsen, das besonders gut zu einem Wort passt: „Cheese“.
Anschließend geht es um die Figuren selbst. Im Inneren verbergen sich feine Metallskelette, sogenannte Armaturen, die jede Bewegung erst möglich machen. Darüber liegen Schichten aus Schaumstoff, Knete oder Stoff, je nach Figur und Oberfläche. So entsteht aus einem technischen Gerüst nach und nach ein Charakter – vom weich geformten Shaun bis zu detailreichen Figuren wie Wallace oder den Hühnern aus Chicken Run. Die Ausstellung zeigt diesen Prozess Schritt für Schritt, etwa am „Were-Rabbit“, in Anspielung auf einen „Werewolf“, aus „Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ (2005), der vom bloßen Drahtgestell bis zur fertigen Figur zu sehen ist.
Dann blicken Besucher in die Welt, in der diese sich bewegen. Sets, Requisiten, ganze Szenerien, gebaut bis ins Detail. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt die Gefängniszelle von Feathers McGraw, dem Pinguin-Schurken aus „Vergeltung mit Flügeln“. Die Zelle ist als Miniatur vollständig eingerichtet, mit Bett, Kommode und Waschbecken. Was sich hier beobachten lässt, ist weniger die Technik als ihre Wirkung. Schon kleine Veränderungen im Licht verschieben die Atmosphäre: Schatten werden härter, Räume enger, Figuren bedrohlicher oder harmloser. In der Ausstellung können Besucher diese Wirkung selbst ausprobieren und die Beleuchtung regulieren.
Videos zeigen Details der Stop-Motion-Arbeit
Videos geben an mehreren Stellen Einblick in die Kulissen der Produktion. Sie zeigen Hände bei der Arbeit, minimale Bewegungen, die später ganze Szenen tragen – etwa am Kanalboot „Dun Nickin“, ebenfalls aus „Vergeltung mit Flügeln“, das Bild für Bild über das Wasser bewegt wird. Auch Gromit wird für jede noch so kleine Regung immer wieder neu positioniert. Erst aus Hunderten einzelner Fotos entsteht schließlich eine zusammenhängende Szene.
An anderer Stelle wird deutlich, wie Stop-Motion funktioniert – nicht als abstraktes Prinzip, sondern als etwas, das sich sofort ausprobieren lässt. Zwei Besucher schieben ein Spielzeugauto allmählich auf ein Playmobilmännchen zu. Foto für Foto wird die Szene aufgenommen, bis sie auf dem Bildschirm schließlich wie eine zusammenhängende Handlung wirkt. So zeigt die Ausstellung, wie wenig es braucht, um eine Geschichte in Bewegung zu setzen – und wie viel Geduld in jedem einzelnen Moment steckt.
Besucher erleben Tonkunst mit Alltagsgegenständen in der Ausstellung
Auch der Ton entsteht aus vielen einzelnen Teilen. Videos zeigen, wie für die Filmmusik von „Robin Robin“ ein ganzes Orchester zusammenkommt, während für Szenen jedes Geräusch separat erzeugt wird – sei es für Bewegungen oder Alltagsklänge. In der Ausstellung lässt sich das nachvollziehen: Ein Mädchen steht vor einer Auswahl einfacher Gegenstände, ahmt damit das Surren einer Säge nach, setzt Schritte mit einem Paar Schuhe. So wird erfahrbar, wie der Ton Figuren und Szenen zum Leben erweckt.
Am Ende führt der Rundgang in einen Bereich mit Bänken und Sitzkissen. Vor schwarzem Hintergrund laufen Szenen aus „Robin Robin“ und Wallace-&-Gromit-Filmen. Die Besucher bleiben stehen und schauen anders hin. Nicht mehr nur auf die Geschichte, sondern auf das, was darunterliegt: die Figuren, ihre Bewegungen, die Geräusche, die Musik. In Zeiten, in denen Videos innerhalb von Sekunden durch KI generiert werden können, wird hier sichtbar, was diese Arbeit des Aardman Studios ausmacht. Es entsteht jener einzigartige Charme, den automatisch hergestellte Bilder vielleicht niemals werden erzeugen können.
Informationen: „Inside Aardman: Wallace & Gromit and Friends“ ist im Young V&A in Bethnal Green, dem Ableger des Victoria and Albert Museums im Osten Londons, zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis 15. November 2026. Geöffnet ist täglich von 10 bis 17.45 Uhr.
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